im Vorzimmer den raschen festen Schritt , den sie heute wohl schon hundertmal zu hören geglaubt hatte . Sie athmete tief ; sie lauschte dem Kommenden entgegen , und ihre eben noch so bleichen Wangen erglühten plötzlich in dunckler Röthe . Angst , Sorge , Unruhe , das Alles war vergessen in dem Augenblicke , wo die Thür sich öffnete und der Freiherr eintrat . „ Ich habe mit Dir zu sprechen , “ begann er ohne jede Einleitung . „ Sind wir allein ? “ Gabriele machte eine bejahende Bewegung ; sie hatte ihm entgegen eilen wollen , hielt aber inne , betroffen von dem Tone , der so fremd und rauh ihr Ohr berührte . Sie gewahrte jetzt erst die seltsame Veränderung in den Zügen des Eintretenden . Das war nicht der Arno Raven mehr , der sie gestern in den Armen gehalten und ihr eine Leideschaft bekannt hatte , die das ganze Wesen des strengen kalten Mannes in Gluth und Zärtlichkeit umzuwandeln schien . Heute stand er finster , eisig vor ihr . Die Lippen , denen jene heiße Liebesworte entströmten , waren fest zusammengepreßt ; in dem starren düsteren Antlitz zeigte sich keine Spur mehr von dem , was sich gestern darin geregt hatte , und die Augen flammten drohend und unheilvoll dem jungen Mädchen entgegen . „ Du hast mich vielleicht früher erwartet , “ nahm der Freiherr wieder das Wort . „ Ich bedurfte einiger Zeit , um mich mit gewissen – Neuigkeiten vertraut zu machen , und zu unserer heutigen Unterredung kommen wir immer noch früh genug . Es ist wohl überflüssig , Dir zu erklären , was ich meine , denn wenn Du auch sonst mit meinen Amtsangelegenheiten nicht vertraut bist , diesmal weißt Du vermuthlich so gut wie ich , um was es sich handelt . “ „ Ich ? Nein , “ sagte Gabriele mit stockendem Athem . „ Was soll ich wissen ? “ „ Willst Du es etwa leugnen ? Doch davon sprechen wir später ; vor allen Dingen möchte ich Dich fragen , was Dich veranlaßt hat , eine so erbärmliche Komödie mit mir zu spielen , in der mir die lächerliche Rolle zuertheilt wurde . Aber nimm Dich in Acht , Gabriele ! Ich sagte es Dir schon gestern – ich habe wenig Talent für eine solche Rolle . Ein Mann , der sich verhöhnt und verrathen sieht , bleibt nur lächerlich , so lange er es geduldig erträgt . Ich bin nicht gesonnen , das zu thun . Das Spiel , das Du mit mir getrieben , kann verhängnißvoll werden für Dich und noch für einen Anderen . “ „ Aber was meinst Du denn ? Ich verstehe Dich nicht , “ rief das junge Mädchen , dessen Angst sich bei diesen räthselhaften Andeutungen von Minute zu Minute steigerte . Raven trat dicht vor sie hin , und sein Blick heftete sich durchbohrend auf ihr Antlitz . „ Was sollen die Warnungen bedeuten , die Du mir gestern während der Fahrt zuflüstertest ? Woher wußtest Du überhaupt , daß mich irgend etwas bedrohte , und weshalb schrakst Du so zusammen und wurdest todtenbleich , als der Courier aus der Residenz gemeldet wurde ? Sprich ! Ich will Antwort haben auf der Stelle . “ Gabriele hörte mit wachsender Bestürzung zu ; sie begann zu ahnen , was diese Fragen bedeuteten , aber der Zusammenhang blieb ihr noch völlig dunkel . Raven mußte es wohl sehen , daß sie ihn nicht verstand , denn er zog eine Broschüre aus seiner Brusttasche und warf sie auf den Tisch . „ Sollte diese Schrift hier nicht Deinem Gedächtniß zu Hülfe kommen ? Der schmählichste , unerhörteste Angriff , der je gegen mich geschleudert wurde ! Du hast ihn vermuthlich nur im Entwurfe gelesen ; vollendet wurde er wohl erst in der Residenz , im Ministerium . So sieh mich doch nicht an , als ob ich in einer fremden Sprache redete ! Oder kennst Du den Namen nicht , der da aus dem Blatte steht ? “ Gabriele hatte mechanisch die Broschüre in die Hand genommen ; ihr Auge fiel auf das bezeichnete Blatt , auf den Namen , der dort stand , sie zuckte zusammen . „ Von Georg ? Er hat also Wort gehalten . “ „ Wort gehalten ! “ wiederholte Raven mit bitterem Auflachen . „ Er gab Dir also sein Wort darauf ? Du warst seine Vertraute , warst im Einverständniß mit ihm ? Freilich , wie konnte ich denn auch noch zweifeln ! Es war ja sonnenklar vom ersten Momente an . “ Das junge Mädchen war zu verwirrt und betäubt , um sich mit Nachdruck zu vertheidigen . Der unglückselige Ausruf , der ihr entfuhr , mußte den Freiherrn nur in dem Verdachte bestärken , daß sie Mitwisserin sei . „ Ich ahnte irgend ein Unheil , “ entgegnete sie , ihren ganzen Muth zusammenraffend , „ aber ich wußte nichts Bestimmtes . Ich glaubte – “ Raven ließ sie nicht ausreden ; seine Hand umschloß die ihrige krampfhaft . „ Hattest Du wirklich keine Ahnung davon , daß irgend etwas gegen mich im Werke war ? Waren Deine gestrigen Andeutungen ganz zufällig und absichtslos ? Dachtest Du , als uns die Nachrichten aus der Residenz so plötzlich aufschreckten , mit keiner Silbe daran , daß man Wort gehalten haben könnte ’ ? Sieh mir in ’ s Auge und sage Nein – so will ich versuchen , Dir zu glauben . “ Gabriele schwieg ; sie konnte darauf nicht mit Nein antworten , und der Gedanke , daß sie ja in der That wenigstens um die Absicht Georg ’ s gewußt , raubte ihr die Fassung . Die wenigen Worte , die Georg beim Abschiede zu ihr gesprochen , wurden verhängnißvoll für diese Stunde ; sie drückte das junge Mädchen wie eine schwere Schuld zu Boden . Raven ’ s Auge war nicht von ihrem Antlitz gewichen . Jetzt lösten