war er ! Auf seinem schäumenden Rappen in der Mitte des leeren Raumes , von allen gemieden ! Zugleich bäumte sich das Pferd des dicht hinter dem Herzog haltenden Lecques , der einen wütenden Blick nach Jenatsch hinüberschoß . Des Herzogs Augen ruhten mit höflicher Aufmerksamkeit auf dem Bürgermeister , aber diesem , der den verratbefleckten Befreier Bündens als eine grelle und unschickliche Verdeutlichung seiner Rede gerade vor Augen sah und dem die drohende Haltung des Herrn von Lecques nicht entgangen war , englitt der Faden seiner Rede . Seine angstvollen Blicke begannen mehr als gewöhnlich zu schielen und er fuhr unsicher fort : » Und wenn in Bünden jeder Berg eine Statua . . . und jede Statua ein Berg wäre . . . « » Laßt es gut sein , lieber Bürgermeister ! « schnitt der Herzog freundlich ab , und sich auf die andere Seite zu den Bündneroffizieren wendend , sagte er mit ruhigem Befehl : » Ich verzichte auf das Geleit der Herren . Es wird der Schicklichkeit Genüge geschehen , wenn einer von ihnen unserm Überschreiten der Grenze beiwohnt . Ich bitte mir die Gesellschaft des Grafen Travers aus . « Der stille junge Mann mit dem braunen scharfgeschnittenen Kopfe lenkte sofort mit dankendem Gruße sein Tier zur Linken des Herzogs . » Gott schütze euch und eure gute Stadt , werte Herren ! « rief dieser , griff leicht an seinen Hut und sprengte durch das Tor in die lenzduftige Landschaft hinaus . Der alte Lecques war auffallenderweise einer der letzten zurückgeblieben . Jetzt riß er sein Pferd herum , ritt Georg Jenatsch einige Schritte entgegen , zog ein Pistol und schrie ihn an : » So scheidet Lecques von einem Verräter ! « Er drückte los , der Hahn schlug nieder , ein Pulverblick flammte auf der Zündpfanne , doch der Schuß versagte . Elftes Kapitel Elftes Kapitel Während die Ereignisse des Frühjahrs die Stadt Chur und das ganze Land in aufgeregte Spannung versetzten , blieb Lucretia Planta von denselben scheinbar unberührt . Sie hauste allein auf ihrem festen Sitze Riedberg , der , an eine sonnige Halde fernab von der Heerstraße sich lehnend , inmitten seiner blühenden Wiesen und wohlgepflegten Felder und Baumgärten ein Bild ländlichen Friedens darstellte . Von ganzer Seele fürchteten und hofften und freuten sich dagegen mit dem Lande die Frauen von Cazis . Sie hatten , als das Aufgebot des Jürg Jenatsch erscholl , zum Sturm gegen die gottlosen Franzosen alle Klosterleute bis auf das letzte Knechtlein gestellt . Als fröhliche Geberinnen leerten sie ihren kleinen Weinkeller , um die vor die Rheinschanze und wieder heimwärts ziehenden Landstürmer zu tränken . Hallebarde und Morgenstern ruhten an den friedlichen Kreuzen des Nonnenkirchhofs . Alt und jung scharte sich längs der Klostermauer und die frommen Schwestern eilten leichtfüßig auf und nieder , in kleinen hölzernen Schalen ihren Most und Wein bis zur Neige ausschenkend . Niemand aber ahnte in dem durch den Abzug der Franzosen mit hellem Jubel erfüllten Domleschg , welchen Anteil Fräulein Lucretia an den geheimen Verhandlungen genommen , die den Handstreich in Chur möglich gemacht hatten . Nicht einmal die Frauen in Cazis , obschon sie den Verkehr mit dem Fräulein nach dem Wunsche ihres Beichtigers immer eifriger und zutulicher pflogen . Nicht daß Pancraz den eigensüchtigen Gedanken in ihnen genährt hätte , die Letzte der Planta von Riedberg unwiderruflich in den Ring des Klosters zu ziehen . Sie verkehrten mit Lucretia , der Weisheit des Paters vertrauend , ohne sie mit Fragen oder mit Bitten zu bestürmen , die auf ihre Zukunft und die Hoffnungen des Klosters Bezug hatten , schon aus geselliger Neigung und natürlicher Gutherzigkeit . – Das Fräulein hätte sie gedauert , wenn es von den merkwürdigen Dingen , die sich im Lande zutrugen und die sie selbst auf den verschiedensten Wegen erfuhren , nicht ungesäumt unterrichtet worden wäre . Freilich wäre es der Schwester Perpetua gegen die Natur gegangen , sich nicht mindestens bei Lucas über die letzte lange Abwesenheit des Fräuleins jenseits der Berge einiges Licht zu verschaffen , hätte sie nicht aus der allerbesten Quelle , einem Briefe des Paters Pancratius selber , schon im Winter erfahren , daß unangenehme Erb- und Familienangelegenheiten , über die man besser nicht mit ihr spreche , die Gegenwart Lucretias in Mailand notwendig machten . Lucretias Fahrt nach Mailand im vergangenen Jahre war ihr schwer geworden , aber sie hatte das von Jenatsch ihr vorgehaltene Ziel standhaft verfolgt und durch die Festigkeit ihres Willens auch erreicht . Nicht die Mühsale des zweimaligen Überschreitens der im Winter gefährlichen Bergpässe hatten ihren Mut auf die größte Probe gestellt ; diese Schrecknisse hatte die kräftige Frau , geleitet von dem treuen wetterharten Lucas und einem seiner berggewohnten Söhne , ohne Zagen und Ermüdung überwunden . Anders aber war es , als sie , von dem geschäftigen Pancraz in Malland empfangen und bei Serbelloni eingeführt , sich dem klugen und zähen Staatsmanne gegenüber befand und fühlte , daß sie sich auf ein ihr fremdes Gebiet verirrt , in bisher noch nicht von ihr erwogene Fragen sich verwickelt habe . Ihre Stellung als Bevollmächtigte des bündnerischen Kriegsobersten war eine höchst eigentümliche und mußte in den Augen aller der Verhältnisse Unkundigen als eine zweideutige erscheinen . Serbelloni , der sie kannte und wußte , daß der Mörder ihres Vaters ein Gegenstand des Hasses für sie war , verfiel nicht in diesen Irrtum und fand es begreiflich , daß sie die politischen Ziele ihres Vaters und ihres Oheims mit Aufbietung aller ihrer Kräfte verfolge ; aber er geriet in einen andern . Er glaubte , sie sei von Anfang an mit den Umtrieben der Bündnerflüchtlinge von der spanischen Partei vertraut gewesen , und wollte mit ihr als mit einer in das ganze Gewebe der sich kreuzenden Interessen Eingeweihten verkehren . Er brachte die Unschuldige mit ihrem alles um sich her durch den Hauch seiner Schlechtigkeit befleckenden und vergiftenden Vetter in unverdiente Beziehung politischen Einverständnisses ; er verwirrte sie , ohne sie