Primula hatte Oswald wegen seiner » schönen , ritterlichen , echt romantischen Erscheinung , « wie sie zu sagen beliebte , vom ersten Augenblicke in ihr poetisches Herz geschlossen , und all die Abmahnungen ihres vorsichtigen Gatten waren nicht im Stande gewesen , den Strom ihrer sympathetischen Empfindung dauernd zu hemmen . Sie hatte zwar auf dem Lande den Verhältnissen Rechnung tragen und schließlich die gefallene Größe auch ihrerseits fallen lassen müssen ; aber sie hatte sich vorgenommen , » sobald ihre gebundene Psyche jemals freier die Schwingen regen könnte , dem Zuge ihres Herzens frei zu folgen . « Dieser Augenblick war jetzt gekommen ; sie begrüßte Oswald , der ihr durch die » überaus romantische Katastrophe auf Schloß Grenwitz « noch viel interessanter geworden war , mit der doppelten Wärme der Freundschaft und der Bewunderung . Indessen ließ sich Oswald , der entschlossen war , die Damen sich womöglichst sämmtlich geneigt zu machen , nicht lange von der Dichterin aufhalten ; er sprach ernst mit den älteren ; er scherzte mit den jüngeren , und hatte nach Verlauf von zehn Minuten offenbar das gewünschte Ziel erreicht . Während dessen war er von den Herren , die sich um Professor Jäger versammelt hatten , eifrig beobachtet worden . Der Interpret der Fragmente des Chrysophilos haßte Oswald mit einem ganz gesunden langathmigen Haß . Oswald war dem eitlen Mann niemals mit der Aufmerksamkeit , die er beanspruchte , entgegengekommen , hatte ihn im Gegentheil , besonders in der letzten Zeit in Grenwitz , mit ganz unverhohlener Geringschätzung behandelt . Der Professor Jäger hatte die dem Pastor Jäger angethane Beleidigung nicht vergessen und wartete nur auf eine passende Gelegenheit , die so lange aufgesammelte Summe des Hasses abzutragen . Indessen war er viel zu klug und zu feige , offen mit der Sprache herauszugehen , als ihn jetzt die Herren vom Gymnasium über Oswald , den » er ganz genau zu kennen « behauptete , befragten . Er begnügte sich mit mysteriösen Andeutungen , wie : Ein junger Mann , über den sich viel sagen ließe ; - Sie werden ihn ja selbst kennen lernen , meine Herren ; - ich will wünschen , daß er sich mittlerweile die Hörner etwas abgelaufen hat ; hm , hm ! Er ist , wie Sie wissen , der Schüler Berger ' s. Nun , Berger war ein bedeutender Mann , ein glänzender Geist ; aber er sitzt jetzt in der Heilanstalt zu Fichtenau , und es zeigt sich wieder einmal , daß nicht alles Gold ist , was glänzt ; hm , hm ! - Wenn wir das gewußt hätten , Collega , sagte Director Clemens heimlich zu Professor Snellius . Professor Snellius zuckte die Achseln und erwiderte : Ich hoffe viel von dem Vortheil , den er aus unserm Umgang schöpfen wird . Der Verkehr mit wahrhaft gebildeten , gelehrten - Wahrhaft humanen - schaltete der Director ein . Wahrhaft humanen Menschen , fuhr der Professor fort , ist das beste Mittel der Erziehung zur wahren Bildung und Gelehrsamkeit - Und Humanität , ergänzte der Director . Was halten Sie von dem neuen Collegen , Wimmer ? fragte Doctor Breitfuß , der mit großem Mißfallen bemerkt hatte , wie lustig Fredegunde Clemens , die sich sonst durch einen gewissen , mürrischen Ernst auszeichnete , mit Oswald scherzte und lachte . Ich glaube , daß der Herr ein großer Geck ist , erwiderte Herr Wimmer , sich durch die Haare fahrend ; er hat eine Manier , sich über sitzende Damen zu beugen , die geradezu unerhört ist . Ich fürchte , ich werde niemals sehr intim mit ihm werden . Aber das wird zu arg ! rief Herr Breitfuß und schritt mit der Absicht , die Converstaion Fredegunden ' s und Oswald ' s zu stören , auf das Paar zu , verlor aber unterwegs den Muth und nahm , den verfehlten Angriff zu maskiren , dem ihm begegnenden Dienstmädchen eine Tasse vom Präsentirbrette , mit welcher Hand er - ein Bild hilfloser Verlegenheit - mitten im Zimmer stehen blieb . Aus dieser Situation befreite ihn die Frage der Directorin an die Gesellschaft , ob man jetzt mit der Lectüre des Wallenstein - dem eigentlichen Zweck des Zusammenseins - beginnen wolle ? Alles erhob sich ; die Herren griffen nach den Büchern , die sie bei ihrem Eintritt in die Fensterbretter und auf die Schränke gelegt hatten . Die Damen holten ihre Exemplare aus ihren Nähbeuteln ; Frau Professor Jäger brauchte nach dem von ihr mitgebrachten nicht lange zu suchen ; sie trug es seit ihrem Eintreten in der Hand . Eine sanfte Röthe fieberhaft gespannter Erwartung ergoß sich über ihre welken Züge ; ihre wasserblauen Augen schmachteten Oswald mit sanfter Begeisterung an , als er jetzt auf sie zutrat und ihr den Arm bot , um sie in ' s nächste Zimmer zu führen . Mit welcher Rolle werden denn Sie uns erfreuen , Frau Professor ? fragte Oswald ; doch was will ich denn ? es giebt im Wallenstein nur eine Rolle für Sie , wie es in dieser Gesellschaft nur Eine für diese Rolle giebt . Sie Spötter , sagte die Dichterin , ihn mit dem Buche sanft auf den Arm schlagend : was hätte denn ich vor Anderen voraus ? Aber , Frau Professor , es kann doch nur eine Meinung darüber sein , daß der poetische Charakter in dem Stück auch durch den poetischen Charakter in der Gesellschaft repäsentirt werden muß ; und wiederum doch auch nur darüber eine Ansicht , wer jener und dieser ist . Und wer - ich will einmal die kindliche Schüchternheit überwinden - wer wäre dieser und jener ! fragte Primula mit schmelzender Stimme , die verklärten Augen zu Oswald erhebend . Erlauben Sie mir für einen Moment das Exemplar , das Sie da in der Hand tragen . Danke ! Ich bemerke , es liegt ein Zeichen darin . Lassen Sie uns sehen , wo es liegt . Dritter Aufzug .