wir noch nicht gehen , Vater ? « fragte ich , nahm allen meinen Mut zusammen , strich ihm das Haar glatt und zog die verschobene Atlaskrawatte unter seinem Kinn zurecht . » Die Prinzessin wartet vielleicht - o , wie mein Herz klopft vor Angst ! « » Ich erwarte erst noch einen Herrn , den ich zum Herzog führen will , « sagte er kurz , ohne meinen letzten Ausruf zu beachten - weg war die heitere Stimmung ! Er entzog sich meinen ordnenden Händen , fing wieder an zu wandern , und nach zwei Sekunden starrten die glattgestrichenen Haare zu meinem Leidwesen nach allen vier Winden . » Willst du mir denn nicht sagen , was dich so sehr bekümmert ? « fragte ich bittend . Er schritt gerade mit rückwärts verschränkten Armen an mir vorüber . » O , mein Kind , das kann ich dir nicht sagen ! ... Ich wüßte gar nicht , wie ich es anfangen sollte , mich dir verständlich zu machen ! - War es doch heute mittag eine wahre Riesenaufgabe Ilse gegenüber ! « rief er fast ungeduldig nach mir zurück und ging weiter . Ich ließ mich nicht so ohne weiteres abfertigen . » Es ist wahr , ich bin entsetzlich dumm in der Heide geblieben ! « sagte ich aufrichtig . » Aber wer weiß , vielleicht verstehe ich dich doch besser , als du denkst - probier ' s einmal ! « Er lächelte halb verdrossen und unlustig , nahm aber doch die Münze auf und hielt sie mir hin . » Nun , da sieh her ! ... Das ist ein wunderseltenes Stück - ein sogenanntes Medaillon ... Es ist in meiner Sammlung nicht vertreten , weil ich bis zur Stunde seiner nicht habhaft werden konnte . « Mit strahlenden Blicken hielt er es gegen das Licht . » Köstlich ! - Es hat seine Stempelblume fast unberührt erhalten ! ... Der Herr , den ich erwarte , verkauft diese Medaillen , lauter unschätzbare Exemplare - verstehst du mich , mein Kind ? « » Die Ausdrücke nicht , Vater ; aber was du schließlich willst , weiß ich ganz genau - du möchtest die Goldstücke um alles nicht wieder aus der Hand lassen - « » Kind , ich gäbe freudig Jahre von meinem Leben darum , wenn ich sie kaufen könnte ! « unterbrach er mich schwärmerisch . » Aber ich bin leider außer stande - binnen einer Stunde wird der Herzog die auserlesensten Stücke für sein Medaillenkabinett erworben haben - und ich - « Er verstummte ; denn der Herr mit seinem Kästchen unter dem Arm , der gestern schon in der Bibliothek gewesen war , trat herein . Ich sah , wie mein Vater erblaßte . » Nun , wie ist ' s , Herr von Sassen ? « fragte der Herr im Eintreten . » Ich - muß davon absehen - « » Vater , « sagte ich rasch , » ich verschaffe dir , was du brauchst ! « » Du , mein kleines Mädchen ? ... Wie wolltest du denn das anfangen ? « » Das lasse meine Sorge sein ! Aber die Münze muß ich haben , damit ich mich auf sie berufen kann ! « ... Ei , wie ich plötzlich resolut und praktisch wurde ! Ich war ganz stolz auf mich selbst - das hätte Ilse sehen sollen ! Mein Vater lächelte ungläubig , aber es war doch ein Strohhalm , an den er sich noch für einen Augenblick anklammern konnte . Er sah den Herrn fragend an ; derselbe neigte zustimmend den Kopf , wickelte die Münze in das Papier und übergab sie mir . Ich umschloß sie in der Tasche krampfhaft mit meiner Hand , denn ich wußte ja , daß sie unschätzbar sei , und lief nach dem Vorderhause . Wie wollte ich Herrn Claudius bitten , mir dreitausend Thaler von meinem Gelde zu geben ! Wie wollte ich ihm den Kummer meines Vaters in beweglichen Worten vorstellen ! Wenn er nicht durch und durch von Stein war , da mußten ihn doch die Bitten der Tochter rühren , die ihren Vater um alles gern glücklich sehen wollte ... Freilich hatte mich noch nie eine so unsägliche Scheu vor ihm erfaßt , als gerade in diesem Augenblick , wo ich , in mich hineinfröstelnd , als Bittende die kühle dunkle Hausflur wieder betrat , die ich kaum erst im offenkundigen und übermütigen Widerspruch verlassen ... Aber vorwärts ! Es mußte ja sein ! Ich hatte meinen Vater schon viel zu lieb , um ihm nicht jedes Opfer zu bringen , selbst das , vor der kalten Geschäftsmiene des Herrn Claudius geduldig auszuharren ... Ach was ! Hatte er mir doch auch die vierhundert Thaler für meine Tante gegeben - weshalb sollte er mir da die dreitausend verweigern ? Ich unterschrieb eben einfach wieder , und damit war die Sache abgemacht . Erdmann und das Stubenmädchen trugen eben eine Korbwanne voll Eßgeschirr die Treppe hinab , als ich hinaufstieg . Noch stand die Thür des Speisesalons weit offen . War Herr Claudius noch in Charlottens Zimmer , so konnte ich mich ihm vielleicht durch die offene Thür bemerklich machen , ohne daß die anderen es sahen , denn Zeugen mochte ich nicht haben bei meiner Bitte . Ich wollte eben das nächste Zimmer betreten , da schlugen zwei prachtvolle Menschenstimmen an mein Ohr - wie festgewurzelt blieb ich stehen , obgleich mir der Boden unter den Füßen brannte und die Angst um jede verlorene Minute mein Herz heftig klopfen machte . » O säh ' ich auf der Heide dort Im Sturme dich ! Mit meinem Mantel vor dem Sturm Beschützt ' ich dich « - sangen Charlotte und Helldorf . Ich sah schräg durch die Thüröffnung die zwei prächtigen Gestalten nebeneinander stehen , während Dagobert am Flügel saß und den Gesang begleitete . O , meine Heide im Sturm , im Frühlingssturm !