; sie ahnte die labyrintische Verschlingung seiner inneren Schicksale , aber ihr Gemüt erkrankte im Mitfühlen und sie wünschte , wünschte es glühend , mehr Glauben und mehr Freude in seine Seele pflanzen zu können . Sie ging mit sich zu Rate und es wollte ihr scheinen , daß er in der Zeit , wo er mit Lenore viel verkehrt , gläubiger und froher gewesen war . Sie sah Lenore mit ganz anderen Augen an als früher ; nicht allein , weil sie in der Schwester die Urheberin ihres Glückes erblickte , sondern auch , weil durch die Verwandlung ihres Wesens dort Liebe und Erleuchtung entstanden war , wo früher Argwohn und Unwissenheit geherrscht hatten . Sie schrieb Lenore diejenigen Kräfte zu , die ihr mangelten , Überlegenheit und aneifernde Gewalt , ein Spielenkönnen , das den Ernst versüßte und das Schwere leichter machte , Helligkeit des Wortes und Zartheit der Hand . In den Grübeleien ihrer vielen einsamen Stunden erschien ihr Lenore als die einzige , die ihr helfen konnte , und sie ging in die Wohnung des Vaters , um Lenore zu fragen , weshalb sie so selten komme . » Ich geh nicht gern zu euch hinüber , Daniel ist so unfreundlich mit mir , « sagte Lenore . Gertrud antwortete , er sei unfreundlich gegen alle Menschen , auch gegen sie selbst , und sie möge sich doch daran nicht kehren . Sie wisse genau , daß er Lenore gern habe , vielleicht sei er seinerseits gekränkt , weil sie nicht mehr kam . Lenore ließ sich überreden und kam nun wieder häufiger zu Daniel und Gertrud . Aber wenn es auch nicht gerade den Anschein hatte , daß Daniel ihr auswich , so redete er doch nur das Notwendige mit ihr und ergriff gern einen Vorwand , das Zimmer zu verlassen , wenn sie da war . Lenore fühlte es , und es tat ihr weh . 9 Eines Morgens kehrte Gertrud vom Markt zurück und trug schwer an ihrem Einkaufskorb . Als sie ins Haus trat , hörte sie , daß Daniel spielte . Sie hörte sogleich , daß es kein Phantasieren war , sondern ein zusammenhängendes Gebilde , dessen Töne ihr unbekannt waren . Während sie die Stiege hinauf ging , spürte sie kaum mehr die Schwere des Korbes , und oben schlich sie in die Wohnstube und lauschte . Aber es zog sie näher und näher ans Klavier ; Daniel merkte es nicht , als sie in sein Zimmer trat und sich auf einen Stuhl setzte ; er war ganz versunken und wandte den wunderbar erfüllten Blick nicht ab von den beschriebenen Notenblättern auf dem Klavier . Es waren die Entwürfe zur » Harzreise im Winter « . Seit anderthalb Jahren , seit er sie in Ansbach niedergeschrieben , hatte er sie liegen lassen und nicht mehr daran gearbeitet . Plötzlich war das Feuer wieder aufgeflammt und in Schöpferglut konnte er das Unverbundene binden , das Angedeutete gestalten . Immer wieder begann er einen Teil von neuem und suchte Brücken , bald hier , bald dort , griff zum Bleistift , schrieb Noten hin , suchte wieder , sang und lächelte sonderbar irr und beglückt , wenn auf den Blättern ein Motiv in abgerundeter Form erschien . Und Gertrud wurde noch näher gezwungen ; in ihrer Ergriffenheit kauerte sie sich dicht neben ihm auf den Boden , am liebsten hätte sie in das Instrument hineinkriechen mögen , um ihre ganze Seele in den Saiten mit austönen zu lassen , und als Daniel geendet hatte , legte sie ihre Stirn auf seinen Schenkel und ihre heißen Hände langten nach ihm empor . Daniel erschrak , denn er erinnerte sich einer Stunde , wo ein anderes Weib die Stirn auf seinen Schenkel gelegt hatte , und da fiel plötzlich sein Blick an die Wand , dorthin , wo die Maske der Zingarella hing . Er ward sich des Zusammenhangs nicht bewußt , hier war keine Brücke , zu verschieden war das Antlitz von seinem Urbild , aber mit einem leisen Schauer ahnte er doch rätselvolle Verknüpfungen und glaubte einen Herüberruf von jenseitigen Gestaden zu vernehmen . Still legte er seine Hand auf Gertruds Haar , und ihr war es , als habe sie damit sein Versprechen erhalten , daß dieses Werk ihr zu eigen gehöre , daß er es für sie schuf , es aus ihrem Herzen genommen habe und ihrem Herzen zurückschenken werde . 10 Der Musikalienhändler Zierfuß hatte Karten zu einem Konzert geschickt . Daniel mochte nicht gehen , und so bat Gertrud ihre Schwester , daß sie mit ihr gehen solle . Daniel holte die beiden vom Konzert ab . Da sagte ihm Lenore auf der Straße , daß sie am Nachmittag einen für ihn bestimmten Brief mit dem Londoner Poststempel bekommen habe . » Von Benda ? « fragte Daniel rasch . » Die Schrift ist Bendas Schrift , « erwiderte Lenore . » Ich wollt ihn dir eben bringen , da hat mich Gertrud abgeholt . Warte vorm Haus , dann bring ich ihn herunter . « » So iß mit uns zu Abend , « forderte Gertrud die Schwester auf und sah Daniel unsicher an . » Wenns Daniel recht ist - ? « » Keine Flausen , Lenore , es ist mir recht , « sagte Daniel . Eine Viertelstunde später saß Daniel bei der Lampe und las Bendas Brief . Zuvörderst teilte ihm der Freund mit , daß er sich an einer wissenschaftlichen Expedition beteiligen werde , deren Arbeitsfeld das Kongogebiet sei und die sich gleichsam im Kielwasser der zur Aufsuchung Emin Paschas ausgerüsteten Stanleyschen Expedition halten werde . » Dieser Brief ist also ein Abschiedsbrief , mein lieber Freund , es gilt einen Abschied für Jahre , vielleicht fürs Leben . Ich fühle mich wie neu geboren . Ich habe wieder Augen , und die Ideen , die mein Hirn hervorbringt , sind nicht mehr zum Erstickungstod im Morast der verbrüderten Sippe verurteilt . Die