heute ihre Finger . Es beunruhigte sie übrigens einigermaßen , daß sich an diese Finger ein entblößter Arm schloß , und daß das Kleid auch die Schultern frei ließ . Bis dahin war sie stets bis an das Kinn verhüllt gegangen ; sie begriff nicht , weshalb die vornehme Welt es passender finde , bei festlichen Gelegenheiten dekolletiert zu gehen ... Daß ihre Schultern und Arme reizend geformt und von einem fast glänzenden Weiß waren , fiel ihr selbst nicht auf , so wenig , als sie bemerkte , wie ihr schöner Kopf voll schwerer , blonder Flechten im Vereine mit dem schlanken Halse und den Schultern eine unbeschreiblich graziöse Linie bildete . Die Mutter hatte heute das goldene Lockengekräusel selbst geordnet , das auf Elisabeths Stirn fiel und durch seinen lichten Glanz die feinen , aber festen Bogen der schwarzen Augenbrauen , als einen eigentümlichen Reiz , wunderbar hervortreten ließ ... Sie konnte Miß Mertens nicht widersprechen , die , nachdem Elisabeth den Weg ins Schloß angetreten hatte , begeistert meinte , der Anblick des jungen Mädchens habe etwas Ueberirdisches , denn sie selbst hatte heute überrascht die Bemerkung gemacht , daß ihr Kind in auffallender Schönheit erblüht sei . Als Elisabeth das Vestibül im Lindhofer Schlosse betrat , bemerkte sie den Doktor Fels , der , seine Frau am Arme führend , eben in einen Korridor einbiegen wollte . Sie eilte auf ihn zu und begrüßte ihn freudig , denn ihr Herz hatte auf dem ganzen Wege ängstlich geklopft bei dem Gedanken , daß sie allein in den weiten Saal werde eintreten müssen , wo voraussichtlich schon der größte Teil der Geladenen versammelt war . Der Doktor reichte ihr sogleich die Hand und stellte sie seiner Frau mit halblauter Stimme als das » Heldenmädchen von gestern « vor . Beide nahmen das junge Mädchen herzlich gern ins Schlepptau ... Die hohe Flügelthür des Saales rauschte auf . Elisabeth dankte in diesem Augenblicke ihrem guten Sterne , der sie hinter der imposanten Gestalt der Doktorin völlig verschwinden ließ , denn der Eindruck des großen , festlich geschmückten Raumes , über dessen spiegelglattes Parkett prachtvolle Damenroben rauschten , und die feinen Lackstiefel der vornehmen befrackten Herren hinglitten , hatte etwas Ueberwältigendes für sie ... Inmitten des Saales stand die Baronin Lessen , von einem prächtigen , dunkelblauen Moiré antique umbauscht , und machte die Honneurs . Sie erwiderte den Gruß des eintretenden Ehepaares sehr höflich , aber auch sehr kühl , und deutete auf des Doktors Frage nach Herrn von Walde auf einen Menschenknäuel , nahe am Fenster , von welchem ein Gesumm , unverständlich wie die babylonische Sprachverwirrung , herüberscholl . Während Fels mit seiner Frau dorthin schritt , folgte Elisabeth froh und dankbar einem Winke Helenes , die , in einem andern Fenster sitzend , ihr hastig und aufgeregt mitteilte , daß sie plötzlich vom sogenannten Lampenfieber überfallen worden sei ; sie habe entsetzliche Angst , vor all diesen Leuten zu spielen , und möchte am liebsten in ein Mäuseloch kriechen . Schließlich bat sie das junge Mädchen , statt der vierhändigen Piece , mit der das Konzert eröffnet werden sollte , eine Sonate von Beethoven zu spielen , ein Wunsch , auf den Elisabeth sofort einging . Ihre Befangenheit war verflogen . Sie trat an den Tisch , auf welchem die Musikalien lagen , und schlug die Sonate auf , die sie vortragen wollte . Währenddem fuhren draußen Wagen auf Wagen donnernd in die Einfahrt . Die Thüren öffneten sich unermüdlich und beförderten nach und nach einen solchen Ueberfluß von Tüll und Spitzen und Samt und Seide in den Saal , daß Elisabeth bedauerlich lächelnd auf ihr schön gebügeltes Mullkleid hinabsah , denn einmal zwischen jenes Krinolinengedränge geraten , mußte es auf der Stelle seine tadellose Glätte einbüßen . Aus der Begrüßung der Baronin konnte sie sehr leicht erkennen , auf welcher Rangstufe die Eingetretenen standen . Mittels einer einzigen Wendung des federgeschmückten Hauptes schwebte die Dame sofort über dem Fahrwasser freundschaftlichen Verkehrs , wenn bürgerliches Element in ihre Nähe kam , und dieses bürgerliche Element that auch alles , jenen hohen , unnahbaren Standpunkt streng zu respektieren und anzuerkennen . Zuerst strömten gewöhnlich alle Ankommenden auf den Wink der Baronin nach dem Fenster , wo Herr von Walde stehen sollte - von ihm selbst sah Elisabeth keine Spur , denn der Ring , den die Glückwünschenden bildeten , war stets undurchdringlich - dann verteilten sie sich in einzelne Gruppen , die entweder ruhig der Dinge harrten , die da kommen sollten , oder eine Unterhaltung auf eigene Faust anknüpften . In diesem Augenblicke rauschte abermals die Thür auf , und eine alte korpulente Dame hinkte am Arme eines ebenso bejahrten , vielfach dekorierten Herrn , und von Fräulein von Quittelsdorf begleitet , in den Saal . Die Baronin eilte den Eintretenden entgegen , auch Fräulein von Walde erhob sich mühsam und trat , von Hollfeld geführt , auf das alte Paar zu , während die um sie versammelten Damen ihr folgten , wie ein Kometenschweif . Der Menschenknäuel am Fenster löste sich ebenfalls wie durch einen Zauberschlag , und Herrn von Waldes hohe Gestalt wurde sichtbar . » Man muß zu Ihnen kommen , wenn man Sie sehen will , Sie Unartiger ! « rief die alte Dame , indem sie , mit dem Finger drohend , auf ihn zuwackelte . » Hat denn das schöne Spanien jede Erinnerung an Ihre alten Freunde verwischt ? ... Sie sehen , trotz meiner kranken Füße , und obgleich ich mich von Ihnen schmerzlich vernachlässigt fühle , komme ich heute doch , um unter denen nicht zu fehlen , die Ihnen ihre Glückwünsche aussprechen . « Er verbeugte sich und sagte ihr einige Worte , worauf sie ihm lachend einen leichten Schlag auf die Schulter versetzte ; dann führte er sie zu einem Fauteuil , auf welchem sie sich mit großer Grandezza niederließ . » Die Frau Baronin von Falkenberg , Oberhofmeisterin am Hofe zu L. , « antwortete