das ist das , was man das Höhere nennt , das wirklich Ideale , nicht das von meiner Freundin Jenny . Glaube mir , das Klassische , was sie jetzt verspotten , das ist das , was die Seele frei macht , das Kleinliche nicht kennt und das Christliche vorahnt und vergeben und vergessen lehrt , weil wir alle des Ruhmes mangeln . Ja , Corinna , das Klassische , das hat Sprüche wie Bibelsprüche . Mitunter beinah noch etwas drüber . Da haben wir zum Beispiel den Spruch : Werde , der du bist , ein Wort , das nur ein Grieche sprechen konnte . Freilich , dieser Werdeprozeß , der hier gefordert wird , muß sich verlohnen , aber wenn mich meine väterliche Befangenheit nicht täuscht , bei dir verlohnt es sich . Diese Treibelei war ein Irrtum , ein Schritt vom Wege , wie jetzt , wie du wissen wirst , auch ein Lustspiel heißt , noch dazu von einem Kammergerichtsrat . Das Kammergericht , Gott sei Dank , war immer literarisch . Das Literarische macht frei ... Jetzt hast du das Richtige wiedergefunden und dich selbst dazu ... Werde , der du bist , sagt der große Pindar , und deshalb muß auch Marcell , um der zu werden , der er ist , in die Welt hinaus , an die großen Stätten , und besonders an die ganz alten . Die ganz alten , das ist immer wie das Heilige Grab ; dahin gehen die Kreuzzüge der Wissenschaft , und seid ihr erst von Mykenä wieder zurück - ich sage ihr , denn du wirst ihn begleiten , die Schliemann ist auch immer dabei - , so müßte keine Gerechtigkeit sein , wenn ihr nicht übers Jahr Privatdozent wärt oder Extraordinarius . « Corinna dankte ihm , daß er sie gleich mit ernenne , vorläufig indes sei sie mehr für Haus und Kinderstube . Dann verabschiedete sie sich und ging in die Küche , setzte sich auf einen Schemel und ließ die Schmolke den Brief lesen . » Nun , was sagen Sie , liebe Schmolke ? « » Ja , Corinna , was soll ich sagen ? Ich sage bloß , was Schmolke immer sagte : Manchen gibt es der liebe Gott im Schlaf . Du hast ganz unverantwortlich un beinahe schauderöse gehandelt un kriegst ihn nu doch . Du bist ein Glückskind . « » Das hat mir Papa auch gesagt . « » Na , denn muß es wahr sein , Corinna . Denn was ein Professor sagt , is immer wahr . Aber nu keine Flausen mehr und keine Witzchen , davon haben wir nu genug gehabt mit dem armen Leopold , der mir doch eigentlich leid tun kann , denn er hat sich ja nich selber gemacht , un der Mensch is am Ende , wie er is . Nein , Corinna , nu wollen wir ernsthaft werden . Und wenn meinst du denn , daß es losgeht oder in die Zeitung kommt ? Morgen ? « » Nein , liebe Schmolke , so schnell geht es nicht . Ich muß ihn doch erst sehn und ihm einen Kuß geben ... « » Versteht sich , versteht sich . Eher geht es nich ... « » Und dann muß ich doch auch dem armen Leopold erst abschreiben . Er hat mir ja erst heute wieder versichert , daß er für mich leben und sterben will ... « » Ach Jott , der arme Mensch . « » Am Ende ist er auch ganz froh ... « » Möglich is es . « Noch am selben Abend , wie sein Brief es angezeigt , kam Marcell und begrüßte zunächst den in seine Zeitungslektüre vertieften Onkel , der ihm denn auch - vielleicht weil er die Verlobungsfrage für erledigt hielt - etwas zerstreut und das Zeitungsblatt in der Hand mit den Worten entgegentrat : » Und nun sage , Marcell , was sagst du dazu ? Summus episcopus ... Der Kaiser , unser alter Wilhelm , entkleidet sich davon und will es nicht mehr , und Kögel wird es . Oder vielleicht Stoecker ... « » Ach , lieber Onkel , erstlich glaub ich es nicht . Und dann , ich werde ja doch schwerlich im Dom getraut werden ... « » Hast recht . Ich habe den Fehler aller Nicht-Politiker , über einer Sensationsnachricht , die natürlich hinterher immer falsch ist , alles Wichtigere zu vergessen . Corinna sitzt drüben in ihrem Zimmer und wartet auf dich , und ich denke mir , es wird wohl das beste sein , ihr macht es untereinander ab ; ich bin auch mit der Zeitung noch nicht ganz fertig , und ein dritter geniert bloß , auch wenn es der Vater ist . « Corinna , als Marcell eintrat , kam ihm herzlich und freundlich entgegen , etwas verlegen , aber doch zugleich sichtlich gewillt , die Sache nach ihrer Art zu behandeln , also sowenig tragisch wie möglich . Von drüben her fiel der Abendschein ins Fenster , und als sie sich gesetzt hatten , nahm sie seine Hand und sagte : » Du bist so gut , und ich hoffe , daß ich dessen immer eingedenk sein werde . Was ich wollte , war nur Torheit . « » Wolltest du ' s denn wirklich ? « Sie nickte . » Und liebtest ihn ganz ernsthaft ? « » Nein . Aber ich wollte ihn ganz ernsthaft heiraten . Und mehr noch , Marcell , ich glaube auch nicht , daß ich sehr unglücklich geworden wäre , das liegt nicht in mir , freilich auch wohl nicht sehr glücklich . Aber wer ist glücklich ? Kennst du wen ? Ich nicht . Ich hätte Malstunden genommen und vielleicht auch Reitunterricht und hätte mich an der Riviera mit ein paar englischen Familien angefreundet , natürlich solche mit einer Pleasure-Yacht , und wäre mit ihnen nach Korsika oder nach Sizilien gefahren , immer der