» Wullt ok Stuten , Greta ? « Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie die Frau gerade heißt . Zu verwundern ist es , daß sie bei den vierhundert Häusern , die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat , niemals die Gesinen , Geeschen , Sillen , Oleitjen , Trinken , Angken , Wieschen und Ginen miteinander verwechselt . Nun hat sie den Neß erreicht , setzt die Körbe hin und atmet auf . » Gesa , wullt ok Stuten hebben ? « ruft sie ins Haus hinein . Die Seefischerfrau kommt heraus , bietet ihr Guten Morgen und macht sich über die gelichteten Kiepen her , um sich ihre Rundstücke und Überschnitte auszusuchen , wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen ermittelt . Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat , denkt die Stutenfrau , die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen gesetzt hat . Sie will doch sehen , daß sie von den dunkeln Blutstropfen einmal einen Ableger bekomme . Diesmal aber noch nicht , denn sie hat etwas andres auf dem Herzen . Als sie mit dem lokalen Teil und den Nachbargebieten ins reine gekommen ist , fragt sie teilnehmend : » Diern , is dat wohr mit dien Jungen ? « Gesa schrickt zusammen , von böser Ahnung befallen . » Wat schall wohr wesen ? « fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht . » Weeß du dor noch nix af ? « » Ne , wat schall ik weeten ? « stößt Gesa heraus , » ik weet bloß , wat he gesund un munter an Burd is ! « » Non , non , non , denn ist jo man god , mien Diern ! Wenn dut ne weeß , denn ist woll Snackeree vanne Lüd ; de snackt sik jo eendeel trecht ! Non , denn ist jo man god ! « » Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt , Metta ? « » Och , denn lot dat man . Harr ik dat weeten , denn harr ik di gor ne so verjogt , mien Diern ! Föftein Penn gifst du ut : denn kriegst du jo noch wat wedder ! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen ! « Aber Gesa läßt sich nicht ablenken , sie will wissen , was erzählt worden ist , und läßt der Witfrau keine Ruhe , bis sie es ihr sagt . Am Deich ist erzählt worden , daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und in der See ertrunken sei . Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen , aber er habe ihn nicht wiederkriegen können . Wann es gewesen sein soll , weiß sie nicht , sie kann auch nicht sagen , welcher Seefischer es mitgebracht hat , sie weiß nur , daß es erzählt worden ist . » Schree man ne gliek , mien Diern « , tröstet sie , » is jo bloß Snackeree . « Aber Gesa hört nicht mehr : weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen . Ein starkes Schluchzen erschüttert sie , und es dauert lange , bis sie sich wieder erheben kann . Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch . Es ist gewiß , es ist gewiß ! ruft es in ihr , Klaus ist weg ! Das ist mehr als bloßes Gespräch , es ist wahr ! Sie hat keinen Jungen mehr , wie sie es geträumt hat ! Heftiger fließen ihre Tränen . Nun weiß sie auch mit einem Male , warum ihr Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann : dieser grelle Blitz , der in ihre Seele gefallen ist , hat das Dunkel erhellt , das um seine Fahrt lag : er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen treten , er mag nicht sagen , daß er ihm über Bord gespült ist ! Ob er nun auch noch lacht , der lachende Seefischer , der so sehr an seinem Jungen gehangen hat ? Oder ob er ernst und still geworden ist , weil er seinen Störtebeker verloren hat ? Gesa schluchzt wild auf . Warum hat sie es zugegeben , daß er mit zur See kam ? Warum hat sie darein gewilligt ? Er war doch noch so klein , und alles in ihr schrie doch : Es geht nicht gut ? Die Mutter , die ihr Kind aufgibt , gibt sich selbst auf : das hast du getan , Gesa , klagt ihre Seele sie an . Nun hatte der kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken müssen und trieb ruhelos auf dem Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen umher ! So lange Zeit , neun Wochen fast , hatte sie ihn nicht mehr gesehen , und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen ! Sie konnte ihm nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein Grab pflanzen ! Riesengroß liegt die Angst auf ihr , sie vermag sich ihrer nicht zu erwehren . Stiller geworden , geruhiger , sagt sie sich hundertmal : nein , nein , es ist nicht wahr , es kann nicht wahr sein , es ist Gerede des Deiches , Schnackerei der Leute ! Der Junge fällt nicht über Bord , und Klaus läßt ihn nicht ertrinken , eher ertrinkt er selbst mit ! Nein , nein : ihr kleiner Klaus lebt und lacht , wie sein großer Vater lebt und lacht , und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See , die beiden Fahrensleute ! Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele : keine Hoffnung kann sie verjagen . Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe von Bremerhaven und Geestemünde heraus . Zu jedem steht , daß der Junge gesund und munter ist , - und das sollte nicht wahr sein ? Ein Mann wie Klaus Mewes sollte lügen können