Atheist zu seyn ; aber nur weil man nicht weiß , was ein Atheist ist . Sey man es immerhin in Beziehung auf den Gott der Priester , und so bald von einer furchtbaren Weltursache die Rede ist ; aber ist die Weltursache von beiden nicht wesentlich verschieden ? In Beziehung auf diese ist es an und für sich unmöglich ein Atheist zu seyn , und versteht man das neue Testament auch nur einigermaßen , so entdeckt man eine auffallende Harmonie zwischen Schrift und Vernunft . Was kann das Christenthum besser charakterisiren , als der Ausspruch : Furcht ist nicht in der Liebe , sondern die Liebe treibet die Furcht aus ? Und was ist zugleich erhabener und umfassender , als der Satz : Gott ist die Liebe , und wer in der Liebe bleibet , der bleibet in Gott und Gott in ihm ? Wir müssen nur nicht außer uns suchen , was nur in uns seyn kann ; und wir sind alles , was wir werden können , wenn unser Geist mit unserem Gemüthe in einer solchen Harmonie stehet , daß die Verletzung desselben uns als eine Vernichtung unsers ganzen Wesens erscheinen muß . « Auf diese Weise erklärte mir mein Pflegevater jedes andere Dogma der christlichen Religion , mir das Geheimniß meines Inneren entschleiernd und mir Achtung vor mir selbst einflößend . Ein Ausspruch , der für ihn einen tiefen Sinn enthielt , und den er mir oft wiederholte , um ein bleibendes Ideal in mich niederzulegen , war der Ausspruch , wodurch der Stifter des Christenthums seine Schüler aufforderte : Klug zu seyn , wie die Schlangen , und ohne Falsch , wie die Tauben . Auch ist mir dieser immer gegenwärtig geblieben . Der Sitte jener Zeiten gemäß , durfte ein junges Mädchen nicht eher öffentlich erscheinen , als bis sie durch die Confirmation dazu berechtigt war ; durch diese erhielt man gleichsam ein Beglaubigungsschreiben der Zulässigkeit und Würdigkeit , und ich gestehe , daß ich diese Einrichtung ungern habe zu Grunde gehen gesehen , weil doch einmal eine gewisse Reife erfordert wird , um das sociale Interesse zu theilen . Mein erster Eintritt in die gesellschaftlichen Kreise der Hauptstadt war ohne allen Eclat . Nach den Vorbereitungen , die ich erhalten hatte , war ich nichts weniger , als verlegen ; aber von allen den gesellschaftlichen Eigenschaften , wodurch man in die allgemeine Stimmung eingreift , war auch keine einzige in mir . Mein Äußeres schien in dieser Hinsicht bei weitem mehr zu versprechen , als mein Inneres zu halten im Stande war . Man brachte mich auf allerlei Witz- und Kitzelproben ; ich bestand keine einzige derselben , weil mein Geist dazu durchaus nicht abgerichtet war . Dagegen trat mein Inneres bei jeder Gelegenheit so ungeschminkt , gesund und kräftig hervor , daß ich denjenigen , die mich durchaus nach sich modeln wollten , alle Lust benahm , ein hartes Urtheil über mich zu fällen . Ich hatte sehr bald das Vergnügen , zu bemerken , daß man sich in allen ernsthaften Dingen vorzugsweise an mich wandte , und mir also den Mangel an Witz um der höheren Verständigkeit willen verzieh , die mir beiwohnte . Wie viel meine gute Miene dazu beitrug , die Gemüther mit meiner Eigenthümlichkeit zu versöhnen , will ich nicht berechnen ; so ausgemacht es auch ist , daß die Anspruchslosigkeit eines sonst klaren und regelmäßig gebildeten Gesichtes immer damit endigen muß , die Herzen zu gewinnen . Mehr als alles Übrige pronirte mich der Beifall bejahrter Frauen in der Meinung des Publikums . Es konnte nicht fehlen , daß ich mit den soliden Eigenschaften , die ich von meiner ersten Jugend an zu erwerben Gelegenheit gehabt hatte , ihnen unendlich mehr Berührungspunkte darbot , als andere junge Mädchen oder Frauen ; und indem sie die schwer erworbene Solidität des Alters in mir wiederfanden , und sich also in mir verjüngt erblickten , blieb ihnen schwerlich etwas anderes übrig , als mir das Wort zu reden , wofern sie sich nicht selbst herabsetzen wollten . Es kam auf diesem Wege nur allzubald dahin , daß ich von Allen gesucht wurde . Man möchte nun glauben , daß ich ein Gegenstand des Neides für andere Mädchen meines Alters geworden sey ; dies war aber durchaus nicht der Fall . Da ich keiner in den Weg trat , so wurde ich mit meiner Gutmüthigkeit ein Stützpunkt für alle , so daß selbst diejenigen von ihnen , welche die meisten Ansprüche auf Werthschätzung machten , mir gegenüber diese Ansprüche fahren ließen , und sich , wenn sie uneins mit sich selbst geworden waren , auf mein Urtheil und meine Entscheidung bezogen . In Wahrheit , es mochte keine alltägliche Erscheinung seyn , ein junges Mädchen von siebzehn bis achtzehn Jahren , das , wo nicht schön , doch wenigstens nichts weniger als häßlich war , in physischer und moralischer Kraft den Ausschlag über ihres gleichen geben , und sich doch niemals überheben zu sehen . Das Räthselhafte dieser Erscheinung wurde durch meine Erziehung gelöset ; allein diese Erziehung wurde wiederum dadurch zum Räthsel , daß die wenigsten Menschen - weil es einmal das Eigenthümliche der menschlichen Natur mit sich bringt , sich vor allen Dingen mit sich selbst zu beschäftigen - die Fähigkeit haben , solche Charaktere , als meine Pflegeeltern , zur Anschauung zu bringen . Ich blieb also immerdar ein Räthsel , das man nicht anders lösen zu können glaubte , als durch Voraussetzung einer höheren Natur , welche die Morgengabe meiner Geburt gewesen . Ich selbst fing an , mir unbegreiflich zu werden , so wie ich in der Meinung Anderer höher emporstieg . Dem Abstich , den ich durch meine Individualität bildete , die Deferenz , welche man mir von allen Seiten her bewies , zuzuschreiben , dazu war ich mit aller Verständigkeit doch noch zu unschuldig . Da ich nun in Zeiten lebte , wo man noch gar keine Ahnung davon hatte , daß eine vornehme