mein Putzstübchen war fein und niedlich , besonders wenn die Sonne hinein schien durch die hübschen weißen Gardinen , die ich selbst gestickt hatte . Über dem Sofa , das mit grünem Plüsch bezogen war , hing der Regulator und rechts und links die Photographien von den Eltern . Auf dem Vertikow stand der Christus von Thorwaldsen . Im Bücherbrett schimmerten alle meine Lieblinge in feinem Einband : Chamisso und Uhland , Storms › Immensee ‹ , Geibels Gedichte und Heyses › Arrabiata ‹ – Goethe und Schiller nicht zu vergessen . Im Fenster neben dem Nähtischchen zwitscherte Hans , der gelbe Kanarienvogel , den hatte ich schon daheim in meinem Mädchenstübchen gepflegt . Er war so zahm , er saß fast immer auf meiner Schulter , ich hatte ihn sehr lieb , den kleinen Kerl ! « Die stattliche Frau lächelte wieder ihr junges Lächeln , und ihre Augen streiften im Stübchen umher , als sähe sie es wieder wie damals . Und wie verloren setzte sie leise hinzu : » Ja , ja , und hier war es , wo ich mein Glück plötzlich erkannte . « * * * Anne Dore und ihre Mutter saßen Abends allein in ihrem Logierstübchen der » Grünen Tanne « . Lori schlief schon , ihr regelmäßiges Atmen drang deutlich in das Ohr der Mutter . Frau Professor Bodenstedt hatte eine weiße Frisierjacke angezogen , und die Tochter flocht ihr das volle leicht ergraute Haar in zwei Zöpfe . Die Frisur gab ihr etwas Mädchenhaftes , Liebliches . Oder machte es die Erinnerung an ihre Jugend , die ihr die Wangen leicht rosig gefärbt hatte ? Die Tochter empfand dies , und sie sagte herzlich : » Die alte Frau in dem Häuschen wird schon recht haben , Mutter , wir reichen 268 dir das Wasser nicht . Wie hübsch mußt du gewesen sein als junges Mädchen ! Viel zu fein eigentlich für die Verhältnisse , in die du anfänglich kamst . Ich meine , du hättest viel eher in das Schloß gepaßt . « » Das habe ich auch einmal gemeint , Anne Dore , und das will ich dir jetzt erzählen , liebes Kind . Lori soll es später einmal erfahren , wenn sie reifer ist . Du , der das Leben schon einmal das ernste Gesicht zugewendet hat , du bist reif genug dafür , du wirst es richtig verstehen und gewiß sein , daß deine Mutter dabei einen Zweck im Auge hat . Sie möchte dich aussöhnen mit deinem Geschick , meine Anne Dore , dir sagen , daß mit einer gescheiterten Liebe nicht auch das Glück des Lebens untergeht . So – so – mein Herz , – gib mir die Nadel ! Danke ! Und nun komm , ich setze mich in den Lehnstuhl , und du legst deinen Kopf auf mein Knie und bist ein bißchen geduldig . Lange spreche ich nicht . Sitzest du auch gut auf deinem Fußbänkchen ? « Und als die Tochter ihr zu Füßen genickt hatte , begann sie , indem sie behutsam und zärtlich über das dunkle Haar ihres Lieblings strich : » Du weißt , daß mein Vater einfacher Beamter war , Rentmeister bei dem Baron Zweistetten , und du hast heute gesehen , wo wir lebten . Du weißt aber nicht , daß meine Mutter eine Gräfin Illerode aus Ohlenfels war , die mein Vater gegen den Willen der Ihrigen geheiratet hatte . Vater war als Inspektor nach Ohlenfels gekommen , sie hatten sich beim Erntetanz 269 kennen gelernt , liebten sich dann , und nichts war im stande , sie zu trennen . Ich habe das alles aus den Briefen , die sich nach ihrem Tode sorgsam aufbewahrt vorfanden , erfahren . Meine Mutter war die älteste der Komtessen , sie war wohl die Klügste , aber auch die am wenigsten Hübsche unter ihnen . Nur ihre wunderschönen dunklen Augen fesselten , und mit diesen hat sie es ja wohl meinem Vater angetan , so daß er nichts weiter sah und hörte und wollte als die Besitzerin dieser treuen , traurigen Augen . Sie erwiderte seine Neigung von ganzer Seele . Immer übersehen , verschmäht und zurückgesetzt bis dahin , fühlte sie nun eine so tiefe und starke Liebe für den tüchtigen , von jedermann geachteten jungen Mann in ihrem Herzen , daß sie den väterlichen Zorn sowie alle Vorstellungen und Einwendungen ihrer Familie geduldig ertrug und an ihrer Liebe festhielt mit der ganzen Kraft ihrer Seele . Als man sie dann , damit sie vergessen sollte , auf die Güter der Familie nach Österreich geschickt hatte , rührte der Herzenskummer der Armen ihre dort zurückgezogen von der Welt lebende Tante , ein altes Freifräulein , welches ihr seine ganze Liebe und Teilnahme zuwandte und zu helfen versprach . Leicht scheint das nun allerdings nicht gegangen zu sein , denn der Herr Großpapa war ein stolzer Herr , und einen noch größeren Stolz scheint Mutters Bruder , der als Kavallerieoffizier diente und mit Verachtung auf die untergeordnete Stellung meines Vaters herabsah , gehabt zu haben . Aber zuletzt setzte es das alte Tantchen , welches einen merkwürdig stillen Einfluß gehabt haben muß , doch durch , daß der stolze Großvater sich der Heirat wenigstens nicht mehr widersetzte . Nur die eine unumstößliche Bedingung stellte er , daß keinerlei Beziehungen zwischen dem unerwünschten Eidam und ihm sowie der gesamten gräflichen Familie bestehen dürften . Auch mußte Mama auf jeden Vermögensanspruch verzichten . Wie sehr mag sie unter der gänzlichen Trennung von den Eltern gelitten haben und wie groß muß ihre Liebe zu Papa gewesen sein , daß sie ihn nie etwas davon merken ließ ! Ein Trost war es für sie , daß ihre Mutter ihr doch , so oft es sich tun ließ , noch Beweise und Zeichen ihrer mütterlichen Liebe und Sorge gab . Die Hochzeit fand dann ganz in der Stille statt . Das freundliche Tantchen nahm als 270 einzige Verwandte der jungen Frau