, wie wenig Einheit gewinnen konnte der Mensch . In seinem Herzen walteten nichts als feindlich getrennte Mächte , und sein Haupt umschwärmten wie unglückbedeutende Vögel seine zwieträchtigen Wünsche . Was er heute geliebt , mußte er morgen hassen , und der eine Theil seines Daseins wußte von dem anderen Theil nichts , oder stand kriegführend gegen ihn auf . Es lagen zwei Welten in ihm auseinander in schreiender Spaltung , von denen die eine Abscheu trug vor der andern , und Gott und Welt , Himmel und Erde , Geist und Fleisch , blickten sich aus unabsehbaren Fernen ohne Liebe und ohne Versöhnung an . Wer der Freiheit nachstrebte , fiel der Knechtschaft des Fleisches in die Arme , und wer in der Knechtschaft schmachtete , weinte laute Thränen um Freiheit des Geistes . Ein ohnmächtiger Groll seufzte durch die ganze Existenz , und die düstre Melancholie des im Fleisch versunkenen Aegyptens und die in Verzweiflung endigende Heiterkeit des an der Kunstverschönung des Fleisches bildenden Griechenlands mischten als die beiden Hauptelemente die Weltgeschichte . Und es war , als hätte Gott im Himmel nicht länger Ruhe , so sehr erbarmte ihn der Welt , die aus eigener Vernunft ihn nicht finden konnte . Er kam in die Welt , und die Welt hat ihn nicht begriffen . Er trat in das Fleisch , und mußte sterben . Er wurde Mensch , und ward mit Ruthen gegeißelt bis aufs Blut . Mit einem Todeskuß hatten Gott und Welt sich umschlungen , und die Erde dröhnte und zitterte , und es war ihr , als müßte sie vergehen in die Ewigkeit hinein an dieser Umarmung . Aber sie verging nicht , und in den Wehen durchdrang sie der Geist der Liebe , und sie sog den neuen Lebenskeim begierig und tief ein in ihren Schooß . Doch man sah sie daran nicht glücklich und heiter werden , und des Christenthums erste Jahrhunderte waren finster . Gott und Welt hatten sich in Christus umarmt , und nun hoffte ich in meinen Gedanken , die alte Zerrissenheit müßte verschmerzt , sie müßte Einheit geworden sein . Da schaue ich umher und schaue zurück , und finde Welt und Gott nur feindlicher getrennt sich gegenüber , als früher , wo die griechische Kunstansicht sie wenigstens zu einer äußeren Lebensplastik verschmolzen , und den Fluch des Fleisches durch seelige Formen beschwichtigt hatte . Ich erschrecke bis in die innerste Stelle meines Herzens , und weiß Das nicht zu deuten und Jenes nicht anzunehmen , was jetzt mir emporsteigt in unruhigen Gedanken . Ich weiß mich nicht darein zu finden , daß die Welt nicht glücklich sein soll und ohne Einheit ! Zu einer kräftig und sicher über die Erde schreitenden Einheit dehnt sich mein ganzer Organismus mit geschwungenen Nerven und zugleich mit stolzer Ruhe des Bewußtseins aus . Gott und Welt haben beide in mir eine große Lust der Befriedigung , und ich fühle mich stark genug , beiden ihre Lust in mir zu lassen . Nicht schwinde unter mir , Welt ! Nicht stürze über mir zusammen , Himmel ! Nicht zerfließe in das Unendliche , du mein junger Geist ! nicht verliere und entleere dich im Endlichen , du genußlustige Form ! Und Ihr ruft mir entgegen : ich sei kein Christ ! Und ich sinne nach , um Euch und mir es unwiderleglich zu sagen , daß ich ein Christ bin , wenn Gott und Welt sich in meiner Menschenbrust zusammenfinden ! Aber nein ! nein ! ich will jetzt von diesen Gedanken abspringen , und tiefverschleiert liegen lassen , was Jedem in der Heimlichkeit des Herzens unbewußt aufschießen muß ! Und jetzt eilte ich in ein anderes Zimmer der Gallerie , ich verließ den Christus vor Pilatus . Nach Bildern derber Sinnlichkeit suchte ich , um mich nicht an mich selbst und an mein Denken zu verlieren . Ich wollte mich zerstreuen , denn mein Geist fühlte sich von trüben Lebenserinnerungen umschattet . Und wie oft gab ich mich nicht an die bloße glänzende und glühende Form der Erscheinung hin , wenn mir Angst wurde in meinen Gedanken ! Eine nackte Diana von Floris , ebenfalls einem niederländischen Maler , die im nächsten Zimmer hing , und zu der ich hinstürzte , that mir noch kein Genüge . Wie gemein waren diese Formen des Fleisches , wie wenig Reiz fand ich an dieser phantasielosen Zeichnung menschlicher Körperschönheit , an diesen zu hartgeformten Schenkeln , an diesem blüthenleeren Busen . Ich wandte mich mit Ekel davon ab . Ich ging zu den Italienern , zu der sitzenden Venus von Titian . Schöner , lieblicher , zarter , weicher , geistig gehobener , poetisch duftiger , sah ich das Fleisch noch nie gemalt . Wie ein Gedicht lag der menschliche Körper vor meinen Augen da , ich seufzte , und andächtig und still wurden alle meine Gefühle . Ich habe große Ehrfurcht vor dem menschlichen Körper , denn die Seele ist darin ! Und ich trachte nach der Einheit von Leib und Geist , darum bete ich auch an die Schönheit , und ein heiliger Anblick ist sie mir . Siehe , ich suchte nach Bildern derber Sinnlichkeit , und vor Titian ' s Venus wurde mir wieder heilig zu Muthe , und ein harmonischer Klang zog sich versöhnend durch meine ganze Stimmung . Nicht mit frivolen Augen schaue auf des Weibes ächte Schönheit hin , sondern den guten und heilerweckenden Gedanken hänge nach , zu denen der Gottesfrieden dieser Formen dich erhebt ! Himmel , in welche Zauberwelt von süßer Gestaltung ist mein froherschrockener Blick gedrungen , und was das Leben der Erscheinung heißt , studire ich in trunkener Vertiefung . Titian , erhabener Meister , großer Poet der Menschenform , lieblicher Schwan , der die geheimnißreiche Musik des Körpers austönt , Dir danke ich ! Und wie danke ich Dir ! Diese Venus predigt Weisheit zu mir her , wie eine gottgewaltige Philosophie , die mich mir selbst lehrt ! Venus