» morgen « kam nie , niemals ! - Sie preßte die Stirn zwischen die Hände und lief von Wand zu Wand . Da ging drüben die Salonthüre . Herbert kam herein und durchschritt mit suchendem Blick die Zimmerreihe . Er war im Ueberzieher und hatte den Hut in der Hand . Margarete blieb stehen , als er auf die Schwelle trat , und ihre Hände sanken langsam von den Schläfen nieder . » Haben sie dich so allein gelassen , Margarete ? « fragte er innig mitleidsvoll , wie sie ihn vor Jahren meist zu dem kranken Kinde Reinhold hatte sprechen hören . Er kam herein , warf den Hut hin und ergriff die Hände des jungen Mädchens . » Wie kalt und erstarrt du bist ! Das öde , düstere Zimmer ist kein Aufenthaltsort für dich . Komm , gehe mit mir hinüber ! « bat er sanft und hob den Arm , um ihn stützend um ihre Gestalt zu legen ; aber sie fuhr zurück und trat um einige Schritte von ihm weg . » Meine Augen schmerzen , « sagte sie hastig , erschrocken aus ihrer dämmernden Ecke herüber . » Das gedämpfte Licht thut ihnen gut nach der grausamen Helle im Flursaal ... Ja , hier ist ' s öde ; aber still , mitleidig still - eine wahre Wohlthat für eine wunde Seele nach so viel weisen Trostphrasen ! « » Es war auch manch gutgemeintes Wort darunter , « begütigte er . » Ich begreife , daß das heutige Zusammenströmen von Menschen und die Prunkentfaltung dein Gefühl verletzt haben . Aber du darfst nicht vergessen , daß unser Verstorbener allezeit Gewicht auf derartige öffentliche Kundgebungen gelegt hat - die glänzende Totenfeier ist ganz in seinem Sinne verlaufen . Das mag dir ein Trost sein , Margarete ! « Er zögerte einen Moment , als warte er auf ein Wort von ihren Lippen ; aber sie schwieg , und da griff er wieder nach seinem Hut . » Ich fahre nach der Bahn , den Onkel Theobald abzuholen . Er wird es besser verstehen , als wir alle , erlösend zu deinem verschlossenen Schmerz zu sprechen ; und deshalb bin ich froh , daß er kommt ... Aber muß es sein , daß du mit ihm nach Berlin zurückkehrst , wie mir mein Vater eben sagte ? « » Ja , ich muß fort ! « antwortete sie gepreßt . » Ich habe selbst nicht gewußt , wie gut mir ' s bisher in der Welt ergangen ist - man nimmt das schöne glatt und ungeprüft verlaufende Leben hin , wie das leichte Atemholen , um welches wir kaum wissen . Nun kommt zum erstenmal ein großes Unglück über mich , und ich bin ihm nicht gewachsen , ich stehe ihm fassungslos gegenüber - es hat eine furchtbare Macht über mich ! « - Sie war ihm unwillkürlich wieder näher getreten und er sah , wie der mühsam verbissene Schmerz ihre Stirn furchte . » Es ist schrecklich , immer wieder ein und denselben Gedankengang durchlaufen zu müssen ! Und doch habe ich nicht die Kraft , ihn abzuschütteln ; ja , ich bin zornig auf die , welche von außen her den Kreis unterbrechen ... Und das wird hier nicht anders - drum muß ich fort . Der Onkel hat Arbeit für mich , strenge Arbeit , an der ich mir emporhelfen werde - er stellt einen neuen Katalog zusammen . « » Und die Menschen dort sind dir auch sympathischer - « » Sympathischer als der Großpapa und die Tante Sophie ? Nein ! « unterbrach sie ihn kopfschüttelnd . » Ich bin viel zu sehr ihresgleichen an Temperament und Charakter , als daß andere Bresche zwischen uns legen könnten . « » Die beiden sind nicht deine einzigen Angehörigen hier , Margarete . « Sie schwieg . » Ach , die armen Totgeschwiegenen ! Mit denen haben es die in Berlin freilich leicht ! « sagte er bitter lächelnd . » Die Edlen aus Pommern oder Mecklenburg , oder irgendwoher können ruhig ihr Ritterschwert stecken lassen - « Er unterbrach sich und wurde rot unter ihrem unwilligen Blick . - » Verzeihe ! « setzte er rasch hinzu . » Das durfte ich nicht - in diesen dunklen Stunden nicht ! « » Ja , in diesen Unglücksstunden ist es grausam , mich an ein ewig lächelndes Gesicht zu erinnern ! « bestätigte sie fast heftig . » Ich fühle zum erstenmal , wie gram man solchen wohlgenährten , rosigen , gleichmütigen Menschen sein kann , wenn man tieftraurig ist ... Man fühlt sich als gebeugte Jammergestalt , und da ragen sie neben einem empor , blühend und seelenruhig , und in jedem Zuge steht zu lesen : Was ficht mich das an ? Die Junge vom Prinzenhofe stand heute auch so neben mir draußen am Sarge , stolz und frisch und kühl bis ins Herz hinein ; ihr aufdringliches Parfüm erstickte mich fast , und das unaufhörliche Knistern ihrer langen Schleppe reizte meine Nerven bis zur Unerträglichkeit - ich hätte mit den Händen nach ihr stoßen mögen . « » Margarete ! « unterbrach er sie . Er ergriff mit sonderbaren Blicken ihre Hand ; aber sie wand sich los . » Besorge nichts , Onkel ! « sprach sie herb . » So viel gute Manieren sind mir doch noch verblieben . Und wenn ich zurückkomme - « » Nach abermals fünf Jahren , Margarete ? « fiel er ihr ins Wort und sah ihr gespannt in das Gesicht . » Nein . Der Großpapa wünscht meine baldige Rückkehr . - Anfang Dezember komme ich wieder . « » Dein Wort darauf , Margarete ! « Er sprach das hastig und streckte ihr abermals die Rechte hin . » Was kann dir daran liegen ? « fragte sie achselzuckend mit einem scheuen , halben Aufblick ihrer verweinten Augen ; aber sie legte doch für einen Moment ihre kalten Fingerspitzen