ahnte man inzwischen nichts von dem Unwetter , das sich dunkler und dunkler darüber zusammenzog , obgleich auch dorthin die Gerüchte über den Tod Ottfried ’ s gedrungen waren . Man hatte hier freilich keinen Grund , diesen Todesfall besonders zu beklagen , aber seine Folgen äußerten sich doch in einer Weise , die Bernhard sowohl als Franziska ebenso beängstigend als unerklärlich erschien . [ 201 ] Es war gegen Abend , als Günther in das erleuchtete Wohnzimmer trat , wo Fräulein Reich ihn allein am Theetisch erwartete . „ Wo ist Lucie ? “ fragte er mit einem raschen Umblick durch das Gemach , in dem das junge Mädchen nicht zu entdecken war . Franziska zuckte die Achseln und deutete auf das Nebenzimmer , dessen Thür geschlossen war . „ Lassen Sie sie allein , es ist am besten so ! Sie erträgt den Zwang nicht , den unsere Nähe ihr auferlegt . “ Günther legte Hut und Handschuhe bei Seite und trat näher zum Tische , seine Stirn war umwölkt . „ Ich habe dem Kinde diese Tiefe der Empfindung nicht zugetraut , am allerwenigsten einem Manne wie dem Grafen gegenüber . Sie muß mit förmlicher Leidenschaft an ihm gehangen haben , daß ihr sein Tod mit solcher Verzweiflung an ’ s Herz greift . “ Franziska schüttelte den Kopf ; sie wagte es jetzt freilich nicht mehr , ihre frühere Behauptung aufrecht zu erhalten , und doch stand die alte Ueberzeugung in ihr fester als je . „ Wenn es nur auch wirklich dieser Tod ist , “ sagte sie kurz , „ und nicht am Ende nur die Umstände , die ihn begleiteten ! “ Bernhard , der im Begriff war , sich niederzulassen , hielt plötzlich inne und blickte sie überrascht an . „ Wie meinen Sie ? “ „ Ich meine “ – die Gefragte warf einen Blick auf die Thür des Nebenzimmers und senkte dann die Stimme – „ ich meine , daß mir aus Luciens ganzem Wesen weit weniger Schmerz als Angst zu sprechen scheint , geheime , mühsam verhaltene Angst . Ich fürchte , sie weiß mehr von der unglückseligen Geschichte als wir allesammt , die Herren vom Gericht mit eingeschlossen . “ „ Unmöglich ! “ erklärte Günther entschieden . „ Sie war ja mit uns in N. , als die That geschah . Freilich auch mir ist in ihrem Benehmen Manches dunkel ! Ich habe sie bisher geschont , und die Schonung war auch nothwendig ; jetzt aber wird doch nichts Anderes übrig bleiben , als daß ich einmal ernstlich mit ihr spreche und sie auf irgend eine Weise zum Antworten zwinge . “ Franziska machte eine halb verächtliche Bewegung . „ Das versuchen Sie einmal ! Auch nicht eine Silbe werden Sie ihr abzwingen ! Was dem Kinde plötzlich diesen furchtbaren Ernst , diese leichenhafte Starrheit gegeben , mag der Himmel wissen ! Etwas Gutes ist es sicher nicht gewesen ; aber ich sage Ihnen , sie versteht mit einer Energie zu schweigen , die nichts erschüttert , und wenn das noch länger so fortdauert , dann geht sie uns dabei zu Grunde . Ihre ganze Natur ist wie aus den Fugen gerückt . “ Bernhard gab keine Antwort , aber seine Stirn umwölkte sich noch mehr , während er nachdenkend den Kopf in die Hand stützte . Das plötzlich eingetretene Stillschweigen ward durch den Diener unterbrochen , der den Herrn Landrichter aus E. meldete . Günther erhob sich rasch . „ Sehr angenehm ! Fräulein Reich , “ wandte er sich an diese , „ bitte , gehen Sie zu Lucie und sagen Sie ihr , daß ich sie für den heutigen Abend dispensire . Ich will sie nicht der Marter einer Unterhaltung aussetzen , deren Hauptgegenstand jedenfalls wieder das unglückliche Ereigniß ist , das nun einmal die ganze Umgegend beschäftigt . Schicken Sie sie zu Bett , morgen werde ich mit ihr reden . Sie kommen aber doch jedenfalls zu uns zurück ? “ Franziska nickte zustimmend und verschwand im Nebenzimmer , dessen Thür diesmal nur angelehnt blieb , während Günther dem Besuche , wie er meinte , entgegenging . Er war mit dem Landrichter bekannt und dieser bereits öfter als Gast in Dobra gewesen ; er empfing ihn also auch heute in dieser Eigenschaft und lud ihn nach der üblichen Begrüßung ein , Platz zu nehmen . Der Beamte aber blieb diesmal stehen und sagte steif ablehnend . „ Ich danke ! Ich komme in amtlicher Eigenschaft . “ „ In der That ? “ fragte Günther ruhig und völlig unbefangen , denn bei der Menge von Leuten , die er auf seinen Gütern commandirte , konnte allerdings leicht etwas vorkommen , das ein amtliches Einschreiten nothwendig machte . „ Aber wir brauchen das doch hoffentlich nicht stehend abzumachen . Darf ich bitten ? “ Der Landrichter wies auf ’ s Neue den dargebotenen Stuhl zurück . „ Herr Günther , ich komme in einer sehr ernsten Angelegenheit . Meine Pflicht zwingt mich diesmal zu einem peinlichen Amte . Ich habe den Auftrag , Sie zu verhaften . “ Günther trat zurück und sah den Beamten an , als habe er nicht recht gehört . „ Mich verhaften ? Mich ? Sie sind im Irrthum , Herr Landrichter ! “ „ Ich bedaure , “ sagte dieser gemessen , „ aber hier kann von keinem Irrthum die Rede sein . Der Befehl lautet ausdrücklich auf Ihre Person ; ich muß Sie bitten , sich der Nothwendigkeit zu fügen und mir zu folgen . “ [ 202 ] Bernhard war an den Tisch zurückgetreten ; noch behauptete seine ruhige Natur ihr Recht einem Schlage gegenüber , der vielleicht jeden Andern außer Fassung gebracht hätte ; nur etwas bleicher war er geworden . „ Und wessen beschuldigt man mich ? “ fragte er langsam . „ Das werden Sie in E. erfahren . “ „ Mein Herr ! “ In Günther ’ s Stimme gab sich jetzt