, daß dieser zweite Akt vollendet schön war . Daß aber die Bewunderung der Menge dem geliebten Manne zuflog , erfüllte sie mit stolzem Hochgefühl . Ja , sie war stolz auf ihn und - wenn sie an die Widmung seiner zwanzig Lieder dachte - stolz auf sich . Ein bisher ganz unbekanntes Glücksgefühl durchströmte sie . Der Theatersaal war wie in einen Festsaal verwandelt und sie fühlte sich als des Festes heimliche Königin . Sie blickte im Hause umher . Nur wenige ihrer Bekannten waren da . Noch waren viele Mitglieder des Hochadels auf ihren Besitzungen - man schrieb Dezember - und das Interesse für literarische Ereignisse ist in diesen Kreisen überhaupt kein so reges , als daß man vom Lande herfahren würde , um der Aufführung eines neuen Stückes , von einem neuen Autor noch dazu , beizuwohnen . Ja , wenn es » theâtre paré « gewesen wäre , zu Ehren irgend einer fremden Fürstlichkeit - das wäre etwas anderes . Dazu kommt man schon hergereist ; es ist aber auch gar zu schön : die vielen Uniformen im Parkett , die Toiletten und der Schmuck in den Logen und dann am folgenden Tag in allen Blättern die Liste der Anwesenden , bei der kein glänzender Name , keine offizielle Persönlichkeit fehlt . Da soll man doch dabei gewesen sein ; aber so ein modernes Theaterstück , da muß man erst abwarten , was die Bekannten dazu sagen , und ob man überhaupt die Komtessen hineinführen kann ... Sylvia richtete ihr Glas von Loge zu Loge . Endlich traf sie auf ein paar bekannte Gesichter : Gräfin Ranegg mit ihren Töchtern Cajetane und Christine und bei ihnen - Kolnos . Dieser schaute eben herüber und erkannte sie . Er stand auf und verabschiedete sich - offenbar wollte er zu ihr kommen . Eine Minute später trat er auch schon in ihre Loge ein . » Ganz allein , Gräfin Sylvia ? Und Ihre Mutter ? « » Sie ist nicht ganz wohl . « » Doch nichts Bedeutendes ? « » Nein , eine leichte Erkältung . Was sagen Sie , Graf Kolnos , ist ' s nicht wunderschön ? « » Ja - er läßt sich sehr gut an . Wer hätte das hinter dem kleinen Bresser gesucht ? ... Ich sehe ihn nämlich immer noch als kleinen Buben vor mir . « » Was sagen die anderen ? Wie urteilt die Ranegg ? « » Sie hat nichts über das Stück gesprochen . « » Aber Sie haben doch schon Urteile aufgefangen ? Der Beifall ist ja groß - sind die Leute nicht entzückt ? « » Sind Sie es , liebe Sylvia ? « » Ja . « » Für die anderen ist der Ausdruck zu stark . Entzückt über eine Dichtung - das kommt bei uns nicht vor . Man schwärmt für einzelne Künstler in gewissen Rollen - das Stück ist Nebensache . Bewunderung kehrt man höchstens für die Klassiker hervor , da ist man auf sicherem Boden ... den neuen , noch lebenden Autoren gegenüber ist man voller Mißtrauen . « » Gehören Sie auch zu diesen man ? « » Einigermaßen . Ich begeistere mich auch nicht so leicht ; ich müßte das Werk erst lesen - es sind so viele äußere Effekte darin , welche blenden ... beinah wie in einem Ballett . « » Und ist es nicht auch dichterische Kunst , wenn man mit Bildern , mit aus höchstem Phantasiereichtum geschöpften Bildern die Zuschauer in bezauberte Stimmung versetzt ? ... « » Eigentlich ja - aber warten wir erst das Ende ab . « » Das Ende wird ebenso schön wie der Anfang - das fühle ich zuversichtlich - Hugo Bresser ist ein großer Dichter - « » Sylvia , wissen Sie , daß die Leute sagen , daß Hugo Bresser Ihnen nicht gleichgültig ist ? - Oh , erröten Sie nicht und entrüsten Sie sich nicht - ich bin der Letzte , der daran Anstoß nähme , wenn es wahr wäre . Nur finde ich , daß es die Leute nichts angeht , daß sie ' s nicht zu merken brauchten ... « » Noch nie war mir dieser Sammelbegriff gleichgültiger als heute . « » Welcher Sammelbegriff ? « » Das , was Sie Leute nannten - Leute , die so freundlich sind , mir ins Herz schauen zu wollen . « » Mein Gott - man muß doch etwas zu reden haben . Besonders so lang etwas nur vermutet , nur gewittert wird - ist ' s interessant ; weiß man es einmal , so schweigt man einverständlich dazu . Daß die Gräfin X. ein Verhältnis mit dem Opernkapellmeister hat ; daß Fürst Ypsilon schon seit Jahren der begünstigte Hausfreund der Baronin Z. ist : das sind alles so landläufige Kenntnisse , über die man kein Wort mehr verliert ; höchstens konstatiert man es - aber nicht in medisantem Ton - nur um zu zeigen , daß man auf dem Laufenden ist ... Jetzt verlasse ich Sie , liebe Sylvia , der dritte Akt beginnt . « Mit dem Aufrollen des Vorhangs war Sylvia wieder in die Zauberwelt versetzt - ein befreiender Gegensatz zu dem Stückchen wirklicher Welt , das sich in Kolnos ' satyrischem Berichte gespiegelt hatte . Der dritte und letzte Akt überflügelten noch die zwei ersten an dramatischen Effekten und an poetischer Kraft . Zum Schluß erhob sich ein wahrer Beifallssturm . Es war ein ganzer , ein großer Erfolg . Sylvia ließ sich im Logensalon auf das kleine Sofa fallen und mit geschlossenen Augen und zurückgelehntem Kopfe saß sie da . Sie fühlte sich so erschüttert , so berauscht , daß sie um alles in der Welt jetzt nicht da hinausgehen wollte , in das Gedränge der Korridore und Treppen , wo sie riskierte , von Bekannten angesprochen zu werden , die , als wäre nichts geschehen , sie mit einem nüchternen » Guten Abend « angesprochen hätten und dazu :