es gelesen . Er wußte nicht , war ’ s die Sonne , die ihre Wangen plötzlich so purpurn färbte , oder das rote , warme , verräterische Blut ? Und dann sang sie es nach ihrer Lieblingsmelodie , die sie einst selbst gefunden . Und die Sonne ging unter . . . „ Kann man in das Konzert gehen ? “ fragte Toni mit ihrer klanglosen Stimme . „ Natürlich , Toni – wir werden alle da sein . Soll ich dir einen Platz bestellen neben uns ? Oder gehst du mit deinem Manne ? “ „ Ich ? Nein ! Ich bedaure , ich nehme nicht teil “ , sagte er , unartig kurz und bestimmt . „ Wie immer ! “ erklärte Toni mit einem verständnisvollen Blick zur Komtesse , der soviel bedeutete : Da siehst du , welch ’ ein Los mir beschieden ! „ Also , seien Sie so gut , liebste Feodora , und bitten Sie Ihre Mutter , daß sie sich einer schutzlosen Frau annimmt bei dieser Gelegenheit . Ich muß leider Ihre Güte so oft in Anspruch nehmen . “ Die Komtesse schwieg und sah forschend in die blassen Züge des Mannes und von da hernieder auf das Kind , und sie glaubte , ihn zu verstehen . „ Adieu , Herr von Kerkow “ , sagte sie mit besonders herzlicher Betonung und reichte ihm die Hand . „ Mein Wagen wartet drunten vor dem Parkthor , und Sie werden denken , daß Ihr Jungelchen zu kurz kommt , wenn ich Sie noch lange vom Plaudern mit ihm abhalte . – Leb ’ wohl , kleiner Heini , vergiß die Tante nicht ! Was soll ich dir denn das nächste Mal mitbringen ? “ Aber das Kind bewegte leise abwehrend den blonden Kopf . „ Ich danke – nichts , “ sagte es . „ Recht höflich ! “ lachte Toni auf , „ das macht die Erziehung von Heinz . – Warum denn nicht , du kleiner Grobian ? Hast du dich nicht gefreut über das schöne Spielzeug dort ? “ Der kleine Kranke gab den Blick der ärgerlichen Mama groß und verwundert zurück . „ Das bunte Papierding “ , sagte er , „ das kann fliegen und sieht so fröhlich aus , und ich bin doch ein lebendiger Junge und – kann ’ s nicht . Ich mag ’ s nicht sehen . “ Toni drehte sich achselzuckend um , sie verstand nicht die furchtbare Bitterkeit und Schärfe , die aus den Worten sprach . Um den Mund der Komtesse zuckte es wie verhaltenes Weinen , sie nickte noch einmal hinüber zu Heinz , der mit tiefer Verbeugung Abschied nahm , dann ging sie neben Toni über die Terrasse und verschwand hinter den Jasminbüschen . Heinz aber bog sich hernieder und strich über die bleiche Stirn des Kleinen . „ Nicht bitter werden , Liebling , nicht bitter werden , “ murmelte er kaum verständlich . „ Und wir haben uns doch lieb , was ? “ „ Ja , Papa ! “ antwortete der kleine Kranke . Und Heinz schob nun vorsichtig das Wägelchen der Spitzbogenpforte zu , die auf den Schloßhof führte , und bis vor das Portal des jenseitigen Flügels , hob dort das gelähmte Körperchen behutsam aus den Kissen und trug es in die Wohnung hinauf . An der Schloßwache stand der seit einigen Wochen herkommandierte Lieutenant und sah sich alles mit an . Dann schlenderte er langsam über den Platz , betrat die Terrasse , die Heinz eben verlassen hatte , wandte sich rechts und ging in den Herzogingarten hinunter , setzte sich in eine fast dunkle Aristolochienlaube , lehnte sich zurück und wartete auf irgend etwas . „ Hol ’ s der Teufel , man kommt vor Langerweile auf dergleichen “ murmelte er . Er war ein hübscher Mensch mit einem geistlosen Durchschnittsgesicht und stattlicher Figur , augenblicklich aber entschieden schlechter Laune . Plötzlich verzog sich das Gesicht zu einem süßlichen Lächeln . „ Aha ! “ sagte er halblaut . Ein eiliger , kurzer Frauenschritt erklang , das Rauschen eines [ 188 ] [ 201 ] Der Mai ging vollends vorüber , wunderbar schön mit seinen Blütendüften , seinen warmen , dunklen vom Gesange der Nachtigallen durchtönten Nächten . Sie schlugen so laut und sehnsüchtig , daß der Mann da oben auf seinem Lager , neben dem das Bettchen des Kindes stand , nicht schlafen konnte , und daß , wenn er endlich schlief , allerhand süße liebliche Träume über ihn kamen , die er einst wachend hatte erleben wollen . Auch im Garten der Oberförsterei sangen sie in langgezogenen schmelzenden Tönen , die Nachtigallen , dicht vor Hedwig Kerkows Stube in den Haselnußsträuchern . Die Kinder nebenan schliefen süß und fest , aber sie wachte und saß halbe Nächte am Fenster und dachte an Heinz da droben und weinte um ihn , und wußte gar nicht , daß sie auch über sich selbst weinte in unruhigem nicht verstandenem Leid . Auch heute wieder erging es ihr so , zwei Tage vor dem Musikfeste , das bereits die ganze Stadt in Aufregung hielt . Eigentlich war es ja thöricht , daß sie weinte , sie konnte damit Heinzens Schicksal nicht ändern , und sie selbst – sie hatte es doch eigentlich recht gut getroffen im Leben , sie hatte ein Heim , eine Stellung , in der sie absolute Freiheit genoß ; der Hausherr begegnete ihr mit derselben achtungsvollen Herzlichkeit , mit der er sie am ersten Tage ihres Eintritts empfangen . Ein- bis zweimal hatte er auch ein paar verlegene Dankesworte für sie gehabt , damals , als sie die Kinder Tag und Nacht pflegte während der bösen Scharlachepidemie . Nur ein Gemurmel war ’ s gewesen , ein [ 202 ] Händedruck , aber die Augen waren ihm feucht dabei geworden . Im übrigen glich er einem Automaten und saß drüben in seinem Bau , wie er scherzweise seine Stube