bis sich der Doktor an ihr Bett gesetzt und ihr in seiner ruhigen , einfachen Art und Weise Mittheilung von den Vorgängen gemacht hatte . Das Alles war geschehen , während Käthe in Flora ’ s Zimmer dem Auftritte beiwohnte , den die Hofdame von Berneck und der Kommerzienrat mit ihrer blitzartig einschlagenden Neuigkeit hervorgerufen hatten . Nachmittags saß Käthe am Krankenbett . Der Doktor war zu einer Audienz beim Fürsten befohlen , und die Tante hatte sich für eine halbe Stunde freigemacht , um einige häusliche Anordnungen zu treffen ; die beiden Schwestern waren zum ersten Mal wieder allein . Auf Henriettens Gesicht lag ein wahrer Glanz unausgesprochener Freude und Glückseligkeit ; Ruhe und Schweigen war ihr auferlegt worden . Der Doktor hatte ihr streng verboten , nochmals den Jubel laut werden zu lassen , in welchen sie bei seiner Mittheilung ausgebrochen war und der ihn tief erschreckt hatte . Sie war auch folgsam gewesen und hatte weder ihn , noch die Tante im Laufe des Tages mit weiteren Fragen belästigt , aber jetzt , wo die ernsten Augen des Arztes nicht warnten , wo die Thür hinter der ängstlich besorgten alten Frau zugefallen war , jetzt richtete sie sich plötzlich in den Kissen auf . „ Wo bleibt Flora ? “ fragte sie gespannt und hastig flüsternd . „ Du weißt , daß die Großmama von Stunde zu Stunde herübersagen läßt , der Boden brenne ihr unter den Füßen , aber sie könne nicht fort , man sei drüben von Beileidsvisiten dermaßen umringt , daß ein Losmachen sich noch immer nicht bewerkstelligen lasse . “ „ Mein Gott , die Großmama ! “ wiederholte die Kranke geärgert und sich ungeduldig herumwerfend . „ Wer verlangt denn nach ihr ? Mag sie doch drüben bleiben . Ich spreche von Flora ! “ Henriette verschlang die Hände fest ineinander und hob sie mit einer leidenschaftlichen Geberde empor . „ Käthe , ist das eine glanzvolle Rechtfertigung ! Gott sei Dank , daß ich sie erleben durfte ! Wenn nur Bruck sich nicht hinreißen läßt , auf seinem Rückweg vom Schlosse in der Villa einzukehren ! – Hier , vor meinen Augen muß ihm Flora zum ersten Mal wieder gegenüber stehen , hier . Ich lechze danach , sie im Staube vor ihm zu sehen . “ „ Rege Dich nicht auf , Henriette ! “ bat Käthe mit zitternder Stimme . „ Ach was – laß mich reden ! “ entgegnete sie hastig . „ Wenn Bruck nur wüßte , zu welchen Qualen er mich verurtheilt mit seinem Sprechverbot ! Die unterdrückte innere Aufregung beklemmt mir die Brust bis zum Zerspringen , genau wie gestern der Strom , der sich dann so erschreckend Luft machte . “ – Sie stützte den Ellenbogen auf und vergrub die Hand in dem reichen Blondhaar , von dem sie längst das Battisthäubchen weggeschüttelt hatte . „ Weißt Du noch , wie Flora die Reise , von der Bruck berühmt zurückgekehrt ist , höhnisch und verwegen , ihm in das Gesicht hinein , eine Vergnügungstour nannte ? “ fragte sie und sah unter der gesenkten Stirne hervor mit Augen voll Erbitterung zu der Schwester auf ; sie verfiel in denselben Ton wie gestern in ihren wilden Fieberphantasien , die eine so furchtbare Entscheidung herbeigeführt hatten . Käthe schauerte in sich zusammen . „ Erinnerst Du Dich , wie sie Moritz schalt und verlachte , weil er der Wahrheit nahe kam und vermutete , daß Bruck an ein Krankenbett nach L … .. g gerufen sein könne ? Nein , und wenn sie auf den Knieen Abbitte leistet , sie kann diesen Frevel , diesen beispiellosen Uebermut kaum sühnen . Nur einen einzigen Blick möchte ich jetzt in ihre Seele tun . Welche niederschmetternde Beschämung ! Sie kann beim ersten Begegnen die Augen weder zu ihm , noch zu uns aufschlagen . “ Käthe hatte die Hände im Schooß gefaltet , und die Wimpern lagen tief auf ihren Wangen , als sei sie die Schuldige . Das leidenschaftlich erregte Mädchen da vor ihr ahnte nicht , daß diese erste Begegnung nicht mehr stattfinden konnte , daß sich Flora ’ s Fuß nie wieder in „ die spukhafte Spelunke “ verirren würde . Sie wußte so wenig , wie alle Anderen , daß sich die Braut gewaltsam befreit , daß das Symbol des geschlossenen Bundes , der „ einfache “ Goldreif , draußen im Fluß liege , wenn ihn nicht die Wellen längst fortgespült hatten . „ So sprich doch auch ein Wort , Käthe ! “ grollte Henriette . „ Du muß Fischblut in den Adern haben , daß Dich die Vorgänge so ruhig lassen . Freilich , Du hast noch keinen besonders tiefen Einblick in die Verhältnisse tun können , und den Persönlichkeiten gegenüber magst Du auch noch nicht den richtigen Standpunkt einnehmen . Bruck z. B. kann Dich kaum interessieren ; Du siehst ihn zu selten und hast sicher noch keine zehn Worte mit ihm gesprochen , aber Du bist doch schon Zeuge von Flora ’ s abscheulichen Rücktritts-Manövern gewesen , hast die herzlosesten Aussprüche von deren Lippen gehört – ich sollte meinen , so viel Gerechtigkeitsgefühl , so viel Verlangen – ich möchte sagen ‚ Durst ‘ nach gerechter Strafe , nach einem rächenden Ausgleich müsse in jeder gesunden Menschennatur liegen . “ Jetzt sah Käthe mit einem seltsam flimmernden Blick auf ; das war sicher kein Fischblut , das in so jäh emporschießender Welle Stirn und Wangen , selbst den runden , schneeweißen Hals heiß und purpurn färbte ; es wallte unbezwinglich auf und ließ sie einen Augenblick völlig vergessen , daß sie am Krankenbett sitze und als gewissenhafte Pflegerin auf kein erregendes Thema eingehen dürfe . „ Und wenn dieses Rachewerk sich wirklich vollzieht , wenn Flora beschämt ihren Irrtum zugiebt , welchen Werth könnte diese Umkehr für den beleidigten Mann haben ? “ fragte sie gepreßt . „ Flora hat ihm , wie Du selbst sagst , ihre Abneigung unverhohlen