wollte . Dieses edelmüthige Versprechen hatte Herr Stark mit dem grössten Eifer erfüllt : er hatte ganze Monate hindurch jeden Augenblick , den er eigenen Arbeiten hatte absparen können , den Angelegenheiten der Witwe gewidmet ; und schon mehrmalen hatte der Doctor , wenn er der sehr kränklich gewordenen Frau noch spät Abends einen Besuch gab , ihn in voller , eifriger Arbeit über ihren Büchern getroffen . Er hatte bei dieser Gelegenheit bemerkt , dass die wirklich grossen und liebenswürdigen Tugenden , welche Madam Lyk in ihrer jetzigen traurigen Lage so viel Anlässe zu entwickeln fand , und welchen er selbst volle Gerechtigkeit wiederfahren liess , das Herz des Schwagers nicht ungerührt mögten gelassen haben . Besonders war ihm die Verwirrung und der rasche Unwille aufgefallen , womit einst Herr Stark eine ganz unschuldige , mehr im Scherz so hingeworfene Warnung , sich nicht zu verlieben , aufgenommen hatte ; auch hatte er viel Licht aus der gleich darauf folgenden dringenden Bitte geschöpft , dass er doch , um ' s Himmels willen , von dem ganzen Umgange mit Madam Lyk , in den er ja selbst ihn hineingezogen , der Familie , und besonders dem Vater , kein Wort verrathen mögte . Indessen , so gewiss , nach der Semiotik des Doctors , dieses Zusammentreffen von Diensteifer , Blödigkeit , und Geheimthun auf Liebe hindeutete ; so glaubte er ' s mit dieser Liebe doch keinesweges so weit gediehen , dass er sie in irgend einiger Verbindung mit dem Entschluss hätte denken sollen , den ihm jetzt der junge Mann zu seinem grössten Missfallen kund that . Herr Stark verlangte auch über diesen Entschluss das Geheimniss ; aber dieses schlug der Doctor ihm förmlich ab : er versicherte sich vielmehr sogleich des lebhaftesten Beistandes der Frau mit der Schwiegermutter , um den jungen Mann von einem so raschen und für die ganze Familie so höchst nachtheiligen Schritte zurückzuhalten . Dass es mit diesem Schritte voller Ernst sei : daran konnt ' er nach Allem was er sah und hörte , und besonders nach den Briefen , die man ihm vorgezeigt hatte , nicht zweifeln . Alle Mühe , die man nunmehro vereinigt anwandte , um Herrn Stark zu besänftigen und ihn von seinem Vorsatze abzuziehen , war rein verloren . Den Gründen des Schwagers setzte er andere Gründe , den Bitten und Thränen der Mutter die feurigsten Betheurungen der Liebe und des Gehorsams , mit Ausnahme dieses einzigen Puncts , und den abwechselnden Liebkosungen und Spöttereien der Schwester Unempfindlichkeit und Unart entgegen . Man bemerkte , dass , je mehr man ihn zu beugen und zu erweichen suchte , desto steifer und hartnäckiger er auf seiner Meinung bestand ; und so ward denn , in einer geheimen Familiensitzung zwischen Mutter Schwiegersohn und Tochter beschlossen , dass man einen ganz andern Weg einschlagen , und da mit dem Sohne nichts auszurichten sei , sein Heil mit dem Vater versuchen wolle . Man hielt sich versichert , dass auf das erste freundliche Zureden des Vaters , der Sohn mit Freuden einen Entschluss würde fahren lassen , wobei er selbst am ersten und am meisten verlieren müsste ; auch war man ganz darin einig , dass der hofmeisternde Ton und die spöttelnde Laune des Alten zuweilen ins Unerträgliche fielen ; dass ein Sohn in männlichen Jahren anders , als im Knaben- und Jünglingsalter müsste behandelt werden ; und dass jeder Mensch seine ihm eigene Sinnesart habe , die man wohl in gewissen zufälligen Äusserungen leiten , aber nie im Ganzen und im Wesentlichen umschaffen könne . Der Alte selbst , hoffte man , würde , nach seiner sonstigen Billigkeit und Vernunft , sich hievon leicht überzeugen lassen . Doch , was die Leichtigkeit des Überzeugens betraf , so gerieth man bald wieder in Zweifel . Herr Stark hatte der Proben von Steifheit und Unbiegsamkeit des Charakters zu viele gegeben ; und man ward daher einig , den Angriff auf ihn ja nicht übereilt und tumultuarisch , sondern behutsam und methodisch zu machen . Die Beobachtungen , nach welchen man den Plan verabredete , waren folgende . Der Alte hegte von dem Verstande und der gesunden Beurtheilung des Doctors sehr vortheilhafte Begriffe ; der Doctor demnach sollte zuerst erscheinen , ihm die Entschliessung des Sohns eröffnen , und ihn von der Nothwendigkeit sowohl als Billigkeit , sein Betragen zu ändern , mit Ehrerbietung , aber auch mit Nachdruck , belehren . - Das Wort der Mutter war in Familienangelegenheiten immer von grösstem Gewicht gewesen , und schon oft , obzwar nie in einem so kitzlichen Falle , war ihren dringenden Vorstellungen , wenn auch mit einigem Kopfschütteln , nachgegeben worden ; die Mutter also sollte nach dem Doctor hereintreten , und wenn die Vernunft des Alten schon wankte , den Widerstand seines Herzens durch Bitten , und allenfalls auch durch Thränen , zu brechen suchen . - Von der Tochter wusste man , dass sie mit ihren Schmeicheleien und Einfällen eine wunderbare Gewalt über den Vater hatte , und dass sie , wegen grosser Ubereinstimmung ihrer eigenen Gemüthsart mit der seinigen , sich in allen Krümmungen und Wendungen seiner Laune geschickt ihm nachzuschmiegen , und ihn fast immer zu ihrer Absicht herumzuholen wusste ; die Tochter also sollte zuletzt erscheinen , und dem durch Mann und Mutter schon ganz erschöpften und abgematteten Eigensinne des Alten den letzten Gnadenstreich geben . Bei diesem ganzen schönen Entwurfe , äusserte bloss die Mutter noch etwas Furcht ; der Doctor hielt sich , unter göttlichem Beistande , guten Erfolgs versichert ; und die Tochter vollends vermass sich mit grosser Freudigkeit , dass keine - wenn nur erlaubte und ehrliche - Sache in der Welt seyn müsste , wozu sie ihren lieben , alten , seelenguten Vater nicht hinschmeicheln oder hinbitten wollte . Doch säumen , meinte sie , müsse man nicht mit dem Angriff : denn der Bruder mache schon allerlei bedenkliche Anstalten , die auf eine nahe Abreise zielten ; auch sei nur eben der