und blassen Nägeln . An der Linken trug sie einen spiralförmig gewundenen Ring , der nur locker saß , und den sie bei jeder Bewegung mechanisch zurückschob . Jede Bewegung selbst schien nur mechanisch , oft sanken die Hände matt in den Schoß und blieben müßig liegen , selbst wenn der Ball schon durch die Luft flog ; dann legte sie den Kopf zur Seite und ließ ihn an sich vorbeisausen . » Esther muß jetzt zu Bett , il est tard , « rief Frau Olifat , aber die Mädchen achteten nicht darauf und begannen ein anderes Spiel . Monika setzte sich auf die Erde und legte zwanzig Spielkarten rund um sich herum . Nun sollte Esther mit verbundenen Augen die Herz-Dame suchen . Ein seltsames Spiel , um so mehr , als Monika dabei fortwährend lächelte und gespannt auf die Karten sah ; ihr Lächeln hatte etwas von dem einer Wahnsinnigen . » Warum bist du so eifrig beim Spiel , Monika ? « fragte Agathon , eigentümlich bewegt . Sie richtete ihre Augen trotzig und verwundert auf ihn . Dann sagte sie : » Wenn du die Dame erwischst , darfst du mich schlagen , Esther . « Sie legte sich mit dem ganzen Körper auf die Dielen , streckte die Arme über sich hinaus und schloß die Augen . Als Agathon sich verabschiedete , folgte ihm Monika mit einem kleinen Lämpchen in den Flur . Doch ein starker Zugwind schlug ihnen entgegen und löschte das Licht aus . Eine kurze Zeitlang standen sie unschlüssig im Dunkeln , noch geblendet vom Licht des Zimmers , dann konnten sie einander sehen und fanden , daß es gar nicht finster sei . Indes Agathon an der Treppe gute Nacht sagen wollte , lehnte sich Monika weit über die Brüstung und er sah ihre wilden Augen leuchten . Er streckte beide Hände nach ihr aus und wußte nicht , wie er sie plötzlich ganz in den Armen hielt und seine Lippen behutsam und voll Innigkeit auf ihre beiden Augen drückte . Sie lag wie eine leblose Masse an seiner Brust , und obwohl sie weder weinte noch sprach , zuckten ihre Lippen unaufhörlich . Dann stand Agathon vor dem Gartentor und träumte , sah über das weite , nachtdunkle , schneeblaue Land , und fühlte gleichsam in seinen Augen , wie sehr er dies Land liebte , das ihm Heimat war . Als er am nächsten Morgen , es war der erste Weihnachtstag , an Estrichs Zaun vorbeikam , hörte er grimmiges Schelten im Hause . Er lauschte . Es war die wetternde , böse Stimme des Alten . Er traf dann Gudstikker , der ihm mit großer Erzählerfreude den Grund des Streites berichtete . Der Bruder des Alten sei ein heruntergekommener Mensch , der nichts mehr besitze , als ein ererbtes Patrizierhaus in Nürnberg , das er nicht verkaufen dürfe . Er sei ein höchst sonderbarer Kumpan , Alchymist , suche schon seit zwanzig Jahren den Stein der Weisen und habe dabei ein großes Vermögen verschwendet . Nun sei er zum Bruder betteln gekommen . Merkwürdig sei dabei nur , daß Käthe an diesem verrückten Onkel Goldmacher mit überschwenglicher Zärtlichkeit hänge . Onkel Baldewin komme bei ihr gleich neben der Bibel . » Wie glücklich sich doch manches trifft in der Welt , « schloß er in philosophischer Art seine Ausführungen , » daß solch ein närrischer Karpfen auch noch Baldewin heißen muß . Zu dumm ! « Er schüttelte sich vor Lachen , schaute auf seine Uhr , die er dann aus Ohr legte und eilte davon . Daheim angelangt , sah Agathon einen Postboten , der für den Feiertagsgang von Frau Jette ein Trinkgeld erbat . Er hatte die Zeugenvorladung für die Verhandlung gegen Enoch Pohl gebracht . Frau Jette vermochte kaum ihren Namen unter den Empfangszettel zu setzen . Elkan Geyer würde Zeugnis ablegen - im Himmel . Er lag in Krämpfen und Fieberträumen und Frau Jette hatte niemand , der ihr beistehen konnte . Die Magd hatte sie gestern schon fortgeschickt , sie konnte das fremde Maul nicht mehr füttern , sie , die jeden Pfennig bewachen mußte . Gegen die Mittagszeit entstand ein Schreien und Durcheinanderreden vor den Fenstern . Agathon blickte hinaus . Die Rosenaus Mädchen verkündeten mit roten Gesichtern irgend einen aufregenden Vorfall . Agathon hätte es kaum beachtet , da die beiden zum Zeitvertreib alles zur Katastrophe aufbauschten , aber als Isidor ihm winkte , hinauszukommen , folgte er und erfuhr , daß sich eine von den vertriebenen , russischen Judenfamilien auf der Altenberger Landstraße befinde und vor Elend und Hunger nicht weiter könne . Die Unglücksstätte war nur eine Viertelstunde vom Dorf entfernt , und als Agathen dort war , bot sich ihm ein schrecklicher Anblick . Ein Mann , oder nur noch der Schatten eines Mannes , lag auf der Erde , und seine erloschenen Blicke irrten stier durch die Luft . Die Frau , ein Weib von etwa dreißig Jahren , das vielleicht noch vor Wochen schön gewesen war , jetzt aber das Aussehen einer Greisin hatte , kniete vor ihm und wimmerte wie ein geschlagener Hund . Ihre Finger schienen erfroren . Sie trug in Tüchern ein Kind auf dem Rücken , ein zweites , noch Säugling , lag im Schnee , ein Knabe von nicht mehr als sechs Jahren stand zusammengekrümmt , mit verweintem , schmierigen Gesicht neben ihr , klammerte sich , schlotternd vor Frost , an ihren Rock und richtete zuweilen in fremdländischen Lauten eine verzweifelte Frage an seine Mutter . Agathon , nicht geneigt zu träumen , unterbrach das Fragen und Gassen der andern , schickte Mirjam , die mitgelaufen war , zurück um einen Wagen zu holen , und da sich die Rosenaus zur Beherbergung der Unglücklichen erboten , waren seine Dienste bald überflüssig . Erst in der Nacht , die nun folgte , kamen die Gedanken . Er empfand eine eherne Zusammengehörigkeit mit seinem Volk , und doch haßte er dies