mich ermittelt würde . Das Heimatdorf lag in einem äußersten Winkel des Ländchens , ich war noch nie dort gewesen , so wie auch meine Mutter seit meinem Gedenken es nie mehr besucht hatte und die dortigen Verwandten , mit seltenen Ausnahmen , nie in der Stadt erschienen . Nur der Oheim Pfarrer kam jedes Jahr einmal auf seinem Klepper geritten , um an einer Kirchenversammlung teilzunehmen , und schied immer mit jovialen Einladungen , endlich einmal hinauszuwandern . Er erfreute sich eines halben Dutzends Söhne und Töchter , welche mir noch so unbekannt waren wie ihre Mutter , meine rüstige Muhme und geistliche Bäuerin . Außerdem lebten dort zahlreiche Verwandte des Vaters , vor allen auch seine leibliche Mutter , eine hochbejahrte Frau , welche , schon längst an einen zweiten , reichen und finstern Mann verheiratet , unter dessen harter Herrschaft in tiefer Zurückgezogenheit lebte und nur selten mit den Hinterlassenen ihres früh gestorbenen Sohnes einen sehnsüchtigen Gruß aus der Ferne wechselte . Das Volk lebte noch in der stillen Einschränkung und Entsagung vergangener Jahrhunderte , wo besonders die Frauen , wenn sie einmal durch einige Meilen getrennt waren , einander nicht wieder oder nur bei seltenen , hochwichtigen Ereignissen sahen , bei welchen es alsdann wahrhaft episch herging und Tränen der Rührung und schmerzlicher oder froher Erinnerung ihren Augen entflossen , während die Männer wohl sich vom Orte bewegten , aber in ernstem Geschäftssinne an den Türen halbverschollener Verwandter vorübergingen , wenn sie keinen Rat zu bringen oder zu holen hatten . Jetzt ist das Volk wieder lebendiger geworden ; durch die erleichterten Verkehrsmittel , durch das wiedererstandene öffentliche Leben und zahlreiche Volksfeste veranlaßt , bewegt es sich fröhlich von der Stelle und macht damit zugleich seinen Geist wieder jung und fruchtbar , und nur beschränkte Eiferer predigen noch gegen die festliche Wanderlust derer , die den Pflug führen , und ihrer Kinder . Meine Mutter befahl mir , insbesondere der einsamen überlebenden Großmutter so viele Zeit als möglich zu widmen und in Ehrerbietung und Liebe bei ihr auszuharren , solange es ihr gefiele , mich um sich zu haben und von meinem Vater , ihrem Sohne , zu reden . So machte ich mich eines Morgens vor Sonnenaufgang auf die Füße und trat den weitesten Weg an , den ich bis dahin unternommen hatte . Ich genoß zum ersten Male das Morgengrauen im Freien und sah die Sonne über nachtfeuchten Waldkämmen aufgehen . Ich wanderte den ganzen Tag , ohne müde zu werden , kam durch viele Dörfer und war wieder stundenlang allein in gedehnten Waldungen oder auf freien heißen Höhen , mich oft verirrend , aber die verlorne Zeit nicht bereuend , weil ich fortwährend in meinen Gedanken beschäftigt war und zum ersten Mal , durch mein stilles Wandern bewegt , von der ernsten Betrachtung des Schicksals und der Zukunft erfüllt wurde . Kornblumen und roter Mohn und in den Wäldern bunte Pilze begleiteten mich längs der ganzen Straße , wunderschöne Wolken bildeten sich unablässig und zogen am tiefen stillen Himmel dahin , ich ging immerzu , indessen mich das selbstgefällige Mitleid mit mir selbst , welches mir die Welt aufgedrängt hatte , wieder überkam , bis ich gegen alle Gewohnheit bitterlich weinte . Ich wußte mich vor Betrübnis nicht zu lassen und saß an einer schattigen Quelle nieder , immer schluchzend , bis ich mich schämte , mein Gesicht wusch und über mich selbst lächelnd den Rest des Weges zurücklegte . Endlich sah ich das Dorf zu meinen Füßen liegen in einem grünen Wiesentale , welches von den Krümmungen eines leuchtenden kleinen Flusses durchzogen und von belaubten Bergen umgeben war . Die Abendsonne lag warm auf dem Tale , die Kamine rauchten freundlich , einzelne Rufe klangen herüber . Bald befand ich mich bei den ersten Häusern , ich fragte nach dem Pfarrhause , und die Leute , welche an meinen Augen und meiner Nase erkannten , daß ich zu dem Geschlechte der Lee gehöre , fragten mich , ob ich vielleicht ein Sohn des verstorbenen Baumeisters sei ? So gelangte ich zu der Wohnung meines Oheims , welche von dem rauschenden Flüßchen bespült und mit großen Nußbäumen und einigen hohen Eschen umgeben war ; die Fenster blinkten zwischen dichtem Aprikosen- und Weinlaube hervor , und unter einem derselben stand mein dicker Oheim in grüner Jacke , ein silbernes Waldhörnchen , in welchem eine Zigarre rauchte , im Munde und eine Doppelflinte in der Hand . Ein Flug Tauben flatterte ängstlich über dem Hause und drängte sich um den Schlag , mein Oheim sah mich und rief sogleich : » Haha , sakerment , Herr Neveu ! das ist gut , daß du da bist , schnell heraufspaziert ! « Dann sah er plötzlich in die Höhe , schoß in die Luft , und ein schöner Raubvogel , welcher über den Tauben gekreist hatte , fiel tot zu meinen Füßen . Ich hob ihn auf und trug ihn , durch diesen tüchtigen Empfang angenehm begrüßt , meinem Oheim entgegen . In der Stube fand ich ihm allein neben einer langen Tafel , die für viele Personen gedeckt war . » Eben kommst du recht ! « rief er , » wir halten heute das Erntefest , gleich wird das Volk dasein ! « Dann schrie er nach seiner Frau , sie erschien mit zwei mächtigen Weingefäßen , stellte sie ab und rief : » Ei , ei , was ist das für ein Bleichschnabel , für ein Milchgesicht ? Warte , du sollst nicht mehr fort , bis du so rote Backen hast wie dein seliger Vater ! Wie geht ' s der Mutter , was ist das , warum kommt sie nicht mit ? « Sogleich richtete sie mir an der Tafel ein vorläufiges Mahl zu und trug mich , als ich zögerte , ohne weiteres wie ein Kind auf den Stuhl und befahl mir , stracks zu essen und zu trinken . Indessen näherte sich Geräusch dem Hause , der hohe Garbenwagen