Narrheit des Beleidigers verweilte , unterbrach er die Rede . Man mußte es seiner Aufregung und dem Mismuth , zur Herstellung seiner mißhandelten Ehre - wie einmal die Logik des Duells mit sich bringt - nun noch sein Leben preiszugeben , zuschreiben , wenn seine Aeußerungen herauskamen wie ein Schauder vor den Fügungen des Geschicks . Dumpf sprach er in Stellen aus den Tragikern aus , daß das Schicksal seine Verhängnisse durch unsere eigene Thorheit und Leidenschaft vollziehen lasse . Ebenso wichtig , wie die Vorbereitung eines Duells , die Klingsohr als den Abschluß des die ganze Stadt erfüllenden Vorfalls ruhig geschehen ließ , war die Fürsorge , die man zu treffen hatte , um Lucinden vor dem Kammerherrn zu sichern . Sofort wurde eine Mittheilung nach der Sommerwohnung des Herrn Carstens gemacht mit der Warnung , Fräulein Schwarz nicht einem Ueberfall bloßzustellen , der bei dem Charakter einer solchen Leidenschaft , wie sie der Kammerherr zur Schau trug , leicht in einer gewaltsamen Entführung bestehen konnte . Die Damen des Hauses erschraken nicht wenig , theils über den Vorfall an sich , theils über die in Aussicht gestellten Folgen . Sie beklagten , eine Person aufgenommen zu haben , die nun in der ganzen Stadt ein solches Gerede veranlaßte . Hatte sich Lucinde bereits unter einem Dutzend Familien die verschiedenartigsten Beurtheilungen zugezogen , so gab sie denen , die ihrem Charakter mistrauten , sie der Koketterie und Intrigue beschuldigten , jetzt eine Thatsache an die Hand , die ihr Urtheil rechtfertigte . Sie war die Geliebte eines vornehmen Adeligen und diesem von Klingsohr entführt ... Schreckensworte für das Ohr der Damen Carstens , die von Lucindens spät dauernden Spaziergängen und Landpartieen und ihrem Abends spät bis zum Dunkelbraunwerden ziehenden Thee genug indignirt waren . Als Lucinde die Kunde von dem Vorfall am Alsterpavillon vernahm , überfiel auch sie ein Grauen bei dem Gedanken , dem Kammerherrn zu begegnen . Nimmermehr ! rief sie und sah um sich , wie einst ihre Tauben , wenn sie den Stoßvogel erblickten . In dem engen Raum dieses Hauses , selbst wenn man Herrn Carstens hätte veranlassen wollen unten zu schlafen , war kein Versteck zu finden . Auf dem Rödingsmarkt gab es nur herabgelassene Vorhänge , jetzt keine Betten , keine Bequemlichkeit , und doch erklärte sie , gern auf der Erde schlafen zu wollen , nur nicht sich der Gefahr auszusetzen , diesem Verfolger zu begegnen . Aber jedem der drei Geschwister fiel irgendeine Bagatelle ein , die in seinem Nichtbeisein in der Stadt beschädigt werden konnte . Sie erklärten , dann lieber auf einige Zeit alle mit in die Stadt zurückgehen zu wollen , wodurch natürlich der Versteck wieder aufgehoben wurde . Endlich bot sich ein anderes Auskunftsmittel . Die rasch geschlossenen und rasch wieder abgebrochenen Freundschaften mit der Nachbarschaft hatten bei zwei Interessen Stand gehalten , einem materiellen und einem geistigen . Ein Modehändler vom Neuenwall hatte in der jetzigen Saison morte keinen bessern Kunden als die junge Pensionärin des Kleesaatmaklers Carstens . Lucinde war reichlich vom Kronsyndikus und Klingsohr mit Geld ausgestattet . Zu ihren Liebhabereien gehörte es nicht nur , sich zu schmücken , sondern mehr noch , in der Stadt von Laden zu Laden zu gehen und Einkäufe zu machen . Sie hatte die Liebhaberei des Schenkens . Manche von denen , die nichts mehr von ihr annehmen wollten , behaupteten , sie wollte sich damit nur das Recht erkaufen , die Menschen dann auch verletzen und ärgern zu können . Die Damen Carstens nannten sie eine Verschwenderin und begriffen nicht , wie sie bei einer Beschwerde darüber von Klingsohrn die Antwort bekommen konnten : » Feen schenken gern ! « Er wußte , daß Lucinde darben , auf Stroh liegen konnte ebenso wie in goldenen Palästen wohnen . Sie hatte bis jetzt mit dem Leben nur gespielt ; fast schien sie zu wollen , daß auch das Leben nur mit ihr spiele . Etwas selbst und lange zu erwarten und zu erhoffen , wäre ihr das Drückendste gewesen . Hätte sie damals die Volksjustiz nicht von der Frau Hauptmännin von Buschbeck erlöst , sie würde vielleicht noch bei ihr gedient , noch die Zwetschenkerne sich zerschlagen und sie für eine Delicatesse verspeist haben , glücklich , daß es nicht die gefangenen Mäuse waren . Es gibt einen großen Bund in der Gesellschaft , der seine eigenen Mysterien hat . Es ist dies der Bund der Notenkundigen , der einer Verschwörung gegen die musikunkundige Welt nicht unähnlich sieht . Dieser Eifer , sich zu Duetten und Trios zu verbinden , bei welchem Madame Möller und Fräulein Wulff sangen , Lucinde spielte - der Gesang war ihr völlig versagt - , dann einmal Herr Möller mit der Violine , Herr Wulff mit der Flöte begleitete , dieser Fanatismus , bei keinem Streichquartett der Dilettantenwelt , bei keinem Concert durchreisender Berühmtheiten zu fehlen , dies ewige geheimnißvolle Verbundensein mit Felix Mendelssohn-Bartholdy auf dem Wege der Tonschlüssel in A-dur und C-Moll ... das ist ein ganz eigener Cultus , der , wie es die Dissonanz des Lebens und der Genuß an etwas mehr oder minder rein gestimmter Harmonie einmal mit sich bringt , bis zur souveränen Verachtung aller Uneingeweihten führt und aus Notenkundigen schon die größten Aristokraten und Tyrannen gemacht hat . Madame Möller hatte bei einer zufälligen Anwesenheit in Leipzig von einer Schülerin Mendelssohn ' s singen gelernt , was so viel war als von ihm selbst . In den Räumen der Sommerwohnung Möller und Wulff hatte man Musikaufführungen gehalten , deren Wichtigkeit zwar nicht ganz , aber doch annähernd den Sitzungen des deutschen Bundestags gleich erachtet wurde , auch Meta Carstens schloß sich an , einige junge Buchhalter oder Gelehrte spielten Bratsche , Cello oder entwickelten guttreffende Stimmen . In diesem Kreise war es , wo sich Lucinde am längsten hielt . Sie begleitete nur , spielte nur zweite Stimmen und lachte dabei innerlich sowol über die langen Hälse der Singenden wie über die allgemeine menschliche Eitelkeit