Eine stattliche Frau mit weißer Haube und Schürze , jedenfalls die Haushälterin , erschien im Hintergrund der Halle . » Ein Trinkglas ! « rief ihr der Alte zu . Sie verschwand wieder . » Was gibt es , Sievert ? « fragte plötzlich in der Halle die Stimme des Portugiesen . Der alte Soldat erschrak sichtlich – fast schien es , als hüte er die Tür so ängstlich wegen des Mannes da drinnen . Er streckte hastig und abwehrend die Hand gegen das Haus ; aber da stand der Portugiese bereits auf der Schwelle . Er sah bleich aus – » kreideweiß vor Schmerz um den erschossenen Hero « hatte vorhin der Diener auf der Waldwiese gesagt . Als jedoch seine Augen auf Gisela fielen , die noch , mit Stolz und Hochmut umgürtet , am Fuße der Treppe stand , da flog eine tiefe Glut über das braune männliche Gesicht . In diesem Moment der Überraschung zeigten seine Züge nichts weniger als Abscheu und Verachtung ; das dunkle , menschenfeindliche Gepräge der Stirne freilich schien unverwischbar , aber die Augen leuchteten , wenn auch nur meteorartig , in einem eigentümlichen Glanze auf . Unter diesem Blick verwandelte sich Giselas Haltung sofort . Sie verlor fast unbewußt den Schild des Trotzes und der Entrüstung und stand plötzlich wieder dort , wie sie gekommen war – als junges , scheues , hilfeheischendes Mädchen ... Wie infolge einer Eingebung hob sie die Hände zu ihm empor . Diese eine Bewegung brachte den alten Soldaten völlig außer sich . » Hüten Sie sich , Herr ! « rief Sievert und legte seine Hand ohne weiteres warnend und zurückhaltend auf den Arm des Portugiesen . » Das ist sie , wie sie leibt und lebt ! ... Es fehlt nur noch die kleine rote Schlange am Halse – sonst steht sie wieder da mit dem weißen Gesicht und den langen Haaren , die elende Erbschleicherin ! ... So hob sie auch die Hände , und – mein Herr war ein verlorener Mann ! ... Sie freilich modert , und ihre fluchwürdigen Hände können kein Unheil mehr anrichten , aber ihre Brut lebt fort ! « – Er zeigte auf die junge Dame – wie eine der alttestamentlichen Gestalten , die den Fluch ihres Gottes herabbeschwören , stand der alte Mann mit dem finster dräuenden Gesicht auf der Terrasse . » Sie ist nicht um ein Haar heller « , fuhr er mit erhobener Stimme fort ; » ihr Herz ist kieselhart ! Sie ist gefühllos wie ein Stein gegen ihre Leute und fragt den Henker danach , ob die Menschen um sie her vor Hunger wie die Mücken umfallen ! ... In Greinsfeld und Arnsberg wird für die Armen gebetet , aber sie satt zu machen , fällt niemandem ein ! ... Herr , lassen Sie sie nicht über die Schwelle ! Wo das Geschlecht seinen Fuß hinsetzt , da geht Unheil auf ! « Die junge Gräfin schlug die zitternden Hände vor das Gesicht und floh , aber schon nach wenigen Schritten fühlte sie sich zurückgehalten – der Portugiese stand vor ihr und nahm ihr die Hände sanft vom Gesicht . Er schrak zurück vor dem mutlosen Mädchengesicht , das die Augen in Schmerz und Entsetzen zu ihm aufschlug . Vielleicht fühlte er für einen Augenblick Erbarmen ; er hielt ihre Hände mit pressendem Druck fest und zog sie heftig gegen sich , als wolle er sie schützend an seine Brust nehmen ; aber genau mit demselben scheuen Zurückweichen wie vorhin auf der Waldwiese , ließ er sie rasch wieder sinken . » Sie hatten einen Wunsch , Gräfin ; ich sah es an Ihrem Gesicht ! « fragte er mit unsicherer Stimme . » Darf ich ihn nicht mehr hören ? « Gisela hüllte ängstlich die verabscheuten Hände in die Falten ihres Musselinkleides . » Im Walde liegt eine arme Frau « , flüsterte sie tonlos . » Sie ist wahrscheinlich vor Erschöpfung umgesunken . Ich kam an dies Haus , um Hilfe für sie zu suchen . « Dann schritt sie mit niedergeschlagenen Augen an ihm vorüber dem Walde zu ... Sie war vernichtet – die Beschuldigungen des alten Mannes hatten sie wie Keulenschläge getroffen ... War das dieselbe junge Dame , die vorgestern mit stolzem Nachdruck alle ihre hohen Titel hergezählt und mit ihnen betont hatte , daß sie unter allen Umständen die Hochgeborene bleibe ? ... Wo war das stolze Blut der Reichsgrafen Sturm und Völdern , das ihr eben noch überwältigend nach den Schläfen gebraust war und ihrem Gesicht den Ausdruck hochmütiger Verachtung aufgeprägt hatte ? – Seine Elemente bestanden aus Ehrbegier , Herrschsucht und Egoismus – es bäumte sich gegen jegliche äußere Verletzung seiner Vorrechte ; aber der edlen Sprache des Gewissens gegenüber schwieg es und sank mit all seinem hohlen Phrasentum kläglich zusammen . Die arme Frau war während Giselas Abwesenheit zum Bewußtsein gekommen ; sie sah die zurückkehrende junge Dame mit vollem Verständnis an , aber sprechen konnte sie noch nicht und war außerstande , sich zu erheben . Den kleinen Jungen hatte es jedenfalls beschwichtigt , die Augen der Mutter offen zu sehen ; er schrie nicht mehr , sondern streichelte lallend und unbeholfen mit den dicken Händchen das blasse Gesicht des Weibes . Gisela hörte Männerschritte vom Waldhause herkommen – sie wußte , die Hilfe nahe , und nun wollte sie , ohne noch einmal den Kopf umzuwenden , weitergehen ; denn bei aller Zerknirschung kam jetzt doch auch ein anderes Gefühl mächtig zum Durchbruch : der weibliche Stolz ... Und wenn auch der Neuenfelder Wohltäter , der Menschenfreund , allen Grund hatte , sie zu verurteilen , er durfte doch nicht gestatten , daß sein Diener sie beleidigte ... Aber er hatte die furchtbare Bedrohung des schrecklichen alten Mannes mit keiner Silbe gerügt – sie war offenbar zu sehr im Einklang mit seiner eigenen Anschauung gewesen , und obgleich ihn ein momentanes Bedauern überschlichen , er hatte doch die bittere Lehre