der Herzogin zuführte . » Treten Sie einen Augenblick zu Ihrer Hoheit « , sagte er ruhig , » es möchte sonst auffallen . Nachher – « Sie blieb stehen und sah ihm in das unbewegte Gesicht . » Ich denke , Ihre Hoheit will mich sprechen ? « » Nein « , erwiderte er gelassen , » ich sah nur , daß Sie wie auf Nadeln standen , und erblickte hundert lauernde Augen auf Sie gerichtet . Überhaupt « , fuhr er fort , » da ich Sie doch einmal hier sehen muß heute abend , würde ich Sie am liebsten in der Nähe Ihrer Freundin bewundern . Ich denke , Sie in Ihrer blonden Schönheit neben der Andalusierin würden das reizvollste Bild des Abends sein – gönnen Sie es uns ! « Sie zog die Hand von seinem Arm zurück . Die Erleichterung , mit der sie seiner Aufforderung gefolgt war , wich einer heißen Empörung , aber sie vermochte nicht mehr zu erwidern , schon stand sie vor der Herzogin . » Kiaudine « , sagte diese und reichte ihr die Fingerspitze , » warum tanzen Sie nicht ? Ich möchte Sie in diesem Reigen sehen , ich glaube , in jener Gruppe fehlt noch das vierte Paar . Herr von Gerold , bitte ! « Sie konnte sich nicht weigern , mechanisch nahm sie seinen Arm . Lothar blieb schweigend , es war ein merkwürdig stummes Paar , gleichwohl das schönste von allen . Kaum war die Schlußverbeugung des Tanzes geschehen , so fragte sie : » Wo ist Beate ? « » Sie wird im Schlosse sein « , erwiderte er . Sie dankte und schlug eilig den Weg dorthin ein . In der großen Halle hatte man für einige wenige Auserkorene die Tafel gedeckt . Die mächtigen Flügeltüren waren zurückgeschlagen und ließen den Blick in den erleuchteten Garten frei . Beate stand an der Tafel und wiederholte ihre Anordnungen einem halben Dutzend Dienern zum soundsovieltenmal . Sie schlug fröhlich in die Hände , als sie Klaudine erblickte . » Wahrhaftig , Herzenskind « , rief sie , » du bist unheimlich reizend heute in deinem vorweltlichen Kleide da . Und wie gut sich der Urgroßmutterstaat erhalten hat , nicht einmal das Silber ist schwarz geworden ! « Sie klopfte der Cousine die Wange , und auf die Tafel zeigend , die blitzte und funkelte , fragte sie : » Ist ' s recht so , Klaudinchen ? Von dort oben , wo Ihre Hoheit sitzt , kann man das Feuerwerk am besten sehen . Du kommst hier etwas weiter unten her , diese zwölf Gedecke sind für die Prinzessinnen und ihre Herren . Die anderen müssen sich an allen den kleinen Tischen im Garten oder im Saale verteilen , wie das Geschick sie zusammenführt . Dort stehen die Körbchen mit den Losen , ich habe deinen Rat befolgt . « » Ich bitte dich , Beate , laß mich von der herzoglichen Tafel weg « , rief Klaudine flehend , » ich sitze irgendwo anders lieber . « » Damit mir deine Hoheit den ganzen Abend ein böses Gesicht zieht ! Nein , mein Schatz , daraus wird nichts , beiße nur in den sauren Apfel . Wer dein Nachbar wird , weiß ich allerdings nicht . Aber verzeih , ich muß noch einmal zu der Mamsell . « » Beate ! « rief Klaudine , aber diese war schon hinter dem Teppich verschwunden , der den Flur heute von der Halle abschloß . Zögernd schritt sie dem Ausgang zu . Am liebsten wäre sie noch in dieser Minute auf den dünnen Sohlen die steinigen Waldwege entlang gewandert nach ihrem friedvollen , weltabgeschiedenen Heim . Drüben klangen jetzt die Töne eines Walzers , ihr war so bitter zumute . Sie wußte sich frei von Schuld , und dennoch wich ein beklemmendes Gefühl nicht von ihr . Sie wußte , daß der Herzog deshalb noch zugesagt hatte , weil die Durchreise des Großherzogs von Z. , den zu begrüßen er nach der nächsten Bahnstation hatte fahren wollen , abgemeldet worden war . Und dennoch , auf all diesen Gesichtern hatte sie einen so sonderbaren Ausdruck gelesen , man war so beflissen gewesen zurückzutreten , als Seine Hoheit sich näherte , und er hatte sie aus der Nähe des Herzogs entfernt mit einer Bemerkung , so unartig , so unritterlich wie möglich ! Sie preßte die Lippen aufeinander . Plötzlich hob sie den Kopf . Ein eigentümlicher Laut , der grell über der gedämpften Musik schwebte , ließ sie aufhorchen , sie wußte nicht , kam er aus der Halle oder von draußen . Es klang wie der ängstliche Schrei eines Tieres . Aber jetzt – nein , das war eine Kinderstimme – angstvoll , gellend scholl sie herunter von dort oben . Im nächsten Augenblick flog Klaudine die Stufen empor , eilte durch den breiten oberen Flur und trat in die weitgeöffnete Tür , aus der die Klagetöne erschollen . Der rosa Schein der leise schwankenden Ampel erhellte nur matt das Gemach . Zunächst sah Klaudine nichts als den großen weichen Spielteppich der Kleinen mit durcheinander geworfenen Puppen und anderem Spielzeug , und das leere Bettchen , dessen Vorhänge weit zurückgeschlagen waren . Das Weinen war verstummt , nichts rührte sich . Klaudines Blicke forschten umher , dann trat sie einen Schritt näher und ihre Augen wurden starr vor Entsetzen . Dort im weit geöffneten Fenster , nicht mehr auf der inneren Fensterbank , nein , auf der Steinbrüstung außen kauerte das Kind ! Sein langes Nachtkleid hatte sich hindernd um die Beinchen gewickelt , es saß da ganz frei , den Rük- ken nach der Tiefe gewendet , und starrte mit tränenerfüllten Augen die unerwartete Erscheinung der fremden Dame an . Die geringste Bewegung – und das Kind mußte hinunterstürzen . Atemlos stand das junge Mädchen einen Augenblick , blitzschnell kreuzten sich die Gedanken hinter ihrer Stirn . Würde das Kind erschrecken , wenn