ihm in das Schloß zu kommen , und da behielt er ihn , weil er zur Arbeit nicht mehr zu brauchen war . Nicht daß er widerspänstig wäre , außer wenn es ihn gerade befällt . - Da ist ein Thälchen , wo wir als Kinder Blumenkränze zu binden pflegten ; in dem darf kein Kind keine Blumen mehr brechen , und seit der Wetterstrahl dort die große Eiche zersplitterte , sitzt er manchmal an Sommertagen darunter und nennt sie den armen Robert . « Cecilens Erzählung hatte mich so lange aufgehalten , daß ich von meiner Wanderung etwas später , wie Mistriß Boswell von ihrer Ausfahrt zurückkam , weshalb diese mich mit einer Menge verfänglicher Fragen wegen meines langen Außenbleibens heimsuchte . Ich machte sie sehr unbefangen damit bekannt , fand aber bei ihr keinen rechten Glauben , wie denn Personen , die selbst immer mit kleinen Mitteln zu ihren kleinen Zwecken umgehen , nicht begreifen können , daß Andre weder Vertraute noch Geheimniß bedürfen . Wie ich an ihrem bedeutenden Lächeln wahrnahm , daß sie meinen einfachen Worten nicht traute , brach ich mit Unmuth ab und erregte schon damit einigermaßen ihre üble Laune - doch hätten sich diese Wolken vielleicht noch verzogen , aber eine ernstere Veranlassung zum Unwillen führte Jessy durch eine kindische Spielerei herbei . Indem sie in Gegenwart ihrer beiden Eltern mich liebkoste und mit mir spielte , fiel es ihr ein , meinen breiten Haarkamm herauszuziehen , wodurch mein damals recht schönes Haar in reichen Locken und Flechten herabrollte . Vielleicht nur , um die Unart des kleinen Mädchens zu entschuldigen , drückte Herr Boswell durch einen lauten Ausruf seine Bewunderung über diese Lockenfülle aus und beging damit wirklich eine Unfeinheit , da seine Frau gerade in diesem Stück von der Natur besonders vernachlässigt war . Mistriß Boswell erbleichte vor Zorn und rächte sich durch die Bemerkung , daß es mir auch Mühe genug kosten möchte , sie so schön zu erhalten . Leider gelang es ihr einigermaßen ; denn dieser Vorwurf , an meinem Haar zu künsteln , brachte mich so weit auf , daß ich lachend versicherte : das sey etwa das einzig Hübsche an meinem Haar , daß es mir gar keine Arbeit koste . Wie ich das Wort ausgesprochen , fiel mir erst ein , daß sie jeden Abend ihrer armen Kammerfrau über das Haarwickeln eine böse Stunde machte , und ich wunderte mich nicht , wie sie , in drohendem Stillschweigen eine ganze Stunde vor sich hinblickend , ihr Taschentuch zusammendrehte . Zu meiner Befremdung ging aber dieser Anfall vorüber , und sie war den Abend über gesprächig und freundlich . Am folgenden Morgen , wie ich nach den Lectionen Jessy um mich her spielen ließ , bemächtigte sich die Kleine einer Scheere und fuhr damit , indem sie meine in ' s Gesicht hängenden Locken abschneiden zu wollen schien , so nahe an meinen Augen hin , daß ich sie in meinem gewöhnlichen herzlichen Ton bat , dieses gefährliche Spiel zu unterlassen . Sie sah mich eine Weile mit sonderbarem Ausdruck an , legte dann ihre Arme um meinen Nacken und fragte leise : » würde es Ihnen denn wirklich leid thun , wenn ich Ihnen die niedlichen Löckchen abschnitte ? « - » Das denke ich ! « sagte ich lächelnd und setzte in halber Selbstbetrachtung hinzu , » vielleicht mehr , wie die Sache verdient . « - » Nun so will ich ' s auch nicht thun , und würde mir ' s zehnmal geheißen . « - » Jessy , um Gottes willen , wer könnte Ihnen das heißen ? « rief ich , überrascht von der Möglichkeit , die ich im Hintergrunde erblickte . - » Das sage ich nicht , wenn Sie mir nicht versprechen ... « » Nein , liebe Jessy « , unterbrach ich sie , » sagen Sie ' s mir nicht , wenn Sie Ihr Wort gaben , zu schweigen , allein versprechen Sie mir , nie wieder so hinterlistig Schaden zu thun . « Ich war von der Gottlosigkeit dieser Behandlung von einer Mutter gegen ihr eignes Kind so erschüttert , daß ich mit Thränen und inniger Herzlichkeit , ohne mich bei diesem Anlaß aufzuhalten , die Kleine über die Strafbarkeit der Schadenfreude unterrichtete . Da mein Zögling mich noch niemals in diesem Grade bewegt gesehen hatte , wirkte Mistriß Boswells Anschlag ihrer Absicht ganz entgegen . Statt das Kind von mir abzuwenden , faßte ein lebhaftes Gefühl von Reue in ihr Platz , und es liebte mich von der Stunde an mit doppelter Herzlichkeit . Ohne den moralischen Abscheu , der mich antrieb , zuerst die Gefahr des Unrechts von meinem Zögling zu entfernen , hätte mich vielleicht meine Heftigkeit hingerissen , so daß ich unverzüglich zu Mistriß Boswell geeilt wäre , ihr das gefährliche Beispiel , das sie ihrem Kinde gäbe , vorzuwerfen und meinen Abschied zu fordern ; allein die guten Lehren , die ich Jessy gab , verhalfen mir zu der gehörigen Ruhe , um meinen nächsten Schritt zu bedenken . Ich sah wohl ein , daß mich nicht die Hoffnung , diese Frau zu bessern , ihr Vorwürfe zu machen , antreiben könnte ; einzig das Gefühl von Rechtlichkeit in meinen Obliegenheiten gegen ihr Kind verband mich , ihr zu sagen : » Euer Thun führt euer Kind zum Bösen . « Andrerseits war ich mir mit Betrübniß bewußt , daß ich nicht in der Lage sey , ohne die äußerste Nothwendigkeit meine Verhältnisse aufzugeben . Ich hatte keine andre Zuflucht , als dieses unfreundliche Haus . Mistriß Boswell sah keine Gesellschaft , ich hatte keine Bekanntschaft gemacht , jenseits ihrer Hausthür war ich heute so verlassen , wie am Tage meiner Ankunft im Lande . Diese Betrachtungen gaben mir die Fassung , meine Vorstellungen an Mistriß Boswell sehr höflich , wenn gleich sehr ernst einzukleiden . Ihre Wirkung war , wie ich sie vermuthet hatte . Die moralische Seite der