höhern Regionen , wo keine Erfahrung uns folgt . Aber diesem Losreißen verdanken wir das Edelste was wir haben . Ohne Schwärmerey hätten wir keine Philosophen und keine Dichter , keine Religion , keine Kunst und keine Wissenschaft . Vor der Entdeckung Amerika ' s war Kolumbus ein Schwärmer , und den ersten Schiffer hat man vielleicht einen Wahnwitzigen genannt . Gewiß kann man über einen Menschen keinen schrecklichern Fluch aussprechen als den : erhebe dich nie über die Erfahrung . - Ich weiß nicht mehr was ich glaube - sagst Du - aber Du fühlst es ; und das ist genug , Gott , das Schicksal , die Natur , oder wie Du es nach Deiner Vorstellungsart nennen willst - liebt Dich und führt Dich weise . Dieses himmlische Mädchen allein konnte Dein Herz retten . Mögte es auf lange Zeit , mögte es für immer seyn ! - Freilich , ich gestehe es , kann man sich bey aller Freundschaft einer Art Unwillens nicht erwehren , daß dieses herrliche Geschöpf Dir aufgeopfert werden soll . Aber ich bin nun einmal Dein Freund ; wie kann ich aufhören es zu seyn ? - Mag es das Schicksal verantworten ! - Ich darf nichts als Dir treu bleiben . Vier und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Was war das ? - Du darfst nichts als mir treu bleiben - Darfst nicht ? - Also wenn Du nun dürftest ? - - Mein Herr ! das gilt einen Gang ! - Von hier bis ... sind nur dreißig Meilen . Fünf und zwanzigster Brief Reinhold an Olivier Gänge so viel Du willst . Ich habe zwar mit dem berühmten Sieger bey M ... zu thun ; aber mein Fechtmeister war doch auch mit mir zufrieden , und für eine solche Sache kämpft es sich vortreflich . Sechs und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold So trotzig ? - Du weißt , daß ich Dich liebe ; aber baue nicht zu viel darauf . Mögtest Dich irren . - Nun Du hast sie nicht gesehen ! das ist mein Trost . Am Ende kommt auch wohl alles von der Amazone . Sie mag schöne Gemählde von mir entwerfen . - So gar arg ist es nicht , Mademoiselle ! Machen Sie immer den Pferdefuß etwas kleiner ! - Mit aller Weisheit haben Sie doch wohl auch Ihre bösen Augenblicke ! so wie unser Einer seine guten , und hätten Sie meine Julie nicht gehabt , wer wüßte . - Wahrlich ! wenn ich es recht bedenke , bin ich nicht ein Thor , diese Korrespondenz noch zu dulden ? - Als Juliens Vormund , wie leicht konnte ich sie verbieten . - Darum warne die Donna . - Ich fasse mir sonst ein Herz . Mag es mich dann auch schmerzen . Sieben und zwanzigster Brief Reinhold an Olivier Sey ruhig ! Du wirst nichts thun , was Dich schmerzt . Im Nothfalle verhindere ich Dich daran ; so wie ich es vormals gethan habe . - Du bist Juliens Vormund ; nicht ihr Tyrann . Mäßige Dich ! es giebt Mittel sie Deiner Gewalt zu entziehen , Acht und zwanzigster Brief Olivier an Reinhold Tod und Teufel ! was untersteht Ihr Euch ! Mich zwingen ! das wäre das erste Mal in meinem Leben ! - Und wenn sie nun meine Verlobte , wenn sie nun meine Frau ist ? Was wollt Ihr dann ? - Ah ha ! daran habt Ihr nicht gedacht ! - Wartet ! ich werde Euch lehren , mir Regeln vorzuschreiben . Noch in dieser Woche ist die Verlobung , und dann kommt einmal und mischt Euch in meine Angelegenheiten . Neun und zwanzigster Brief Wilhelmine an ihre Mutter Es war die höchste Zeit , beste Mutter ! Einen Tag später , und meine Julie war verloren . Ich fand die Alte noch im Bette , und Julie schöner und duldender als jemals . Man sah es , sie hatte geweint , gewacht , unbeschreiblich gelitten ; aber es ist und bleibt das Gesicht eines Seraphs . Noch etwas größer ist sie geworden , und ihre blonden Haare schattiren jetzt in das Braune . Ihre Haut ist blendender , und der Blick ihres großen Himmelauges dringt bis in das Innerste der Seele . Der schreckliche Mensch war auch da , und zitterte vor Wuth , da ich mich Julien näherte . » Die Mutter könne sie nicht entbehren , es sey vor dem Winter unmöglich , « und was dergleichen Ausflüchte mehr waren . - Aber jetzt übergab ich Ihren Brief . Herr Olivier fand nun für gut die Maske abzuziehen , erklärte gerade heraus , er werde es nicht dulden , und erhitzte sich während seiner Protestation so sehr , daß er wirklich schäumte , als der Arzt - Juliens zweiter Vormund - herein trat . Ich wandte mich sogleich an ihn , und bat um seine Entscheidung . Er war ganz für die Reise und behauptete , Julie werde ohne diese Zerstreuung einer ernsthaften Krankheit nicht entgehen . Um den Herrn Obristen völlig zu schlagen , bot er seine Schwester zur Wartung der Mutter an , und so konnte man denn vernünftiger Weise nichts mehr einwenden . Noch ehe der Obriste sich von seiner Betäubung erholte , war der Reiseplan fertig , und Julie fiel mir , wie eine erlöste Gefangne , mit einem Thränenstrome um den Hals . Der Obriste , und sogar die Mutter wurden heftig dadurch erschüttert . Juliens Lächeln hatte die Peiniger getäuscht , und jetzt erst schien das ganze Bewußtseyn ihrer Schuld zu erwachen . Die Mutter sah starr auf den Boden , und der Obriste , nachdem er wie ein Rasender umhergelaufen war , stürzte mit einem Male vor Julien nieder , und rief mit seiner fürchterlichen Stimme , halb bittend , halb drohend : » Julie ! Sie wollen mich verlassen ! « Das unterdrückte Mädchen schloß sich jetzt noch ängstlicher an meine Brust . Auch bekenne ich