jetzt verblaßt an dem Sonnenzeiger der Zeit vorübereilen . - Morgen in der Frühe kehren wir zurück nach Köln . Alle Personen , die Gleichmuth ' s Manuscript erwähnt , sind nun vereinigt in einem stillen Kreise . Was die Confrontation Aller auf Alle und jeden Einzelnen in ' s besondere für eine Wirkung hervorbringen wird , sollst Du später erfahren . Ich fürchte , es werden einige Herzen dabei ihr letztes Blut hinströmen müssen . Einen Tag später . So eben hat mich Richard über den Zusammenhang des jüngst Erlebten belehrt , und ich bin nun wenigstens im Stande durch Vergleichung und Combination das noch Fehlende zu ergänzen . - In seinem früheren Leben ward Bardeloh durch ein unruhiges Umherschweifen in der Welt angezogen , und er überließ sich diesem Hange rücksichtslos . Die Mittel , jede , auch die ausschweifendste Reiselust , zu befriedigen , fehlten ihm nicht , und fand er auch nicht hinreichende Befriedigung in dem ununterbrochenen Wechsel , so gewährte die damit verknüpfte Zerstreuung doch eine Art Befriedigung . Auf diesen Reisen begegnete er auch Casimir , dessen groteske Erscheinung ihn fesselte . In ihm fand er , was er lange vergeblich gesucht hatte , einen Menschen , der alle Kräfte besaß , um Ungeheures zu leisten , durch die Unnatur der Verhältnisse aber an deren Entfaltung verhindert , jedes Vermögen dadurch vernichtete , daß er es im Ueberbieten zu einer colossalen Fratzenhaftigkeit verzerrte . Casimir gab Bardeloh den ersten Anstoß zu seinen nachmaligen Studien , aus denen er sich nur Groll und einen langsamen , aber sicher um sich greifenden geistigen Tod sog. Der Ideenreichthum in Casimir überwog Richard ' s eigenen , tiefen Schatz von Gedanken . Casimir schleuderte in brockenweis verstreuter Rede Gedanken um sich , die einem Gott entsprungen schienen , aber , weil sie des Lichtes entbehrten , in zackiges Krystall verwandelt , wol blenden , nur nicht beglücken konnten . Mehrere Tage verlebte Bardeloh in traulichem Umgange mit Casimir , der eben damals , nach Richard ' s Bericht , im Begriffe stand , einen Ausflug in die neue Welt zu machen . In jener Zeit hatte die Vereinsamung des Denkens , wie es sich in Casimir gestaltete , noch nicht so sehr um sich gegriffen , daß seine Erscheinung dem gewöhnlichen Menschenschlage allzu auffallend gewesen wäre . Noch wußte er sich im Fall der Noth zu zähmen , wiewol mit großer Anstrengung . Ihn konnte das allgemeine Leid stundenlang bewegen und durch Theilnahme daran von seiner colossalen Art , zu denken und zu sprechen , abhalten . Casimir war noch nicht untergegangen im Stolz auf sich selbst , wozu ihn später die Flachheit der Masse getrieben haben mag . Schon damals hatte Casimir meinem Gastfreunde viel erzählt von Mardochai , den er ihm jedoch mehr als eine jüdische Curiosität schilderte . Denn es lag nicht in Casimir ' s Denkungsweise , den Menschen so tief in die Seele zu blicken , daß er ihr Thun und Wollen genau hätte erkennen sollen . Richard ward durch diese Schilderung gefesselt . Er erinnerte sich eines fernen Verwandten dieses Namens und beschloß mit Mardochai in eine engere Verbindung zu treten , um , wo möglich , durch ihn für die Emancipation der Juden gemeinsame Schritte zu thun . Einen Antrag , den er dem Dichter machte , ihn zu begleiten , schlug dieser aus , und so schieden Beide von einander mit dem Versprechen , daß derjenige , welcher zuerst die Unterstützung des andern bedürfen möchte , diese Kunde davon ungesäumt entweder brieflich , oder auf dem Wege der Oeffentlichkeit an ihn gelangen lassen solle . Die natürliche Art , sich der Gewöhnlichkeit gegenüber zu benehmen , die Ausdrucksweise und ein geflissentliches Vernachlässigen aller hergebrachten Gewohnheiten verdächtigten Casimir in den Augen Aller . Sein Reiseplan zerschlug sich ; er trieb sich in Deutschland umher , von dem Wenigen , was er besaß , lebend , und als auch dies endlich aufgezehrt war , liebte er es , sich im Cynismus auszuzeichnen . Der Anstoß , den er dadurch der feinen Sitte gab , und die Art und Weise , seine unbegriffenen Gedanken an den Mann zu bringen , brachte die Mehrzahl zu der Ueberzeugung , die gesunde Vernunft sei dem wunderlichen Manne abhanden gekommen . Der Staat fand sich veranlaßt , mildthätig aufzutreten , und ließ dem unverstandenen Casimir eine Wohnung im Irrenhause anweisen . Ein Jahr und drüber ergötzte sich der Dichter an den Narren , die ihn umgaben . Er machte Studien an ihren Physiognomien , notirte ihre Reden und Einfälle und schuf aus diesen und seinen eigenen ungeheuerlichgenialen Gedanken seine sogenannten » Eingeweide . « Erst , als ihm der Spectakel zu toll ward und er sich alles Ernstes unter allen Narren als den Gewichtigsten behandelt und bewacht sah , trieb ihn der Stolz auf seine geistige Größe zu dem Briefe an Bardeloh , dessen fester Aufenthaltsort ihm bekannt war . - So brachten Zufall und eigenthümliche Schicksalsfügung eine Figur in unsern an sich schon merkwürdigen Zirkel , die gewiß auf die fernere Gestaltung dieser verworrenen Verhältnisse nicht ohne bedeutenden Einfluß bleiben wird . Ein Glück war es , daß Bardeloh zuvor Gleichmuth ' s Manuscript lesen konnte . Durch dieses stieg seine Theilnahme an Casimir , und ich irre mich wol nicht , wenn ich behaupte , daß Richard durch den Dichter manches zum Ziele zu drängen versuchen wird , was ohne diese Mittelsperson vielleicht sehr schwer zu erlangen sein möchte . Freilich wird dieser Mensch an eigenen Fäden geleitet werden müssen ! Aber Bardeloh versteht das Versteckspielen und übersieht in seiner Ruhe auch Geister , die an Schöpferkraft ihm weit überlegen sind . Begierig fast geb ' ich mich der Zukunft willenlos hin . Ich muß einmal versuchen , wohin das Folgen führt , wenn es kein knechtisches ist . Wie seltsam Casimir schon in der frühesten Zeit den Personen nahe trat und welch furchtbare , abenteuerliche Rolle er in ihren Lebensschicksalen spielte , dies lehrt