solchen Abgrund stürzen lasse ? “ Da lösten sich die gefalteten Hände von Lieschens Brust ; sie faßten nach dem Tische , an dem sie stand ; ihre blassen Lippen bewegten sich leise , als wollten sie sprechen , aber kein Wort kam hervor . Die Tassen auf dem Tische klirrten hörbar von dem heftigen Zittern des Mädchens . „ Liesel ! Um Gotteswillen ! “ rief die Muhme und umschlang sie mit den Armen . „ Ich danke Dir , Vater , “ sagte Lieschen , sich losmachend , tonlos , „ ich – ich werde Dir gehorchen . “ Sie wandte sich und schritt langsam nach der Thür ; wie in schwindelndem Kreise wirbelte es vor ihren Augen ; sie hörte noch die Stimme der Muhme ; dann fiel die Thür hinter ihr zu . Sie wankte die Treppe hinan ; sie mußte sich schwer auf das Geländer stützen , und endlich , endlich war sie oben in ihrem Stübchen und sank auf das kleine Sopha . Der Vater kam herauf und streichelte ihr die Wangen und nannte sie sein gutes verständiges Kind , das noch einmal sehr glücklich werden würde . Die Muhme setzte sich neben sie und weinte still vor sich hin , und dann und wann kam ein gutes Wort des Trostes über ihre Lippen ; Lieschen hörte Alles wie aus weiter Ferne , nur das Eine wiederhallte laut und deutlich in ihrer Seele : „ Er liebt mich nicht : er hat mich nicht gewollt , nur meine irdischen Güter – aus Noth . “ War es denn wirklich erst ein paar Stunden her , seit sie unter der alten Linde ihren Kopf an seine Brust gelegt und den Worten gelauscht hatte , die er ihr zuflüsterte ? War es nicht schon eine Ewigkeit , eine lange Ewigkeit , und lag nicht zwischen jetzt und vorhin ein ganzes Meer von Leid und Weh ? Sie stöhnte laut auf und preßte die Hände gegen die Brust . Ach , ihre kurze Seligkeit , ihr süßer Liebestraum – vorbei , vorbei für ewig ! Glühend stieg ihr das Blut in die Wangen , als sie daran dachte , daß sie ihm so vertrauensvoll gestanden , wie sehr sie ihn liebe ; es war ihm ja ganz gleichgültig , konnte ihm nur gleichgültig sein ; er wollte ja nicht ihre Liebe ; er wollte ihr Geld . Wo sollte sie sich nur hinverbergen , damit sie Niemand sähe ? Sie schloß die Augen und dachte : wenn er nun kommen und der Vater seinen Antrag zurückweisen würde . Das schöne stolze Gesicht , wie würde es anzuschauen sein in jenem Moment ? „ Und dann wird er gehen , “ dachte sie . Sie sah ihn im Geiste aus des Vaters Zimmer treten und durch die Hausflur schreiten , die hohe Gestalt stolz aufgerichtet ; er wird sich nicht umwenden nach ihren Fenstern ; er wird gehen – gehen auf Nimmerwiedersehn . Auf Nimmerwiedersehn – ein bitteres , hartes Wort , ein Wort , das namenloses Weh birgt ! „ Ach , Muhme , “ stöhnte sie in ihrer Qual , und die alte Frau beugte sich hernieder zu ihr : „ Weine Dich aus , mein Herzel , weine Dich aus ! Es wird besser darnach . “ „ Ach , wenn es nur erst vorüber wäre ! “ flüsterte sie . „ Es gehen auch die schwersten Stunden vorüber , wenn man nur beten kann . “ „ Ich kann nicht beten , Muhme , ich kann nicht . “ – – Und die Nacht verging , und der Tag brach an , wo er den Vater sprechen wollte . Auf Lieschen ’ s Gesicht lag eine fast unnatürliche Ruhe heute früh , nur ihre Augen glühten fieberhaft ; wie immer that sie ihre kleinen Pflichten im Haushalt , und dann setzte sie sich in ihr Zimmer und nahm ein Buch ; die Muhme kam herauf und fing freundlich an zu sprechen von gleichgültigen Dingen ; sie hörte es mit an und antwortete , und dann ging die alte Frau wieder ihren wirtschaftlichen Geschäften nach . Unaufhaltsam rückte der Zeiger der Uhr weiter , und jetzt stand er auf Elf – da auf einmal flog ein dunkles Roth über ihr Gesicht ; sie hatte seinen Schritt im Hausflur erkannt , und jetzt schallte des Vaters Stimme herauf . Sie machte eine Bewegung , als wollte sie zur Thür eilen , aber dann senkte sie wieder die Augen aus das Buch ; die Blätter zitterten unter ihrer Hand ; sie legte das Buch auf den Tisch und beugte sich darüber . Unwillkürlich las sie leise : „ So laß mich denn , bevor du weit von mir [ WS 1 ] Im Leben gehst , noch einmal danken dir ! Und magst du nie , was rettungslos vergangen , In schlummerlosen Nächten heimverlangen . “ „ Was rettungslos vergangen ! “ wiederholte sie fast laut . „ Und wie viel Stunden dir und mir gegeben , Wir werden keine mehr zusammenleben . “ „ Keine mehr ! “ Das Buch fiel zur Erde . War es nicht unrecht von ihr , ihn gehen zu lassen in ein irres Leben , ohne Halt ? Sie hätte ihn retten können vor Noth und Schande ; es war ja doch der Army , der alte gute Spielcamerad , und jetzt ist es noch Zeit , noch konnte Alles gut werden ! Sie lief aus dem Zimmer zur Treppe ; dort blieb sie stehen . „ Ach nein , “ sagte sie – sie vergaß es ja ; er liebte sie nicht ; wieder mußte sie ihren Mädchenstolz anrufen , der vor der alten heißen Liebe geflüchtet war . Wie lange er beim Vater blieb ! Horch , da ging die Thür – war ’ s der Army ? Sie beugte sich über das Geländer ; da schritt er eben nach der Hausthür – sie sah sein dunkles Kraushaar unter