Hauch der verwehten Tage , da seine Mutter noch gelebt hatte , zitterte hier schon durch die fremdheimatliche Luft . Venedig empfing ihn gefällig , doch zauberlos , und wohlbekannt , als hätte er es gestern verlassen . Auf dem Markusplatz wurde er von flüchtigen Wiener Bekannten gegrüßt , und der verschleierten Dame an seiner Seite im weiten Mantel galt mancher neugierige Blick . Einmal nur , spät abends auf einer Gondelfahrt durch enge Kanäle , erstanden ihm die starrenden Paläste , die im Alltagslicht allmählich zu Kulissen entwürdigt waren , im schweren Prunk dunkelgoldener Vergangenheiten . Dann kamen ein paar Tage in Städten , die er kaum oder gar nicht kannte , wo er als Knabe nur kurze Stunden , oder noch niemals geweilt hatte . Aus einem schwülen Paduaner Mittag traten sie in eine dämmrige Kirche und betrachteten langsam von Altar zu Altar wandelnd , die einfältig herrlichen Bilder , auf denen Heilige ihre Wunder vollbrachten und ihre Martyrien vollendeten . An einem trüben , regenschweren Tag fuhr sie ein rumpelnder , trauriger Wagen an einem ziegelroten Kastell vorbei , um das in einem breiten Graben graugrünliches Wasser stand , über einen Marktplatz , wo vor dem Kaffeehaus nachlässig gekleidete Bürger saßen ; in stillere und traurige Gassen , wo zwischen den buckligen Steinen Gras wuchs ; und sie mußten glauben , daß diese kläglich dahinsterbende Kleinstadt den schmetternden Namen Ferrara trug . In Bologna schon , wo die lebhaft aufblühende Stadt sich nicht am Stolz vergangener Herrlichkeiten genügen ließ , atmeten sie auf . Aber erst als Georg die Hügel von Fiesole erblickte , fühlte er sich wie von einer andern Heimat begrüßt . Dies war die Stadt , in der er aufgehört hatte Knabe zu sein , in der der Strom des Lebens durch seine Adern zu kreisen begonnen hatte . An manchen Plätzen tauchten Erinnerungen in ihm auf , die er für sich behielt ; und in dem Dom , wo jenes Florentiner Mädchen unter dem Brautschleier den letzten Blick zu ihm gesandt , sprach er zu Anna nur von der Herbstabendstunde in der Altlerchenfelder Kirche , wo sie beide ahnungsvoll von dieser Reise zu reden begonnen hatten , die nun so unbegreiflich rasch Wirklichkeit geworden war . Er zeigte Anna das Haus , in dem er vor neun Jahren gewohnt hatte . Noch befanden sich unten die gleichen Kaufläden , in denen Korallenhändler , Uhrmacher , Spitzenhändler ihre Waren feilhielten . Da der zweite Stock zu vermieten war , hätte Georg ohne weiteres das Zimmer wiedersehen können , in dem seine Mutter gestorben war . Aber er zögerte lange , die Wohnung wieder zu betreten . Erst am Tage vor der Abreise , als dürfte er es doch nicht versäumen , und allein , ja ohne es Anna vorher zu sagen , betrat er das Haus , die Stiege , das Gemach . Der alt gewordene Portier führte ihn herum und erkannte ihn nicht . Es waren noch dieselben Möbel überall ; das Schlafzimmer der Mutter sah noch genau so aus wie vor zehn Jahren , und in der gleichen Ecke , aus braunem Holz , mit der dunkelgrünen , silbergestickten Samtdecke , stand das gleiche Bett . Aber nichts von allem , was Georg erwartet hatte , regte sich in ihm . Ein müdes Erinnern , seichter und glanzloser als jemals sonst , rann ihm durch die Seele . Er verweilte lange vor dem Bett mit dem klar bewußten Willen , die Empfindungen , zu denen er sich verpflichtet fühlte , heraufzubeschwören . Er murmelte das Wort » Mutter « , er versuchte sichs vorzustellen wie sie hier gelegen war , in diesem Bett , viele Tage und Nächte lang . Er erinnerte sich der Stunden , in denen es ihr wohler gegangen war und er ihr hatte vorlesen oder im Nebenzimmer auf dem Klavier vorspielen dürfen , sah den kleinen runden Tisch in der Ecke stehen , an dem der Vater und Felician ganz leise gesprochen hatten , weil die Mutter eben eingeschlummert war ; und endlich , wie eine Szene auf dem Theater , so nah und scharf , stieg jenes furchtbaren Abends Bild in ihm auf , an dem Vater und Bruder fortgegangen waren , er selbst ganz allein an der Mutter Lager saß , ihre Hand in der seinen ... alles sah und hörte er wieder : wie sie mit einem Mal nach dem ruhigsten Tag sich übel befunden , wie er die Fensterflügel aufgerissen hatte und mit der lauen Märzluft das Lachen und Reden fremder Menschen ins Zimmer hereingedrungen war , wie sie endlich dalag , mit offenen und schon erloschenen Augen , das Haar , das noch vor wenigen Sekunden um Stirn und Schläfen wellig geflossen war wirr und trocken auf dem Polster starrte , und der linke Arm nackt über den Bettrand herunterhing mit weit auseinander gekrampften Fingern . Mit so ungeheuerer Lebendigkeit war dies Bild ihm aufgestiegen , daß er sein eigenes Knabenantlitz im Geiste wiedersah und sein eigenes längst verhalltes Weinen wieder hörte ... aber er fühlte keinen Schmerz . Es war doch zu lang vorbei . Zehn Jahr beinah . » E bellissima la vista di questa finestra « , sagte plötzlich der Portier hinter ihm , öffnete das Fenster ; und mit einem Mal , wie an jenem längst entschwundenen Abend , tönten Menschenstimmen von unten herauf . Und im gleichen Augenblick hatte er die Stimme der Mutter im Ohr , so wie er sie damals vernommen , flehend , verengend ... » Georg ... Georg « ... und aus der dunkeln Ecke , an der Stelle , wo damals die Kissen gelegen waren , sah er etwas Bleiches sich entgegenschimmern . Er trat zum Fenster und bestätigte : » Bellissima vista « . Aber vor der schönen Aussicht lag es wie dunkle Schleier . » Mutter « , murmelte er , und noch einmal : » Mutter « ... meinte aber zu seiner eigenen Verwunderung nicht mehr die längst Begrabene ,