für seine Kunst , hatten ihn zu ihrem leidenschaftlichen Bewunderer gemacht , und wenn sein Verstand , wenn die oberflächlichste Betrachtung der äußern Verhältnisse ihm jeden entfernten Wunsch niederschlugen , so wiederholte er sich auf der andern Seite doch so manche leise Spur ihrer besondern Gunst mit unermüdeter Selbstüberredung , wobei er freilich nicht vergessen durfte , daß er in dem Herzog einen sehr geistreichen Nebenbuhler zu fürchten habe , der ihm überdies , was Gewandtheit und schmeichelhaften Ton des Umgangs betrifft , bei weitem überlegen war . Die Leidenschaft des Herzogs war Theobalden desto drückender , je inniger sonst ihr beiderseitiges Verhältnis hätte sein können , dagegen nun der letztere seinem arglosen fürstlichen Freunde gegenüber eine heimliche Spannung nur mit Mühe verleugnete . Übrigens hatte er wohl Grund , sich über seine wachsende Neigung so gut wie möglich zu mystifizieren , denn eine früher geknüpfte Verbindung machte noch immer ihre stillen Rechte an sein Herz geltend , obwohl er dieselben mit einiger Überredung des Gewissens bereits entschieden zu verwerfen angefangen hatte Das reine Glück , welches der unverdorbene Jüngling erstmals in der Liebe zu einem höchst unschuldigen Geschöpfe gefunden , war ihm seit kurzem durch einen unglückseligen Umstand gestört worden , der für das reizbare Gemüt alsbald die Ursache zu ebenso verzeihlichem als hartnäckigem Mißtrauen ward . Die Sache hatte wirklich so vielen Schein , daß er das entfernt wohnende Mädchen keines Wortes , keines Zeichens mehr würdigte , ihr selbst nicht im geringsten den Grund dieser Veränderung zu erkennen gab . Mit unversöhnlichem Schmerz verhärtete er sich schnell in dem Wahne , daß der edle Boden dieses schönen Verhältnisses für immerdar erschüttert sei , und daß er sich noch glücklich schätzen müsse , wenn es ihm gelänge , mit der Bitterkeit seines gekränkten Bewußtseins jeden Rest von Sehnsucht in sich zu ertöten und zu vergiften . In der Tat blieb aber dieser traurige Verlust nicht ohne gute Folgen für sein ganzes Wesen denn offenbar half diese Erfahrung nicht wenig seinen Eifer für die Kunst beleben , welche ihm nunmehr ein und alles , das höchste Ziel seiner Wünsche sein sollte . Vermochte er nun aber nach und nach über eine schmerzliche Empfindung , die ihn zu verzehren drohte , Herr zu werden , so war auf der andern Seite das Mädchen indessen nicht schlimmer daran . Agnes glaubte sich noch immer geliebt , und dieser glückliche Glaube ward , wie wir später erfahren werden , auf eine wunderliche Art , ganz ohne Zutun Theobalds , unterhalten , während er schon eine freiwillige Auflösung des Bündnisses von ihrer Seite zu hoffen begann , denn das Ausbleiben ihrer Briefe nahm er ohne weiteres für ein Zeichen ihres eigenen Schuldbewußtseins . In dieser halbfreien , noch immer etwas wunden Stimmung fand er die Bekanntschaft mit der Gräfin Constanze , und nun läßt sich die Innigkeit um so leichter begreifen , womit die gereizten Organe seiner Seele sich nach diesem neuen Lichte hinzuwenden strebten . Im Spanischen Hofe , so hieß das bedeutendste Hotel der Stadt , war es am Abende des letzten Dezembers , wo die vornehme Welt sich bereits eifrig zur Maskerade zu rüsten hatte , ungewöhnlich stille . In dem hintersten grünen Eckzimmer leuchteten die beiden hellbrennenden Hängelampen nur zweien Gästen , wovon der eine , wie es schien , ein regelmäßiger , mit Welt und feinerer Gasthofsitte wohlvertrauter Besuch , ein pensionierter Staatsdiener von Range , der andere ein junger Bildhauer war , der erst vor wenig Stunden in der Stadt anlangte . Sie unterhielten sich , in ziemlicher Entfernung auseinander sitzend , über alltägliche Dinge , wobei sich Leopold , so nennen wir den Reisenden , bald über die zerstreute Einsilbigkeit des Alten heimlich ärgerte , bald mit einem gewissen Mitleiden auf die krankhaften Verzerrungen seines Gesichts , auf die rastlose Geschäftigkeit seiner Hände blicken mußte , die jetzt ein Fältchen am fein schwarzen Kleide auszuglätten , jetzt eine Partie Whistkarten zu mischen , oder eine Prise Spaniol aus der achatnen Dose zu greifen hatten . Das Gespräch war auf diese Weise ganz ins Stocken geraten , und um ihm wieder einigermaßen aufzuhelfen , fing der Bildhauer an : » Unter den Künstlern dieser Stadt und des Vaterlandes soll , wie ich mit Vergnügen höre , der junge Maler Nolten gegenwärtig große Aufmerksamkeit erregen ? « Diese Worte schienen den alten Herrn gleichsam zu sich selber zu bringen . Seine Augen funkelten lebhaft unter ihrer grauen Bedeckung hervor . Da er jedoch noch wie gespannt stille schwieg und eine Antwort nur erst unter den schlaffen Lippen zurechtkaute , fuhr der andere fort : » Ich habe seit drei Jahren nichts von seiner Hand gesehen und bin nun äußerst begierig , mich zu überzeugen , was an diesem ausschweifenden Lobe , wie an den heftigen Urteilen der Kritiker Wahres sein mag . « » Befehlen Sie « , sagte der Alte fast höhnisch , » daß ich nun mit einem hübschen Sätzchen antworte , wie etwa vielleicht in der Mitte liegt das fürtreffliche Talent , das seine bestimmte Richtung erst sucht - oder : es ist das Größte von ihm zu hoffen , wie das Schlimmste zu fürchten - und was dergleichen dünnen Windes mehr ist ? Nein ! ich sage Ihnen vielmehr geradezu , dieser Nolten ist der verdorbenste und gefährlichste Ketzer unter den Malern , einer von den halsbrecherischen Seiltänzern , welche die Kunst auf den Kopf stellen , weil das ordinäre Gehen auf zwei Beinen anfängt langweilig zu werden ; der widerwärtigste Phantasie-Renommiste ! Was malt er denn ? eine trübe Welt voll Gespenstern , Zauberern , Elfen und dergleichen Fratzen , das ist ' s , was er kultiviert ! Er ist recht verliebt in das Abgeschmackte , in Dinge , bei denen keinem Menschen wohl wird . Die gesunde , lautere Milch des Einfach-Schönen verschmäht er und braut einen Schwindeltrank auf Kreuzwegen und unterm Galgen ; apropos , mein Herr ! « ( hier lächelte er ganz geheimnisvoll ) » haben Sie schon