Bemühungen seiner Nichte mit der trübseligen Bemerkung : “ Ach , Kind — das interessiert mich ja gar nicht ! ” Für nichts auf der Welt empfand er Teilnahme . Es war fast noch ein Glück zu nennen , daß die Pflege seines Körpers viele Stunden des Tages ausfüllte , denn sauber und appetitlich blieb “ die Kirschblüte ” , wie Onkel Gustav bei Agathes Freundinnen genannt wurde — bis zuletzt . Freilich sank die arme Mama , die dem alten , schwachen Herrn allein bei der Toilette helfen durfte , immer halb ohnmächtig vor Ermattung hinterher aufs Sofa . Nun war der große Lehnstuhl am Fenster , in dem Onkel Gustav , mit einem langen , grauen Schlafrock bekleidet , ein halbes Jahr hindurch gesessen , leer geworden . Auf dem Tisch lag seine hübsche blonde Perrücke , ohne die er sich der Nichte niemals gezeigt hatte . Die Angehörigen sprachen wehmütig über das Leben , das so still zerronnen . Frau Heidling erzählte von der strahlenden Jugendblüte ihres Schwagers . Zu der Zeit habe man gemeint , es könne ihm an Erfolg nicht fehlen . Jeder habe ihm eine reiche Heirat prophezeit . Der Regierungsrat ging ernst im Zimmer auf und nieder . “ Das war sein Unglück , ” bemerkte er , stehen bleibend . “ Gustav stellte seine Hoffnung und seine Pläne auf die Frauen , statt auf sich selbst . Dabei konnte natürlich nur ein verfehltes , thörichtes Leben herauskommen . Man soll von den Toten ja nichts Übles reden — aber was hat die menschliche Gesellschaft , was er selbst von seiner Existenz gehabt ? — Keine Pflichten — kein Beruf — kein Streben nach eigener Vervollkommnung . . Nur immer die Frauen — die Frauen ! Schließlich haben die Frauen ihn auch nur genarrt ! ” Der Regierungsrat schwieg — vor Agathe durfte man den ferneren Gedankengang nicht gut laut werden lassen . Agathe nahm ihre Guirlande und trug sie hinüber in das Sterbezimmer , wo der gute Onkel im Sarge lag . Mit leisen , vorsichtigen Bewegungen schlang sie das Grün um sein weißes Kissen . Wie er zusammengefallen war , nun man ihm auch die falschen Zähne herausgenommen hatte . Ein sehr alter Mann — und doch hatte er noch nicht die Sechzig erreicht . Niemand grämte sich über seinen Tod — auf der weiten Welt niemand — die Frauen hatten ihn nur genarrt . Wer wird sich einmal um sie grämen ? Niemand — auf der weiten Welt niemand . Die Liebe hatte sie auch nur genarrt . Bei Onkel Gustavs Begräbnis holte Mama sich eine Erkältung , und nun brach sie vollends zusammen . Das war eine andere Pflege , als die von Onkel Gustav . Schlaflose Nächte — wochenlang in tötlicher Aufregung , ein zitterndes Bangen und Erwarten . . . . O Gott — o mein Gott — mußte sie von hinnen ? Agathe verzweifelte fast bei der Vorstellung . Nein — dann war das Leben länger nicht zu ertragen — dann machte auch sie ein Ende ! Sicherlich ! Papa konnte zu Eugenie und Walter gehen . “ O Herrgott — o barmherziger Heiland — strafe mich nicht um meines Unglaubens willen ! Laß mir doch mein liebes Mütterchen noch ! Ich habe ja weiter nichts — weiter nichts ! ” Sie wollte auch gar kein Verständnis , keine geistige Gemeinschaft — nur das bißchen Liebe und Zärtlichkeit nicht verlieren . Der gleiche Kampf , Tag und Nacht . . . . Agathe war es oft , als ringe sie Körper an Körper mit dem Tode und als müsse sie siegen , wenn sie alle Kräfte bis aufs äußerste anspannte — keine Sekunde nachließ — immerfort auf der Wacht blieb . . . . “ Wie Agathe das aushält , ist mir unbegreiflich , ” sagte Eugenie . “ Ich hätte dem Mädchen so viel Stärke gar nicht zugetraut . ” “ In der Not sieht man erst , was in dem Menschen steckt , ” bemerkte Walter achtungsvoll . Sie sollte eine Diakonissin zur Hilfe nehmen . Ja — schon gut ! Aber was wußte die Krankenschwester von dem heimlichen Kampf ? Würde sie mitten in der Todesangst sich das Hirn zermartern , welche Listen nun angewendet werden mußten , um das Furchtbare zu vertreiben , das da unsichtbar und wartend im Zimmer stand — dicht neben Agathe — sie fühlte es — sie roch es — sie spürte seine Gegenwart ungreifbar in ihrer Nähe — entsetzte sich mit kalten Schauern , die durchs innerste Mark drangen . . . Und doch fand sie dabei ein liebes und tröstendes Wort für die Kranke . Nein — das würde die fremde Pflegerin nicht thun — das konnte sie einfach nicht . Sie wußte ja doch nicht , was davon abhing , daß die alte , müde , traurige Frau nicht starb ! Und darum half ihre Gegenwart Agathe auch nichts . Allein mußte es durchgeschafft werden . — — In der letzten Zeit betete Agathe nicht mehr . Ihr Herz war gefühllos geworden , wie in allen Krisen ihres Lebens , sie glaubte auch nicht , daß sie ihre Mutter wiedersehen werde . Sie vermochte sich das geduldige Antlitz , den alten , schmerzensvollen Leib , welchen sie mit tausend Zärtlichkeiten pflegte , nicht in verklärter Gestalt zu denken . Das würde ja doch nicht ihre Mutter mehr sein . Die Kranke sprach oft vom Himmel und von ihren gestorbenen Kinderchen , die sie dort erwarteten . Dann nahmen ihre Augen einen so sehnsüchtigen Ausdruck an , daß man ahnen konnte , wie viel von ihrem Herzensleben die Frau mit ihnen ins Grab gelegt hatte . Sie war mit dem lebenden Sohn und der Tochter nicht gewachsen — sie war immer die Mutter der kleinen Kinder geblieben . In lichten , schmerzfreien Augenblicken erzählte sie Agathe Geschichtchen aus deren Säuglingsalter und flüsterte ihr die Kosenamen zu , in denen sie einst mit dem unbewußten , zappelnden