werde das nicht zugeben , weil ich sehe , daß es meiner Sache nicht nützen würde . Ich habe von beiden Vorteilen einen gleichgiltigen , um nicht zu sagen schlechten Gebrauch gemacht . Wenn wir die › Überlegenheit ‹ nun auch ganz aus dem Spiele lassen , so müssen Sie doch einwilligen , dann und wann meine Befehle entgegen zu nehmen , ohne sich durch den befehlenden Ton , in welchem ich sie gebe , verletzt zu fühlen ; – wollen Sie das ? « Ich lächelte . Ich dachte bei mir : Mr. Rochester ist ein seltsamer Mann , – er scheint zu vergessen , daß er mir dreißig Pfund Sterling jährlich zahlt , damit ich seine Befehle ausführe . » Das Lächeln ist sehr schön , « sagte er , indem er augenblicklich den vorübergehenden Gesichtsausdruck bemerkte , » aber Sie müssen nun auch sprechen , « » Ich dachte darüber nach , daß sehr wenig Herren sich darum kümmern würden , ob ihre bezahlten Untergebenen durch ihre Befehle verletzt und beleidigt wären oder nicht . « » Bezahlte Untergebene ! Was ? Sie sind meine bezahlte Untergebene ? Sind Sie das ? Ach ja , ich hatte das Gehalt vergessen ! Gut also ! Wollen Sie mir auf diesen feilen Grund hin erlauben , ein wenig anmaßend zu sein ? « » Nein Sir ; auf den Grund hin nicht ; aber auf den Grund hin , daß Sie ihn vergessen konnten , und daß Sie sich darum kümmern , ob eine Untergebene in ihrer Abhängigkeit glücklich ist oder nicht , willige ich von Herzen gern ein . « » Und wollen Sie auch einwilligen , mich von einer ganzen Menge konventioneller Formen und Phrasen zu dispensieren , ohne zu glauben , daß diese Unterlassung aus Nichtachtung entspringt ? « » Ich bin überzeugt , Sir , daß ich Formlosigkeit niemals mit Nichtachtung verwechseln würde ; für das eine habe ich eine gewisse Schwäche , dem anderen würde sich kein Freigeborener fügen , nicht einmal um eines Lohnes willen . « » Unsinn ! Die meisten freigeborenen Geschöpfe würden alles ertragen um eines Lohnes willen ; deshalb urteilen Sie nur für sich selbst und sprechen Sie nicht über Allgemeinheiten , über die Sie gänzlich in Unwissenheit sind . Indessen schüttele ich Ihnen im Geiste die Hand für Ihre Antwort , obgleich diese durchaus nicht treffend war , und ebensosehr für die Art , in welcher Sie es sagten , wie für den Inhalt der Rede ; die Art und Weise war frank und frei und aufrichtig ; man trifft sie nicht allzuoft an ; nein , im Gegenteil , Affektation oder Kälte , oder dummes , grobes , gemeines Mißverstehen der Absicht sind der gewöhnliche Lohn für Aufrichtigkeit . Unter dreitausend eben der Schule entwachsenen Gouvernanten würden nicht drei mir geantwortet haben , wie Sie es soeben gethan haben . Aber ich habe nicht die Absicht , Ihnen zu schmeicheln ; wenn Sie in einer anderen Form gegossen sind als die Mehrzahl , so ist das nicht Ihr eigenes Verdienst , die Natur hat es gethan . Und dann bin ich auch wahrscheinlich zu voreilig in meinen Schlüssen , denn wie kann ich eigentlich wissen , ob Sie besser sind als die übrigen . Sie können ja unzählige unerträgliche Mängel und Fehler haben , welche Ihren guten Seiten das Gegengewicht halten . « » Das können Sie ebenfalls , « dachte ich bei mir . Als dieser Gedanke mein Hirn kreuzte , begegnete mein Blick dem seinen ; er schien in demselben zu lesen und er antwortete mir , als hätte ich meinem Denken Worte verliehen : » Ja , ja ! Sie haben recht , « sagte er , » ich selbst habe eine Menge Fehler ; ich weiß das sehr wohl und wünsche durchaus nicht , sie zu beschönigen , dessen versichere ich Sie . Gott weiß , daß ich keine Ursache habe , andern gegenüber zu strenge zu sein . Mein früheres Dasein , eine lange Folge von Thaten , eine Färbung meines Lebens sind in meiner eigenen Brust verzeichnet , welche mein Naserümpfen und mein Urteil leicht von meinem Nächsten auf mich selbst lenken könnten . Im Alter von einundzwanzig Jahren warf man mich – denn wie andere Sünder lege auch ich gern die Hälfte der Schuld auf ein trauriges Schicksal und auf widrige Umstände – auf den falschen Pfad und seitdem ist es mir noch nicht geglückt , den rechten Weg wiederzufinden ; aber ich hätte ein anderer Mensch sein können ; ich hätte ebenso gut sein können wie Sie – klüger – fast ebenso rein . Ich beneide Sie um Ihren Seelenfrieden , um Ihr reines Gewissen , Ihre unbefleckte Erinnerung ! Mein kleines Mädchen , eine Erinnerung ohne einen dunklen Fleck , ohne Vorwurf muß ein großer Schatz sein , – eine unerschöpfliche Quelle reinster Erfrischung – ist es nicht so ? « » Wie waren denn Ihre Erinnerungen , als Sie achtzehn Jahre zählten ? » O , damals war alles noch gut , klar , durchsichtig , gesund ; damals hatte noch kein Schlagwasser sie zu einem faulen Tümpel gemacht . Mit achtzehn Jahren war ich Ihnen gleich – ganz gleich . Die Natur hatte mich im großen Ganzen zu einem guten Menschen bestimmt , Miß Eyre , zu einem von der besseren Sorte – und wie Sie sehen , bin ich es doch nicht geworden . Sie können mir nun erwidern , daß Sie es nicht sehen ; wenigstens schmeichle ich mir , daß ich das in Ihrem Auge lese – nebenbei gesagt , hüten Sie sich davor , irgend etwas durch dies Organ auszudrücken , denn ich weiß seine Sprache wohl zu deuten . Aber nehmen Sie mein Wort darauf – ich bin kein Schurke , das dürfen Sie nicht voraussetzen – so viel böse Wichtigkeit dürfen Sie mir gar nicht zutrauen ; nein , dank den Umständen mehr als meinem eigenen natürlichen Hange , bin