vorbrachte , war nicht viel mehr , als was die andern bereits von ihr wußten , und der Pfarrer fand nicht für gut , sie über das Geheimnis ihrer Geburt und somit über die nahe Beziehung aufzuklären , worin sie dadurch zu seinem Hause stand . Den auffallenden Umstand aber , daß die Flüchtige just in diese Gegend geriet , machten einige Äußerungen des Mädchens klar , aus welchen hervorging , daß ein unzufriedenes Mitglied jener Bande sich an dem Anführer durch die Entfernung Elisabeths rächen wollte , wozu ihm die letztere selbst durch die häufige Bitte Gelegenheit gegeben haben mußte , er möchte sie doch einmal in ihre Heimat zu Besuche führen , und allerdings war der Mensch , wie sich später ergab , von der eigentlichen Herkunft des Mädchens , sowie von dem Dasein einiger Verwandten ihres Vaters vollkommen unterrichtet ; er beabsichtigte , sie nach Wolfsbühl zu bringen , wo er sich nicht geringen Dank versprach , aber wenige Stunden von dem Orte traf er auf die Spur von Zigeunern , welche ohne Zweifel ihm nachzusetzen kamen . Er ließ das Mädchen im Stiche und setzte seine Flucht alleine fort . Jungfer Ernestine mahnte bereits zum dritten Male an das ohnehin verspätete Nachtessen ; man schickte sich also an , und wohl selten mag eine Mahlzeit einen sonderbarern Anblick dargeboten haben . Sie ging ziemlich einsilbig vonstatten . Der fremde Gast war natürlich unausgesetzt von neugierigen zweifelhaften Blicken verfolgt , die nur , wenn zuweilen ein Strahl aus jenen dunkeln Wimpern auf sie traf , pfeilschnell und schüchtern auf den Teller zurückfuhren . Elisabeth ersah sich nach Tische den schicklichsten Zeitpunkt , um aus der Tür und sofort geschwinde aus dem Haus zu entschlüpfen , ohne auch nachher , als man sie vermißte , wiederaufgefunden werden zu können . Der Vater schien dadurch eher erleichtert als bekümmert . Sie hatte jedoch , wie man jetzt erst bemerkte , ihr Bündel zurückgelassen ; sie mußte also wahrscheinlich wiedererscheinen , und Theobald tröstete sich mit dieser Hoffnung . Eine mächtige und tiefgegründete Leidenschaft , soviel sehen wir wohl schon jetzt , hat sich dieses reizbaren Gemütes bemeistert , eine Leidenschaft , deren Ursprung vielleicht ohne Beispiel ist und deren Gefahr dadurch um nichts geringer wird , daß eine reine Glut in ihr zu liegen scheint . Der junge Mensch befand sich , seit das rätselhafte Wesen verschwunden war , in dem Zustand eines stillen dumpfen Schmerzens , wobei er , sooft Adelheid ihn mitleidig ansah , Mühe hatte , die Tränen zurückzuhalten . Sie nötigte ihn auf seine Schlafkammer , wo sie ihm bald gute Nacht sagte . Der Pfarrer war durch das unerwartete Ereignis des heutigen Abends in seinem gewohnten Gleichmute dergestalt gestört , daß er jetzt noch an keine Ruhe denken konnte . Die Erinnerung an eine bedeutende Vergangenheit , an das unglückliche Schicksal eines leiblichen Bruders wurde nach langer Zeit wieder zum ersten Male heftig in ihm aufgeregt , er fühlte ein Bedürfnis , sich seiner ältesten Tochter mitzuteilen , und Ernestine , von jeher nur wenig unterrichtet über jenes merkwürdige Familienverhältnis , sah jetzt mit neugieriger Miene den Vater ein bestäubtes Manuskript hervorholen , worin die Geschichte ihres Oheims größtenteils von dessen eigener Hand verzeichnet stand . Alle übrigen im Hause hatten sich zu Bette begeben , nur Adelheid saß nachdenklich in einem Winkel des Zimmers und hörte bescheiden zu , indes der Vater aus dem Gedächtnis erzählte , nachdem er die vor ihm liegende Handschrift mit Wehmut , ja mit Grauen , bald wieder auf die Seite geschoben hatte . » Mein jüngerer Bruder Friedrich « , fing er an , » dein seliger Oheim , war ein Genie , wie man zu sagen pflegt , und leider bei aller Herzensgüte ein überspannter Kopf , welcher schon in der frühesten Jugend nichts wollte und nichts vornahm , was in der Ordnung gewesen wäre . Er bewies ein außerordentliches Geschick zur Malerkunst und mit der Zeit unterstützte ihn der Fürst auf das großmütigste . Er ließ ihn auf sechs Jahre nach Italien reisen , gab ihm auch nach seiner Zurückkunft ungemeine Zeichen seiner Gnade . Anfänglich nahm er seinen Aufenthalt in der Hauptstadt , später kaufte er sich das etwa fünf Stunden von Rißthal und drei von hier entfernte Gütchen F. wo er , noch immer unverheiratet , bloß für sein Geschäft lebte . In dieser Zeit habe ich ihn gar oft gesehen . Es war ein großer schöner Mann und gar munter , wenn es an ihn kam . Er hätte glücklich sein können , aber eine Reise hat ihn in sein Verderben geführt . Er entschloß sich nämlich im Frühjahr 17 * * auf den Rat der Ärzte , seiner Erholung wegen , einen Freund in Böhmen zu besuchen , mit dem er zu gleicher Zeit in Rom gewesen war . Ach , er ahnete nicht , welchem Verhängnis er entgegenging ! « So sprach der Pfarrer und nun folgte die Erzählung einer Geschichte , welche der Leser besser aus dem Tagebuche des Malers selbst erfährt . In der Gegend von H * * den 22. Mai Schon seit Wochen fühle ich meine Gesundheit kräftiger als jemals ; aber seit wenigen Tagen streckt auch der Geist seine erschlafft gewesenen Organe so begierig und arbeitsdurstig wieder aus , daß ich ordentlich über mich selbst erstaune . Ich spüre , es will sich ein neues Leben hervordrängen , es will ein Wunder in mir werden . Ich wüßte niemanden , dem ich die Ursache dieser mächtigen Revolution , die Geschichte der letzten vier Tage , so vertraulich mitteilen könnte , als diesen verschwiegenen Blättern . Aber fürwahr , ich tue es beinahe bloß in der grillenhaften Besorgnis , daß mein gegenwärtiges Glück , ja daß mir selbst die Erinnerung an diese außerordentliche Zeit entrissen werden könne . Am 17. Mai trat ich von G. aus eine kleine Exkursion an und zwar allein , weil mein Freund verhindert war . Ich fand etwas Reizendes in dem