- sie wollte allein bleiben . Sie wußte , daß ihres Kindes letzte Lebensstunden begonnen hatten . Man ließ ihr den Willen und entfernte sich , der Diener lief von selbst zum Pastor , Severina blieb im Wohnzimmer sitzen . Eine bange Viertelstunde verstrich . Der Pastor und seine Frau traten ein . Der alte Mann streichelte mit seiner weichen Hand Adriennens Haar und sagte nichts ; sie legte ihr Haupt an ihn , als sei sie müde , und verharrte knieend . Die Pastorin setzte sich an das Bett , nahm ihre Brille hervor und schlug das Gesangbuch auf , das sie aus der Tasche zog . Mit ihrer harten , lauten Stimme begann sie zu lesen : » So komm , geliebte Todesstund ' , Komm , Ausgang meiner Leiden ! Ich seufze recht von Herzensgrund Nach jenen Himmelsfreuden . So komm , o Tod , nur bald heran , Ich warte mit Verlangen , Im weißen Kleide angethan , Vor Gottes Thron zu prangen . « Adrienne stand langsam auf . Ihre starren Augen waren mit einem Blick des Grauens auf die gleichmütig lesende Frau gerichtet . Sie hob die Hand gegen die Thür mit deutender Geberde . » Ich - ich will das - nicht hören , « lallte sie . Die Pastorin sah mit fassungslosem Entsetzen auf die junge Frau . Nach einer Weile sagte sie bestimmt : » Wenn Sie sich der tröstlichen Spendung des Wortes unseres Herrn - Herrn entziehen wollen , ist es meine Pflicht , sie Ihnen aufzudrängen . « Und ohne weiteres fuhr sie fort : » Herr Jesu , deine Liebe macht ... « » Hinaus ! « schrie Adrienne auf , » ich will allein mit der sterbenden Seele meines Kindes sein ! « » Herr , mein Gott , « betete die Pastorin mit gefaltet erhobenen Händen , » höre nicht auf dieses irrenden Schäfleins Wahngeschrei ! « Da geschah etwas ganz Unerwartetes . Der Pastor nahm seine Frau beim Arm und sagte halblaut : » Du siehst , es ist nicht allen Herzen willkommen , Dich als Dolmetsch bei dem Höchsten zu haben . Mitfühlen ist hier mehr als vorbeten . « Sie sah ihn an - beinahe wild , jedenfalls so empört , daß es ihr an Fassung gebrach , ihren Platz zu behaupten . » Herr , « murmelte sie endlich , » mache nicht mich verantwortlich für seine Fahrlässigkeit im Glauben . « » Geh heim , « sagte der Pastor , » und wenn Du willst , bete dort . « Zorn im Herzen , Zorn in den erregten Mienen und überhastigen Geberden ging sie , aus der Not eine Tugend machend und sich sagend , daß ihre eigene Seele Gefahr laufe , wenn sie hier weile . Severina , die am Thürpfosten stand , ließ sie mit bitterem Lächeln vorbei . » Soll ich auch gehen ? « fragte der Pastor sanft . Adrienne schüttelte den Kopf und ergriff seine Hand , um sie , gleichsam liebkosend , gegen ihre Wange zu drücken . Er nickte väterlich liebevoll , dann setzte er sich auf den Platz , den seine Frau innegehabt . An wie vielen Totenbetten hatte er nicht schon so gesessen ? Säuglinge , Kinder , Jünglinge , Frauen , Greise hatte er sterben sehen . Hundertmal hatte er dem Tode in das geheimnisvolle Gesicht geschaut . Seine Geheimnisse hatte auch er nicht enträtselt , aber seine Schrecken hatte ihre Macht verloren . Es war immer dasselbe Bild , immer thaten sich im Leben der Zurückbleibenden Lücken auf , die ewig unausfüllbar schienen , und immer schloß die Zeit diese Lücken lind und fest . Er hatte noch keine unheilbaren Schmerzen gesehen , darum waren ihm die Schmerzen keine Strafen von Gott , sondern Prüfungen , und darum griff er weder mit dräuendem , noch lehrendem , noch tröstendem Wort ein . Aber er weinte mit den Leidenden , denn er begriff immer , daß sie die Größe ihres Jammers überschätzen mußten , weil die Kenntnis des Trostes ihnen noch vorenthalten war . So saß der greise Mann auch hier und teilte mit ehrlichem Herzen den Jammer der jungen Frau . Er grübelte weder darüber , warum dies Leid gekommen , noch wozu es gut sei ; er dachte nur daran , es ihr tragen zu helfen . Und Adrienne fühlte dieses fromme , menschliche Mitleid und empfand seine Nähe als Wohlthat . Die Nacht ging weiter , das Kind röchelte schwer . Wider ihren Willen hatte es Severina herangezogen , sie stand am Fußende des Bettes und horchte auf den rasselnden , heiseren Atem . Adrienne sah stumm und thränenlos auf das sterbende Kind . Ihr ganzes Leben und das ihres Gatten zogen an ihr vorüber . Eine ähnliche Existenz , wie die ihre gewesen , wäre auch diesem Kinde geworden . War da denn so viel Grund zu jammern ? Tag um Tag und Jahr um Jahr den Eigenwillen bezwingen , die angeborenen Wünsche und Daseinsbedürfnisse kasteien , jede Freude sich karg bemessen , jeden Herzschlag bang belauschen , ob er nicht über die Grenze des Erlaubten geht und bei all den tausendfachen , kleinen und durch ihre Unsumme ins zentnerschwere wachsenden Opfern , doch nichts erreichen als ein mittelmäßiges Dasein - mittelmäßig an äußeren Gütern , mittelmäßig an Stellung in den Ehrenabstufungen der menschlichen Gesellschaft , mittelmäßig an Befriedigung der Herzenssehnsucht , mittelmäßig sogar in dem landläufigen Maß verzeihbarer Sünden - war das alles wert , ein Leben zu wünschen ? Und wenn wirklich dieses Kindes Laufbahn glanz- und freudevoller geworden wäre , als die seiner Eltern , selbst dann , was verlor es ? Vielleicht nur wenige sorglose Jugendjahre , denn mit dem ersten unerfüllten Wunsch kommt der erste Stachel in die Menschenseele . Was verlor er sonst ? Die Liebe ? O , ihm blieb die Erfahrung erspart , daß es in der Liebe keine glückssonnigen Ewigkeiten gibt , daß sie in der Freiheit unter