Er bat Albertinen , sich nicht so zu einer permanenten öffentlichen Erscheinung herabzuwürdigen , daß sie in ihrem zwanzigsten Jahre nicht etwa schon so ein Alltagsvögelchen sei , auf das jeder , bei jeglichem öffentlichen Anlasse sicher rechne , zu dessen Ansicht man Fremde einladen könne , weil es gewiß nirgends fehle . Im Heiligthum des Hauses wirkt , lebt und liebt das Weib , und wo es zu erscheinen würdigt , muß es Ehrfurcht einflößen . So denk ' ich , denkt und fühlt dein Louis , so wünschen wir , daß unsre Albertine fühlen möge . Albertine verhies alles mit Kuß und Handschlag , noch als sie , in Wehmuth aufgelößt , in den Wagen stieg und Ferdinand ihr nur noch die Worte zuzurufen vermochte : » bleib gesund an Leib und Seele , meine Theure ! « Die Abwechselungen der Reise besänftigten ihren Schmerz , so daß sie in leidlich heiterer Stimmung bei Onkel Dämmrig ankam . Viertes Kapitel Der Neugier aller , die an Frau Rosamunds Theetisch zu radotiren pflegten , in Ansehung der kleinen Dorf Cousine auf einmal zu gnügen , waren sie zu einer ausserordentlichen Session eingeladen worden , bei welcher Herrn und Damen in ihrem besten geistigen und leiblichen Putz erschienen . In ihrer Einfachheit geschmückter als sie alle , die After-Griechinnen , trat Albertine mit dem Anstand einer Grazie aus dem Zeitalter des Praxiteles in ihren Kreis ein . Bescheiden erröthend nahm sie ihren Platz unter dieser drolligen ästhetischen Genossenschaft , durch deren hochtönendes Wortgeklingel bei dem ersten Anklange dieses vielbesaiteten verstimmten Instruments , sie sich sogleich auf immer zurück gestoßen fühlte Herrn und Damen ließen es sich angelegen seyn , Albertinens Sinn für ' s Große und Schöne durch allerlei verfängliche Fragen und naseweise Zudringlichkeiten zu mustern und zu prüfen . Nebenher ließen sich Herrn und Frauen , jedes in seinem Sinne , auch ganz menschlicher Weise herab , ihre körperliche Bildung , sammt Kleidung emsig , nach gemeiner Weiber Weise , zu mustern . Aber zu ihrem Leidwesen entdeckten sie , besonders an ersterer , durchaus keinen Fehl an ihr . Tante Elise , die jetzt eben fünf und vierzig Sommer sahe , schloß sich freundlich an das junge Mümchen , fragte um ihre Herzensangelegenheiten , sprach viel von ihrem eigenen Herzen , das zu ihrem eigenen Unglück zu weich und hingebend sei ; sie werde nie in der Liebe glücklich seyn . Sie wimmerte , daß der Wurm der Zeit die Lust der Seele stäche ; es sei ein Elend , daß die Freude das Menschenherz so mit Schmerz bestreuen könne . Wenn sie so im Ton der Zeit sprach , sah Albertine die Tante mit großen Augen an ; besser verstand sie es , wenn die gute Verbildete , mit dem jungen Gemüthe , ihr eignes Jugendleben noch einmal durchempfinden wollte , und ihr aus ihrer Werther-Periode das Schnupftuch zeigte , das , noch ungewaschen , welke Rosen einhüllend , da lag , worein sie Werthers und Lottens Leiden so heiße Thränen geweint hatte . Auch war sie so glücklich , unter ihren heiligsten Besitzthümern einen Zahnstocher aufzubewahren , welchen der Dichter bei einer Gasterei auf der Tafel hatte liegen lassen und den sie mit schwerem Gelde von einem Marquer erstanden hatte . Die gute Elise sprach den Namen Göthe stets mit heiligem Schauer , wie den , einer ersten Liebe , aus . Dies war beinahe der einzige Berührungspunct zwischen ihr und ihrer Nichte , die den großen Dichter innig kannte und verehrte , obschon sie eine sehr verschiedene Ansicht damit verband . Laurette , die dem Onkel Dämmrig als ein Vermächtniß eines im Handel verunglückten Bruders zugefallen war , fuhr über alles , insbesondere aber über diese Grillen ihrer Tante , die ihrer rauhen Natur gar nicht eingingen , mit der Schneide ihrer bittersten Kritik her . Albertine fand sie ihrer Bemerkung , wie sie sagte , ganz unwerth ; indeß ergrimmte sie doch ganz unphilosophisch im Geiste , als ihr Verehrer Wassermann , dem sie auch das Leben gallenbitter machte , Albertine eine ganz artige kleine Erscheinung hieß . Onkel Dämmrig , das Oberhaupt dieser curiosen Sippschaft , amüsirte sich vortrefflich mit dem verschrobenen Zeuge , wie er diese allerneuste Cultur zu nennen pflegte . Er selbst war auf der Stufe der Bildung , die er in seinen jüngern Jahren erreicht hatte , stehen geblieben , und hielt steif und fest sowohl an dem wirklich Schönen jener Periode , an dem jungen Tage , der zu der Zeit über Deutschland aufgegangen war , als auch an der unglücklichen Mischung deutscher Kunst und gallischen Witzes . Wenn er darüber sprach , sagte er oft , zum großen Skandal seiner Gesellschaft , den Anfang eines alten Kirchenlieds : » Der Tag der ist vergangen , die Nacht ist vor der Thür . Die Sonne ist untergegangen in den Wasserfluthen der neuern Poesie . Kinder ! jenes erste war der ächte Wein , dieses ist der Coffent . « » Das verstehen Sie nicht , mon cher , « sagte dann Frau Rosamund , » Sie sollten sich doch endlich resigniren , daß es Dinge giebt , welche Sie nicht begreifen ; « und so ließ er sich gewöhnlich bedeuten und lenkte wieder ein . Onkel Dämmrig war im Ganzen kein schlimmer Mann , und bei weitem besser , als er scheinen wollte ; denn es kam ihm vornehm und über alle Maßen galant vor , so , als die wahre verknöcherte Sinnlichkeit , zum Beispiel für andere dazustehen Er war ein Reichgeborener . Als ein solcher hatte er seine Kindheit und Jugend verlebt ; als ein solcher war er auf Reisen gegangen , Empfehlungsschreiben nach London , Paris und Wien benutzend ; als ein solcher hatte er sich endlich in seiner Vaterstadt niedergelassen , einen Theil seiner besten Jahre durchgeschwärmt , bis ihn die Welt frühe auf ihre große Invalidenliste eintrug . Jetzt glaubte er eine gewisse Höhe des Lebens erreicht zu haben , von welcher er