von Betäubung , dann ist der Gedanke , daß so viele große Männer der Vorzeit nicht mehr wußten , dem ermatteten Sinn Beruhigung , bis eine neue Anregung meine Zweifel auf ' s Neue stürmisch emportreibt , und die Stille meiner Seele stört . Wenn nur irgend eine Leidenschaft , ein würdiger Gegenstand des Ehrgeizes , der Liebe oder Freundschaft meinem unstäten Willen eine bestimmte Richtung , meinen Kräften einen angemessenen Zweck darböte ! Du bist entfernt , du , der allein mich versteht . Hier bin ich ganz einsam . Tiridates ist unstreitig liebenswürdig , und ich glaube - hätten wir uns jünger gekannt - wir wären vielleicht Freunde geworden . Das , was uns jetzt trennt , und unsre vollkommene Vereinigung hindert , liegt nicht sowohl in unserm Innern , als es von Außen angebildet worden ist . Denn über Alles , was dem Menschen , als solchem werth , unschätzbar , heilig ist , denken wir ganz gleich . Aber der frohmüthige Königssohn , am orientalisch-prächtigen Hof Diocletians , in der Gunst des Cäsar Galerius , in Hoffnungen auf den Thron seiner Väter erzogen , kann niemals mit dem unberühmten Sohn des Privatmannes , den Erziehung und Umstände auf einen ganz andern Standpunkt gestellt haben , die Dinge der Welt in einem gleichen Lichte sehen . Wir lieben uns , das ist viel , aber nicht genug für mein Herz , nicht genug für seines , das außer mir noch Manches bedarf , und auch gesucht und gefunden hat . Er liebt Sulpicien , das unglückliche - aber bis dahin tugendhafte Weib eines Andern . Calpurnien lerne ich täglich näher kennen , und täglich entfaltet sich ihr Charakter mehr der ersten Ansicht gemäß , unter der er mir sogleich erschienen war . Sie ist nicht ohne Verdienst , aber sie ist unbeschreiblich leichtsinnig , und das Größte und Würdigste muß , wenn sie die Laune anwandelt , ihrem Witze eben sowohl zum Spielwerk dienen , als das Gemeine und Lächerliche . Wir sind in ewigem Streite mit einander , wir scheinen uns zu hassen , doch weiß ich wohl , daß wir uns im Grunde Beide achten , aber nie - nie nähern werden . Ehrenstellen zu suchen , bei dieser Entartung des Gemeinwesens , bei dieser Auflösung aller heiligen Bande , kann nur Eigennutz oder Ruhmsucht anreizen . Vaterlandsliebe ist ein leerer Schall , und Wirken zum Besten des Ganzen , ein kindischer Traum geworden , seit ein Einziger mit unausweichbarer Gewalt alle Macht in Händen hat , und Senat , Patricier und Volk eine folgsame Heerde Sclaven ist , dieser Senat , der mit derselben Bereitwilligkeit die Mörder des Caligula belohnt , und die Vergötterung eines Caracalla2 unterzeichnet ! - O Tiber hat ihn wohl gekannt und verachtet ! Und wie tief unter jenem steht noch der jetzige , dieses willenlose Spielwerk der Laune eines Einzigen , oder des rohen Uebermuths der Prätorianer ! Ich hasse die Tyrannei , ich fühle mit Schmerz , daß mich das Schicksal um vier oder fünf Jahrhunderte zu spät geboren werden ließ . Dennoch muß ich Diocletian bewundern , dessen Riesengeist und vorzügliche Herrschergaben nicht allein den ganzen Erdkreis , so weit ihn gebildete Nationen bewohnen , sondern , was noch mehr ist , die Leidenschaften derjenigen im Zaum hält , denen Nähe des Throns und oft wiederholtes Beispiel eine ewige Anreizung zu kühnen Versuchen seyn könnte . Doch scheint mir , die Würde der römischen Macht , die der außerordentliche Geist dieses Mannes aus zerfallenden Trümmern herrschend hervorrief , wird wohl mit diesem Geiste stehen und sinken . Nicht Maximians rohe Kraft , nicht Galerius düsteres Gemüth , nicht der weiche Constantius sind der ungeheuren Last gewachsen . Jetzt behauptet Jeder , von des Herrschers Klugheit wohl gewählt , den angewiesenen Platz mit Ehre , und benagt sich leicht und kräftig in seinem Kreis . Doch das ist Täuschung . Es sind nicht sowohl zwei Auguste und zwei Cäsaren , die die römische Welt theilend regieren : es ist ein gewaltiges Genie , das durch die Andern , wie die Seele durch Organe , wirkt . Was entstehen wird , wenn einst diese Seele entweicht , liegt im Dunkel der Zukunft verborgen . Erfreulich kann es auf keinen Fall seyn . Sieh , das ist unser Unglück , daß wir - Bewohner eines Freistaates - so weit gekommen sind , den Tod eines Alleinherrschers fürchten zu müssen ; daß an Einem Geiste das Schicksal der Welt hängt , und in dem von Grund aus verderbten Volke , das einst den ganzen Erdkreis durch seine Helden eroberte , durch seine Staatsmänner regierte , ein solcher Verlust unersetzlich ist . Sein Tod wird das künstliche Band zerreißen , womit er die zerfallenden Glieder des Riesenkörpers wider den Geist der Zeit und der Umstände gewaltsam zusammenhielt , und den Barbaren , die neidisch und gierig unsere Grenzen umlauern , scheue Ehrfurcht gebot . Trüb und düster liegt die Zukunft vor mir , die Gegenwart ist schaal , die Vergangenheit ohne Freuden ; denn meine Kindheit und erste Jugend schwand unter feindlichen Umgebungen hin . Wo soll mein Geist sich hinwenden ? Phocion ! Ich bin nicht glücklich , und mit unendlichem Schmerze fühle ich , daß die Quelle meines Unglücks nicht sowohl in der Welt um mich , sondern in nur selbst liegt . Tausende an meinem Platze würden vergnügt seyn , sind es wirklich . Ich trage Begriffe , Forderungen , Gestalten in meiner Brust , die nimmermehr zu dem passen , was um mich vorgeht . Ich bin in ewigem Kampfe mit der Wirklichkeit , und sie rächt sich nur zu bitter an dem , der ihre Freuden verschmäht . Und wie soll ich ' s ändern ? Kann ich mich umgestalten ? O warum ward mir nicht ein kleiner Theil des holden Leichtsinns zum Loose , der die reizende Calpurnia so sanft über alle Unannehmlichkeiten des Lebens hinwegführt ? Dem trüben Geist , in quälenden Gedanken versunken ,