gesprengt , und gebot mit überaus milder Stimme , den Unglücklichen fahren zu laßen , der sichtlich Hülfe bedürfe . Der Ton dieser Stimme fiel wie Balsam auf des Marquis innere Wunden , er wußte nicht , wie ihm geschah , der Zorn hatte keine Kraft mehr in ihm , Thränen stürtzten aus seinen Augen , er wollte dem jungen Mann um alles nur einmal ins Gesicht sehn , aber der hatte sein Pferd gewandt , und der Wagen flog schnell davon . Der Köhler ließ jetzt den Marquis aus seinen Armen . Verzeiht , lieber Herr ! sagte er leise , wenn Euch meine Worte verdrossen haben , aber ich wußte kein ander Mittel , und es ist doch nun auch alles gelungen . Der Marquis erwiederte nichts , drückte sich in eine Ecke des Wagens und bemerkte es kaum , daß unwillkührlich ein Gebet über seine Lippen flog . Der Köhler zog einen Rosenkranz aus dem Futter seines Rockes und betete still mit , bis der Marquis eingeschlafen war . Dieser sah im Traum den jungen Mann in allerlei bekannter Gestalt hin und herschwanken . Paris , das verwüstete Schloß , er selbst , seine früherer Soldatenstand , alles rankte sich in ein buntes Geflecht zusammen , zuletzt trat die verstorbene Marquise zu ihm , sie hielt den Finger auf das geheimnißvolle Buch , die magischen Zeichen flossen alle in einander , dann traten wieder Buchstaben einzeln herauf , aber er konnte sie nicht festhalten , und vergaß einen über den andern , da wollte er fragend zu der Marquise hinsehn , die war nicht mehr da , das Buch aber , was er in der Hand hielt , war die Bibel . Die Bibel ! - sagte er träumend , als jetzt der Wagen hielt und der volle Tag das Kloster beschien , welches am Abhang eines ausnehmend frischen und blühenden Hügels vor ihm lag . Der Köhler öffnete den Schlag , der Marquis sah gerührt auf ihn hin , reichte ihm in schweigender Beschämung die Hand , und ging nun , von der treuen Seele geleitet , den Steg hinan . Sie fanden die großen Flügelthüren achtlos angelehnt , das Gebäude wie ausgestorben , alle Zellen offen und leer ! Dem Marquis klopfte das Herz in unaussprechlicher Angst , auch der Köhler ward unruhig , indeß fanden sie keine Spur irgend einer Gewaltthätigkeit . Freiwillige Auswanderung nur war denkbar , doch so plötzlich erschien auch diese unbegreiflich . Sie setzten daher ihre Nachforschungen mit möglichster Sorgfalt fort . Alle Schlupfwinkel waren bereits durchsucht , als sie hinter einem Pfeiler in der Kapelle eine Thür wahrnahmen , sie öffneten und eine Treppe hinuntergingen , welche zu mehrern labyrinthisch in einander fortlaufenden Gewölben führte . Der schräge Strahl eines fernen Lichtscheines gab ihrer Wanderung hier bestimmte Richtung . Sie traten auch bald in eine weite Halle , deren schöne Verhältnisse und schlanke Säulenpracht , den Eintretenden das Gefühl heimathlicher Ruhe und tiefen Ernstes in die Seele legte . An den Seiten standen viel kostbare Särge in Nischen , welche zugleich die steinernen Bildnisse verstorbener Klosterfrauen einschlossen . Aus dem Hintergrunde strahlten mehrere Kerzen herauf und verbreiteten ein heiteres Licht über die einfach große Erscheinung . Das bewegliche Gemüth des Marquis war auf das Höchste gespannt , als die Aebtissin , durch den Anblick des Köhlers jeder Erklärung überhoben , von mehrern Jungfrauen begleitet , vortrat , und dem Marquis ein überaus zartes , fast kindisches Wesen , mit blondem Lockenköpfchen und schmeichelndem Augenpaar , zuführte . Mehr hinter ihr , als zu ihrer Seite , schritt eine hohe Gestalt von überaus großer Schönheit , blendendem Auge und strenger Regelmäßigkeit in Wuchs und Gang , langsam , fast zögernd , einher . Der Marquis hatte die Worte : Ihre Kinder ! schon gehört , fühlte die Kleine unter heißen Thränen an seiner Brust , als jene , nicht scheu , nicht schroff , aber sinnig beachtend , dastand , gleichsam , als erwarte ihr Herz , was der ungekannte Vater zu diesem sprechen , was der ganze wunderbare Moment ihr sagen werde . Auch der Marquis sah fragend in ihr Auge und beider Blick brannte in stummen schauervollem Erkennen ineinander . Meine Tochter , sagte er langsam , sich des Unbegreiflichen versichernd , sie neigte sprachlos ihre Stirn auf seine Hand und es schien , als gehe mit dieser Berührung sein ganzes Wesen , zu ihrer Verständigung , in sie über . Unter Gräbern , sagte sie , welche Betrachtung eben in ihm aufstieg , führt uns das rohe Leben zusammen . Es deutet uns wohl auf den trüben Ernst unserer aller Zukunft ! Die Aebtissin sah sie verwundert an , sie hatte sie niemals so bestimmt und dreist sprechen hören . Antonie aber sank zu ihren Füßen , umfaßte ihre Knie und flehete mit nie geäußerter Heftigkeit um ihren Segen . Die bewegte Frau legte ihre Hände segnend auf beide Schwestern , die kleine lächelnde Marie indeß mit besonders wehmüthiger Inbrunst an ihre Brust drückend . Drauf führte sie beide nochmals den Vater zu und ließ der Natur still geheimnißvolle Sprache sich ungehindert offenbaren ! Fünftes Kapitel Nach diesen ersten , gefeierten Momenten kam es sodann bald zwischen dem Marquis und der Aebtissin zu den nöthigen Erörterungen . Sie sagte ihm : daß die gehäuften Truppenmärsche dieser Tage , Lyons nahender Fall , die immer wachsende Zügellosigkeit und Gewalt der Republikaner , ihr Kloster jedem Angriff blosgestellt und sie zu dieser letzten Zuflucht hinabgedrängt habe , welche ihr jedoch nur sehr Augenblicklichen Schutz gewähren dürfe ; sie sei deshalb erfreut , ihre Pfleglinge seinem Händen zurückgeben zu können , indem sie nur für diese gesorgt , ungewiß , welcher Parthei er , der Marquis , beigetreten sei , oder welche Pläne er für seine Familie entworfen habe , die sie vielleicht , nothgedrungen , durch still vorbereitete Flucht und gänzliche Auswanderung zu durchkreutzen , noch vor wenigen Minuten im Begriff gestanden . Er seiner Seits versicherte sie seiner