Erinnerung gekommen , - ganz in jenem ehrfürchtigen , mythologischen Sinn , der das große Auge der Göttin durch den Vergleich nicht erniedrigen , nur charakterisieren wollte . Er dachte an die Antiken , die er in Rom gesehen , an Kameen , in die die mächtigen Züge der Hera eingeschnitten waren ; aber als er das Profil der Baronin sah , kamen ihm die geheimnisvollen , geradlinigen Züge in den Sinn , die man an uralten , ägyptischen Torsen fand , diese Profile , die tausendjährig und ewig jung , - unbeweglich und doch faszinierend erschienen . Herr von Bredow war so groß wie die Baronin . Sein Kopf sah eckig und fest aus . Die zierlichen Ohren , deren Knorpelgewinde besonders fein und verschlungen war , saßen tief , dicht über dem Winkel der Kiefer ; die Augen , von klarem Grau , lagen unter einer Spur hellblonder Brauen . Der Blick war durchdringend . Die kurzverschnittene Schnurrbartbürste sträubte sich steif und borstig , das gewaltige Gebiß war etwas vorgeschoben und ungleichmäßig . Als er den Hut abnahm , sah man einen fast kahlen Schädel von ungeheueren Dimensionen . Steil wie ein Dachgiebel , stieg die Stirn auf ; die tiefsitzenden Ohren ließen sie , seitlich besehen , von mächtiger Weite und Breite erscheinen , - von vorn betrachtet schwang sie sich , in überraschend reiner Linie , wie ein romanischer Bogen . Ohne Hut sah er ganz verändert aus . Olga dachte : wie eine Taschenuhr , wenn der goldumränderte Glasdeckel aufspringt und das Zifferblatt in seiner Kahlheit und Weite sich präsentiert . Die Baronin sprach wenig , aber mit großer Verbindlichkeit . Sie begleitete ihre Worte mit einem anmutvollen Lächeln und dem Irisieren ihrer Augen . Werner Hoffmann , Herr von Bredow und Dr. Emmerich bestimmten die Konversation , in die Stanislaus und Olga ab und zu eingriffen . Herr von Bredow , der in diplomatischen Diensten war , sollte in den nächsten Tagen als Gesandtschaftssekretär nach Genua abreisen . » Habe mir eben Reiselektüre besorgt « , sagte er und zog ein Heft aus der Tasche . Voll Interesse streckte Werner die Hand darnach aus . Es war eine spanische Grammatik . » Gibt es eine bessere Gelegenheit , sich Verben einzupauken , als während einer Bahnfahrt ? « Mit bewunderndem Blick gab ihm Werner das Heft zurück . Herr von Bredow ließ sich gleich darauf vom Kellner das Kursbuch geben und sah die Züge nach . Stanislaus bot ihm einen Bleistift und riß ein Blatt aus seinem Notizbuch . » Danke , ich notiere mir nichts « , meinte Herr von Bredow . Stanislaus fragte , ob dies aus prinzipiellen Gründen unterbliebe . » Allerdings « , erwiderte Herr von Bredow . » Die Sinne müssen wach und scharf bleiben , - man darf sie nicht einschläfern , darum auch nicht das Gedächtnis durch Notizen erleichtern . Ich weiß meine Züge « , fügte er lächelnd hinzu ... » Übrigens habe ich keinerlei Grundsätze über das Positive , - über das , was zu tun ist ; ich übe mich nur , - soweit ich kann , - im Unterlassen des Überflüssigen . « » Wenn ich nicht irre , - so haben wir es hier mit einer vorsätzlichen Selbstverordnung zu tun ? « meinte Dr. Emmerich forschend . » Sehr richtig « , gab Herr von Bredow zurück . » Wenn man ein Mensch ist , der seiner Natur nach am liebsten Tat auf Tat setzen möchte , - vielleicht Untat auf Untat « - ein heiseres Lachen klang auf , - » so muß man sein bißchen Moral dahin kommandieren , - das Seinlassen zu lernen ... Kontra dem Impuls - das ist wohl die einzige Erziehung von Menschen mit überschüssigem Aktivitätstrieb . « » In welcher Schule , wenn ich so fragen darf « , forschte Dr. Emmerich weiter , - » haben Sie dies gelernt ? « » Dieses Axiom ist durch eigene Erfahrung erworben . Die Lehren asiatischer Lebensweisheit , denen ich später begegnet bin , haben mich dann in dieser Meinung bestärkt . Dem Bushido der Japaner , den Schriften des neueren Buddhismus danke ich so manches ; freilich bin ich nur ein zerebraler Jünger dieser Schule , - denn aus seiner eigenen Haut kann man leider doch nicht heraus . - - Alle diese Lehren der Lebenskunst , « fuhr er fort , da niemand sprach , » wie sie die moderne , asiatische Philosophie lehrt , laufen darauf hinaus : besser zu leben ; nicht etwa edler , nein , - besser . Das alles ist klarste Weisheit der Selbsterhaltung . « » Warum sollte ein Mensch , der immer kontra seinem eigentlichen Wollen handelt , so viel besser daran sein , als andere « , meinte Werner . Herr von Bredow sah ihn mit seinem durchdringenden Zentralblick an . » Weil es einem Menschen von direktem Wollen , der die Verhältnisse aller Dinge schändlich mißachtet und immer mit dem Kopf durch die Wand rennt , - schlimm ergeht . Dieser aufs Positive gerichtete Wille wird gestraft , und seine Strafe besteht zumeist darin , « fügte er leise , fast geheimnisvoll hinzu , » daß alle seine Wünsche in Erfüllung gehen , - daß er wirklich alles durchsetzt ... Wünsche sind wie Sklaven , die sich abarbeiten , - bis alles vollbracht ist . Etwas Schlimmeres aber kann einem nicht passieren . « Herr von Bredow stützte seinen mächtigen Kopf in die Hand und sah mit seinen klaren , grauen Augen vor sich hin . » Dieser gierige , europäisch-amerikanische Willenstrieb ist der Grund , warum uns die Orientalen gering schätzen ; ihre durchaus nüchterne Moral verlangt vor allem : innere Abrüstung . Wir - sind dazu zu aggressiv , zu diesseitig , zu selbstgefällig und , vor allem , zu hungrig . Darum erscheinen wir den Völkern des Ostens zerrissen , verschwommen - und immer getäuscht . « Werner horchte hingegeben . » Ich