seine Seele . Das zurückhaltend Feierliche , das er sonst hatte , fiel in solchen Stunden von ihm ab , und im Augenblicke , wo die Kinder diesen Wechsel eintreten sahen , wechselten sie , je nach dem Maß der aufkeimenden guten Laune , rasch auch die Lieder selbst , und wenn eben noch ein Choral auf dem Notenpult gestanden hatte , so wurde jetzt ein weltliches , wenn auch zunächst noch ein elegisches Lied aus dem Choral . Eines unter diesen elegischen Liedern , welches das » Lied vom Herzen « hieß und eine sehr gefällige , ganz für die Zither berechnete Melodie hatte , war eine Zeitlang aller Lieblingsstück , so sehr , daß selbst Monsieur L ' Hermite mit einstimmte . ' s Herz ist ein spaßig Ding , An sich nur klein und g ' ring ; Oft ist ' s ganz mäuschenstill , Dann hämmert ' s wie ' ne Mühl , Oft tut mir ' s wohl und oftmals wehe ! - Drum denk ' ch in meinem Sinn , ' s sitzt was Lebend ' ges drin , Zeigt Freud und Schmerzen Ganz tief im Herzen ! - Auch Maruschka sang mit Vorliebe diese Strophe mit , trotzdem sie vom Text wenig oder nichts verstand , aber das Zittrige der Melodie tat ihr unendlich wohl und bestimmte sie , während sie weinte , Mal auf Mal auf das » Durchsingen « aller Strophen zu bestehen . Es waren ihrer sechs oder sieben , unter denen die junge Welt die zweite bevorzugte . Diese lautete : Wenn man was Böses tut , Da hämmert ' s gar nicht gut , Dann redt man gern sich ein : ' s wird wohl so schlimm nicht sein , Man möcht die Wahrheit sich nicht sagen ! Doch - was hilft aller Schein , Der droben schaut darein , Er wird ' s am Schlagen Dir deutlich sagen ! - In Lehnerts Auge flimmerte dann was , auch wohl bei den andern , und nur Obadja , der , infolge seines Vertrautseins mit dem Kirchenliede , dem bloß Weichlichen durchaus abhold war , außerdem auch die dünne knipsige Begleitung auf der Zither nicht recht leiden konnte , blieb ziemlich nüchtern bei diesen Sentimentalitäten , die die Kinder , in totaler Verkennung seines Geschmacks , recht eigentlich für ihn ausgesucht hatten , und kam immer erst in die richtige , von seiner Umgebung gewünschte Stimmung , wenn man aus dem Gefühlvollen offen und ehrlich in die direkten Heiterkeiten überging . Auf Schlesiens Bergen , da wächst ein Wein , Den trifft nicht Regen , nicht Sonnenschein ... Ja , das tat ihm wohl , und wenn Obadja dann , am Schluß des Liedes , den sich in seiner Trinkwette für überwunden erklärenden Teufel laut jammern hörte : Noch mehr zu trinken solch sauren Wein , Muß man ein geborner Schlesier sein .... da kam ein Lachen über ihn , so herzlich , als ob er nie der Hohepriester von Nogat-Ehre gewesen wäre . Daß dem so sein konnte , das hing übrigens noch mit einem andern Zuge seiner Natur zusammen : Obadja , trotz beinah vierzigjährigen Aufenthalts in Amerika , hatte sich einen altheimatlichen Sinn , ganz besonders aber einen Sinn für provinziale Sitten und Vorkommnisse bewahrt , und gleich nach Kaiser Wilhelm und Bismarck gab es eigentlich nichts Unterhaltlicheres für ihn als Weichselüberschwemmungen oder Sand- und Schneeverwehungen auf der Nehrung oder Bernsteinausgrabungen - lauter ost- und westpreußische Themata , daran sich selbstverständlich auch schlesische Besonderheiten anschließen durften , und je mehr Sagen und Märchen aus dem Riesengebirge von Lehnert erzählt und je mehr Wichtelmännchen und Zwerge dem Monsieur L ' Hermite für seine Schürfversuche zur Verfügung gestellt wurden , je lächelnder und glücklicher sah Obadja drein . Am meisten , und das galt für alt und jung , interessierte natürlich Rübezahl , von dem jeder immer mehr hören wollte , bis Lehnert versprach , ihnen allen einen Rübezahl in Holz zu schnitzen . Das könne jeder Schlesier , und er wolle sich für Porträtähnlichkeit verbürgen , trotzdem er Rübezahl seit über sechs Jahren nicht mehr gesehen habe . Und gesagt , getan . Eine große Fichtenflechte , die für Haar und Bart zu sorgen hatte , wurde von den benachbarten Ozark-Mountains herbeigeschafft , und schon am nächsten Familienabende machte der alte Berggeist , dem L ' Hermite ein Paar rote Glasaugen eingesetzt hatte , seine Aufwartung und ging reihum und wurde bestaunt und bewundert . Nur Maruschka erklärte , ihn nicht anfassen zu wollen ; der heilige Niklas sei es nicht , also sei es ein Götze . Und mit dieser ihrer naiven Erklärung behielt sie mehr recht , als sie selber erwartet haben mochte . Denn kaum drei Tage nachdem man das Holzbild in die Halle gestellt hatte , ließen sich mehrere Mennoniten von Nogat-Ehre bei Obadja melden und stellten den Antrag , den Götzen , der bereits Anstoß in der Gemeinde gegeben habe , wieder beseitigen zu wollen , ein Antrag , dem natürlich Folge gegeben und mit dessen Ausführung : ein Autodafé drüben im Parkgarten , Monsieur L ' Hermite betraut wurde . Ja , der Rübezahl ging in Flammen auf , aber diese Nachgiebigkeit machte die mal zu Wort gekommenen Unzufriedenen nicht schweigen , seitens derer die Gelegenheit benutzt und über den Einzelfall hinausgreifend ganz allgemein bemerkt wurde : Das käme davon , wenn man sein Haus zur Freistätte für all und jeden mache - eine Bemerkung , die sich übrigens , sonderbar zu sagen , nicht so sehr gegen Lehnert und Monsieur L ' Hermite wie gegen Maruschka richtete , der es nichts half , das unzweifelhaft harmloseste Mitglied der katholischen Kirche zu sein . Obadja nahm daraus Veranlassung , am nächsten Sonntag im Betsaale eine Ansprache zu halten und auf den Unterschied zwischen einem Götzen und einem bloßen Spielzeug hinzuweisen . Auch gegen ein solches , ein Spielzeug , rigoros vorzugehen , verenge den Sinn und verkümmere das Leben . Und