diesem Bilde schamloser Herzens- und Gemüthsverrohung , verzweifelnd an allen idealen Instinkten . Ja , man müßte die Leier des Gesanges zu allen Teufeln werfen - « » Warum thun Sie es denn nicht ? « unterbrach ihn plötzlich im betäubendsten Wortschwall die boshafte Zwischenfrage . Sie kam aus dem Munde Leonharts , der ihn seit geraumer Zeit mit festen Blicken maß , als ob er an ihm etwas studiren wolle . Annesley verstummte und biß sich auf die Lippe , während ein tückisches Blinzeln in seinem Auge verrieth , daß er Leonharts Meinung sehr wohl verstanden habe . » Meine Lieder , « hob er wieder an , » sind sturmbewegte Trauerflöre , tiefste Herzensseufzer . Durch die Berührung mit der All Natur entsteht jenes Stimmungs Fluidum , welches der brünstigen Sehnsucht nach dem Ur Schooß entspringt . Ja , meine Herren , die Musik - sie ist die höchste der Künste , vergeistigte Materie , die vom Rohstofflichen bis auf den kleinstmöglichsten Erdenrest sich losgelöst . Die in der Stunde der Gnade empfangene Melodie der Seele , der individuelle Stimmungsduft der Empfängniß , die krystallklare Spiegelung der dämonischen Regungen der Seelenorgane in der ganzen Skala der Affekte vom höchsten Jubel bis zum tiefsten Leid ... « er wollte noch einige Phrasen hinzufügen , verhaspelte sich jedoch und verschlang rasch eine Auster . » Kannst Du Dir den Bauch halten vor Lachen ? Ich platze ! « raunte Schmoller wieder seinem Freunde zu , der mürrisch vor sich hinstarrte . » Sehr , sehr schön gesagt , mein lieber Herr Francis Henry Annesley , « sagte er laut mit tiefem Brustton der Ueberzeugung . » Grade auf Ihre Prachtausgabe bin ich ungemein gespannt . Haben Sie schon einen Verleger ? ! « Diese ominöse Frage schien bei dem neuen Mozart eine mißtönende Seite zu berühren . Denn er runzelte die Stirn und zog dann aus seiner Brusttasche einen gedruckten Prospekt , welchen er der andächtig lauschenden Gemeinde mit hochtrabend näselndem Tone verlas . In demselben wurde versichert : Ralf der Schöne ( in Klammer : Pseudonym für Henry Francis Annesley ) sei nach dem Urtheil aller Autoritäten » absolut genial « zu nennen . Beigefügt waren einige Recensionen des » berühmten Musikreferenten Eugen Düstergang « und des » bekannten Kunstkenners Harald Theopol Mokamaute « , wonach die » Pantheistischen Lieder unseres Henry Francis Annesley zweifellos vom Hauch der Unsterblichkeit umweht « seien . Diese Musik schwebe gleichsam in der mondblauen Luft zu märchenblasser Sternenpracht empor . » Ikarus , Ikarus , Jammer genug ! « warnte Leonhart halblaut . » Sagen Sie - Mokamaute ? « forschte Schmoller mit unnatürlichem Ernst . » Würde Mokka-Schaute nicht besser klingen ? Wer ist eigentlich dieser Herr ? Habe noch nie davon gehört . « » Ich wohl - nämlich von Ihren zwanzig Pseudonymen , Herr Annesley . « Leonhart stieß ein kurzes hartes Gelächter aus . » Ach , so lassen wir doch den Quatsch ! « Der Wunderknabe schoß aus ihn einen wüthenden Blick , in dem eine unheimliche Tücke schillerte . » Sprechen wir endlich von interessanten Dingen . Wie denken Sie über Rußland ? Ich meine , die neuen Attentatversuche der Nihilisten , meine Herren . « Aber Schmoller hielt ihm mit komischen Schrecken den Mund zu : » Raus ! Will der Spitzbube hier gelehrte Gespräche mimen . - Ne , schwatzen wir man ganz gemüthlich weiter ! « ( » Klatschen und schimpfen ! « dachte Rother . ) » Ja , mein lieber Mister Annesley , ich freue mich lebhaft , in Ihnen einen Nachfolger der Schumann und Schubert , sozusagen den Letzten Lyriker , kennen zu lernen . Fahren Sie auf diesem löblichen Wege nur so fort , dann wird Ihnen der Lorbeer ( halblaut zu Leonhart : und Zelle Nr. 1 in Dalldorf ) nicht entgehen . « Und erschüttelte meuchlings dem Letzten Lyriker die schmächtige Hand mit seiner Bärentatze . » Wie Rother erzählt , verfügen Sie ja auch noch über eine schöne Gottesgabe die des Menschen Herz erfreut : einen sanften lieblichen Tenor . « » Wollen Sie mich mal hören ? « Der Wunderknabe ließ sich das nicht zweimal sagen . Zum Entsetzen seines Freundes Rother und sämmtlicher Gäste erhob er plötzlich seine Stimme und sang » So - la - mi - fa « mit fabelhafter Bravour herunter . » Aber nein , das geht nicht , meine Herrn ! « betheuerte der Wirth , der von seiner üblichen Skat-Parthie in der Ecke aufsprang und herbeieilte . » Sie graulen mir ja alle Gäste fort . « Annesley setzte sich , unmuthig seine Mähne schüttelnd . » Lächerlich ! So geht ' s immer . Nirgends ist Raum für das Ideale . « » Und die Eitelkeit , « ergänzte Leonhart . Schmoller wand sich in inneren Krämpfen . » Sehr , sehr brav . Ich ehre in Ihnen den neuen Amphion , « rief er , Lachthränen in der tremulirenden Stimme . » Sie könnten Steine erweichen . - Dieser Me-nsch ! « flüsterte er zu Leonhart hinüber . » Den bring ' ich in meinen neuen Roman . Der Wein-Reisende in Musike ! Das ist ja das reine Pendant zu den Literatur-Studenten der Jüngsten Deutschland . « Als ob er auf sein Stichwort gelauert hätte , wandte sich hier der Wunderknabe , der nach Leonharts boshafte Ergänzung über irgend etwas zu sinnen schien , an diesen mit der erfreulichen Frage : » Haben Sie schon Veilchenthals Epigramm auf Sie gelesen in der neuesten Nummer des Zeitgeist ? « » Ach Gott ! « lächelte dieser . » Was geht es den Mond an , ob ein Köter ihn anbellt ! Der selige Lasalle sagte so richtig in seiner Broschüre gegen Julian Schmidt : Die kleinsten Köter pflegen mit Vorliebe an Monumenten ihr Wasser abzuschlagen . « » Hihi ! « Der Wunderknabe grinste dämonisch . » Mond und Monument ist gut . Hihi , er redet ja