er gewollt , ihr den Eindruck zu geben , dass nichts bei ihr ihn enttäuscht und gewundert habe . Dass er so , wie er sie gefunden , gehofft habe , sie wiederzufinden . Eine Last fiel ihr von der Seele . Gottlob , sein Mitleid blieb ihr erspart , das Mitleid für ihre selbstverschuldete armselige Lage , das ihr am wehesten gethan hätte von ihm , gegen dessen schweigende Bewunderung sie sich jahrelang kindisch trotzig aufgelehnt hatte . Der sonnige Tag hielt sich auf seiner Höhe . Franz schlug Lotte vor , eine Spazierfahrt mit ihm zu machen ; heute müsse sie aus alter Freundschaft schon einmal Feiertag ansetzen und die Kunden warten lassen . Dann wollten sie zusammen essen und am späten Nachmittag , es war inzwischen schon zwei Uhr geworden , zusammen zu Lena gehen . Nach kurzem Besinnen willigte Lotte ein . Nach der sonnigen Stunde im Garten zu Schmargendorf war ihr selbst heute so festtäglich zu Mute , dass sie nicht das Herz hatte , die Dinge mit dem ihr gewohnten engen Massstab zu messen . Und dann , was sie von dem Wiedersehen mit Franz am meisten gefürchtet , war augenscheinlich nicht mehr der Fall . Franz liebte sie nicht mehr ; er hatte den Gedanken sie zu besitzen , aufgegeben . Sie that kein Unrecht , wenn sie freundschaftlich annahm , was freundschaftlich geboten schien . Jetzt , da sie selbst die Liebe mit all ihren Wonnen und Qualen , all ihren Höhen und grauenvollen Abgründen kannte , hätte sie es weniger denn je übers Herz gebracht , Hoffnungen zu erwecken , nur um sie dann wieder vernichten zu müssen . Ein paar herzliche Stunden verbrachten sie mit einander . Dann trennten sie sich . Lotte war nicht zu bewegen , mit Franz zu Lena zu gehen . Sie schützte notwendige Arbeit vor . Im Grunde war es ein anderes , was sie trieb , etwas , das , nachdem sie Franz wiedergesehen , ihr weit schwerer wurde , als sie es irgend vorausgesehen hatte . Franz und Lena sollten allein sein bei diesem ersten Wiedersehen . Lena hatte Franz immer besonders gern gehabt . Sie war es ja auch gewesen , die auf seine Uebersiedelung nach Berlin gedrungen hatte . Welch ' ein Glück für Lena , wenn Franz , da er sie ja nicht mehr liebte , Lena sein braves , ehrliches Herz zuwendete . Die Schwester würde nicht immer allein bleiben wollen . Gäste , selbst Hausfreunde ersetzen die Familie auf die Dauer nicht . Und diese Hausfreunde ! Lotte wollte ganz und gar nichts mehr von ihnen wissen seit jenem Abend in Dahlow , wo Leutnant Kurt ihr so dreist zu nahe getreten war . Sollte Bornstein aus so ganz anderem Holz geschnitten sein ? Schwerlich ! Arme Lena ! Nein , sie sollte nicht auch geopfert werden . Eines braven Mannes glückliche Frau sollte sie werden , und was Lotte dazu thun konnte , sollte gewiss geschehen . So ging Franz allein nach der Potsdamerstrasse . Ungern genug . Nachdem er Abschied von Lotte genommen und ein Wiedersehen für den kommenden Tag verabredet hatte , sah er ihr mit brennenden Augen nach . Wie sie so durch den leichten , lichtdurchschimmerten Nebel von ihm fortschritt , war es ihm , als ob sein Glück von ihm ginge , weiter , immer weiter , in eine nebelhafte ungewisse Ferne hinaus . Er musste sich einen ordentlichen Ruck geben , um Lena wirklich aufzusuchen . Wenn er es Lotte nicht versprochen gehabt hätte , würde er den Weg nach dem Blumengeschäft sicherlich nicht gefunden haben . Er hätte viel darum gegeben , da er mit Lotte nicht sein durfte , wenigstens allein zu bleiben . Am Ende aber erwies sich der Besuch bei Lena als eine angenehme Enttäuschung . Franz hätte nicht selbst ein so vortrefflicher Geschäftsmann sein müssen , um an dem Aufblühen von Lenas Unternehmen nicht seine helle Freude haben zu sollen . Ueberdies imponierte ihm , wie Lena es ja nicht anders erwartet hatte , der äussere Apparat gewaltig . Das war in der That grossstädtischer Zuschnitt . Laden , Wohnraum und nicht zuletzt Lena selbst in ihrem dunkelroten , mit schwarzem Pelzwerk besetzten , eng anschliessenden Kostüm . Alle Wetter , hier konnte man lernen , wie es gemacht wurde , um in Berlin in die Höhe zu kommen . Ganz klein geworden , bat er Lena sein Misstrauen gegen ihre Fähigkeiten ab . Sie lachte und vergab ihm grossmütig . Es machte ihr ein ungeheures Vergnügen , dass auch dies wieder ganz so gekommen war , wie sie es gewünscht und vorausgesehen hatte . Ihre Laune war prächtig , und sie wünschte nur , dass weder Bornstein noch Kurt noch irgend einer ihrer andern Stammgäste kommen möchten , um ihr tête-à-tête mit Franz zu stören ! Nachdem er alles eingehend besichtigt hatte , bat Lena den Jugendfreund in ihr türkisches Boudoir zu einer Tasse Thee und einer Cigarette . Sie selbst hütete sich , eine anzuzünden . Sie war viel zu klug , um den ausgezeichneten Eindruck zu zerstören , den sie ersichtlich auf Franz gemacht hatte . » Trotz seiner Liebe zu Lotte « , fügte sie triumphierend hinzu . Franz Krieger war immer ein Faktor gewesen , mit dem Lena gerechnet hatte . Sie hatte stets eine kleine Schwäche für ihn gehabt . Vielleicht nur aus dem Grunde , weil er im Gegensatz zu allen übrigen Menschen sich nur um Lotte und nicht im geringsten um sie gekümmert hatte . Wäre Franz nicht zu Selbständigkeit und Vermögen gekommen , sie würde diese Schwäche zweifellos unterdrückt haben . Jetzt sah sie keinen Grund mehr dafür ein . Die letzte Nummer in ihrem Programm war eine Ehe als gute Versorgung , mit vollständiger Wahrung ihrer persönlichen Rechte und Freiheiten . Schon am ersten Abend des Wiedersehens zweifelte sie nicht mehr daran , dass Franz Krieger der Mann dazu geworden sei , den man für diese