Menschenliebe davon , und er folgte dem Zuge mit banger Sorge , denn ihn quälte die Furcht , der Kranke möchte unterwegs sterben , und es war ihm eben so peinlich , daran zu denken , was auf den Fall alle seine Pfarrkinder von ihm sagen möchten , als wie sehr ihn sein eigenes Gewissen beunruhigen würde . Der Graf suchte den Pfarrer von den Vorwürfen des Arztes zu erlösen , indem er erklärte , er , als der Grundherr , würde es nicht wohl haben zugeben können , daß der Verwundete , der ein feindlicher Offizier scheine , sich anderswo , als unter seinen Augen aufhielte , so lange , bis eine Bestimmung über ihn von der Regierung einträfe . Der Arzt schwieg zwar einen Augenblick , wendete sich aber gleich wieder zum Pfarrer und rief : Ich hätte mir den Kranken nicht entgehen lassen , Sie haben immer unrecht gethan ! Nach aufgehobener Tafel zogen sich die Frauen in ihre Zimmer zurück , und der Graf , begleitet vom Arzt und Prediger , besuchte noch einmal den Kranken ; sie fanden ihn schlafend , und Dübois berichtete , er sei in so weit zu sich gekommen , daß man ihm einige Arzneien und auch einige Nahrungsmittel habe einflößen können , darauf sei er eingeschlafen . Gut , sehr gut , rief der Arzt , nun gewacht , darauf geachtet , wenn er aufwacht , dann gleich zu mir gekommen und mich gerufen , damit wir sehen , was alsdann zu thun ist ; nur den Schlaf des Kranken nicht gestört , der Schlaf stärkt und beruhigt alle Nerven . Der Arzt hatte die Gewohnheit , alle seine Verordnungen entweder in so abgerissenen Sätzen zu geben , oder sehr weitläuftig auseinander zu setzen , weßhalb dieses oder jenes geschehen solle , und die beabsichtigte Wirkung genau zu zu beschreiben , in der Regel wendete er aber die lezte Art , seine Verordnungen mitzutheilen , nur bei Gebildeten an , von denen er voraussetzte , daß sie ihn verstehen könnten . Der Graf sagte freundlich zu dem alten Haushofmeister : Sie werden doch , lieber Dübois , nicht die Nacht aufbleiben wollen ? Es würde Sie bei Ihrem Alter zu sehr angreifen ? Der gnädige Herr Graf bemerken , sagte der alte Mann , daß ich es mir schon in dieser Absicht bequem gemacht habe . ( Er hatte einen weiten braunen Oberrock angezogen . ) Es wird mir nichts schaden , einige Nächte aufzubleiben , und ich habe denn doch , wenn Gott den Kranken zu sich nehmen sollte , ein ruhiges Gewissen . Er sah in diesem Augenblicke auf das bleiche Gesicht des Verwundeten und konnte seine Thränen nicht zurückhalten , ob er es gleich nicht schicklich fand , in Gegenwart des Grafen zu weinen . Dieser drückte ihm gerührt die Hand und sagte : Sie sorgen stets so treu für Andere und so wenig für Sich selbst , denken Sie daran , wie sehr es die Gräfin und mich schmerzen würde , Sie zu verlieren , und schonen Sie sich . Der alte Mann hielt einen Augenblick die Hand des Grafen , und sah ihm mit Dankbarkeit und Entzücken in die Augen . Er kam sich in diesem Augenblicke vor wie der Diener eines hohen Fürsten aus der guten alten Zeit vor der französischen Revolution , dessen Treue und Ergebenheit öffentlich von seinem Herren vor den Edeln des Reichs anerkannt wird . Der Graf drückte noch einmal seine Hand und sagte mit großer Güte : Gute Nacht dann , lieber Dübois ; schlafen Sie wohl , meine Herren , sagte er drauf mit einer Verbeugung zum Arzt und Pfarrer , und verließ das Zimmer . Dübois schwieg , aber seine Liebe für den Grafen und die Gräfin wuchs diesen Abend zu einem so hohen Grade , daß keine Opfer , welche sie auch von ihm hätten fordern können , ihm zu groß gedünkt hätten . Der Arzt bemerkte , daß es noch nicht spät sei , und lud den Pfarrer ein , da nun die Geschäfte des Tages vollbracht wären , noch ein Stündchen ihm auf seinem Zimmer bei einer Pfeife Tabak Gesellschaft zu leisten . Diese Einladung wurde vom Pfarrer um so bereitwilliger angenommen , je mehr er sich längst darnach gesehnt hatte , seine gewohnte Abendpfeife in behaglicher Ruhe bei einer zwanglosen Unterhaltung zu rauchen . III Schon längst war es der sehnlichste Wunsch des Pfarrers gewesen , die nähern Familienverhältnisse des Grafen zu erfahren . Ohne bösartig zu sein , wurde er von einem inneren Verlangen getrieben , Alles zu erforschen , was irgend einen Menschen oder eine Familie betraf , die zu dem Kreise seiner Bekanntschaft , wenn auch in weitester Entfernung , gehörten ; ja , Manche , die ihn näher kannten , behaupteten , seine große Dienstfertigkeit entspringe zum Theil daher , weil sie ihm Gelegenheit verschaffe , Manches zu erfahren , was ihm verborgen bleiben würde , wenn er sich nicht willig mit den Angelegenheiten vieler Menschen beschäftigte . So kam es , daß er der allgemeine Rathgeber der ganzen Gegend war , ihr Rechtsfreund , wenn die Prozesse nicht zu wichtig waren , der Arzt aller Bauern und Beamten , die weit lieber ihm ihre Gesundheit anvertrauten , als sich an einen wirklichen Arzt wendeten . Er häufte auf diese Weise Arbeit und Beschwerden aller Art auf sich , und fühlte sich vollkommen belohnt , wenn seine Klienten und Patienten alle Fragen , die er ihnen vorlegte , gewissenhaft , genau und treu beantwortteten , dagegen konnte er aber in unbescheiden üble Laune gerathen , wenn es sich Jemand beikommen ließ , nur seine Arzneimittel oder seinen Rath benutzen zu wollen , ohne ihm weitere Auskunft über sich und Andere zu geben , so wie er eine mitleidige Verachtung gegen die Wenigen empfand , die in der That nichts zu sagen wußten , weil sie sich nicht um die Angelegenheiten Anderer bekümmerten ; einem Solchen konnte er mit wahrer