mich über die kleinsten Umstände dieser Begebenheit auszufragen , und indem ich alles befriedigend beantwortete , ründete sich das Bild davon so in meinem Innern , daß ich selbst daran glaubte und keine Gefahr lief , mich in Widersprüche zu verwickeln . Mit Recht konnte ich es übrigens wohl für einen glücklichen Gedanken halten , wenn ich , den Besitz jener an den Grafen Viktorin gerichteten Briefe , die in der Tat sich noch im Portefeuille befanden , rechtfertigend , zugleich eine fingierte Person einzuflechten suchte , die künftig , je nachdem die Umstände darauf hindeuteten , den entflohenen Medardus oder den Grafen Viktorin vorstellen konnte . Dabei fiel mir ein , daß vielleicht unter Euphemiens Papieren sich Briefe vorfanden , die über Viktorins Plan , als Mönch im Schlosse zu erscheinen , Aufschluß gaben , und daß dies aufs neue den eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und verwirren könne . Meine Phantasie arbeitete fort , indem der Richter mich frug , und es entwickelten sich mir immer neue Mittel , mich vor jeder Entdeckung zu sichern , so daß ich auf das Ärgste gefaßt zu sein glaubte . - Ich erwartete nun , da über mein Leben im allgemeinen alles genug erörtert schien , daß der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen näher kommen würde , es war aber dem nicht so ; vielmehr frug er , warum ich habe aus dem Gefängnis entfliehen wollen . - Ich versicherte , daß mir dies nicht in den Sinn gekommen sei . Das Zeugnis des Gefangenwärters , der mich an das Fenster hinaufkletternd angetroffen , schien aber wider mich zu sprechen . Der Richter drohte mir , daß ich nach einem zweiten Versuch angeschlossen werden solle . Ich wurde in den Kerker zurückgeführt . - Man hatte mir das Bette genommen und ein Strohlager auf dem Boden bereitet , der Tisch war festgeschraubt , statt des Stuhles fand ich eine sehr niedrige Bank . Es vergingen drei Tage , ohne daß man weiter nach mir frug , ich sah nur das mürrische Gesicht eines alten Knechts , der mir das Essen brachte und abends die Lampe ansteckte . Da ließ die gespannte Stimmung nach , in der es mir war , als stehe ich im lustigen Kampf auf Leben und Tod , den ich wie ein wackrer Streiter ausfechten werde . Ich fiel in ein trübes düstres Hinbrüten , alles schien mir gleichgültig , selbst Aureliens Bild war verschwunden . Doch bald rüttelte sich der Geist wieder auf , aber nur um stärker von dem unheimlichen , krankhaften Gefühl befangen zu werden , das die Einsamkeit , die dumpfe Kerkerluft erzeugt hatte und dem ich nicht zu widerstehen vermochte . Ich konnte nicht mehr schlafen . In den wunderlichen Reflexen , die der düstre flackernde Schein der Lampe an Wände und Decke warf , grinsten mich allerlei verzerrte Gesichter an ; ich löschte die Lampe aus , ich barg mich in die Strohkissen , aber gräßlicher tönte dann das dumpfe Stöhnen , das Kettengerassel der Gefangenen durch die grauenvolle Stille der Nacht . Oft war es mir , als höre ich Euphemiens - Viktorins Todesröcheln . » Bin ich denn schuld an euerm Verderben ? Wart ihr es nicht selbst , Verruchte , die ihr euch hingabt meinem rächenden Arm ? « - So schrie ich laut auf , aber dann ging ein langer , tief ausatmender Todesseufzer durch die Gewölbe , und in wilder Verzweiflung heulte ich : » Du bist es , Hermogen ! ... Nah ist die Rache ! ... Keine Rettung mehr ! « - In der neunten Nacht mochte es sein , als ich , halb ohnmächtig von Grauen und Entsetzen , auf dem kalten Boden des Gefängnisses ausgestreckt lag . Da vernahm ich deutlich unter mir ein leises , abgemessenes Klopfen . Ich horchte auf , das Klopfen dauerte fort , und dazwischen lachte es seltsamlich aus dem Boden hervor ! - Ich sprang auf und warf mich auf das Strohlager , aber immerfort klopfte es und lachte und stöhnte dazwischen . - Endlich rief es leise , leise , aber wie mit häßlicher , heiserer , stammelnder Stimme hintereinander fort : » Me-dar-dus ! Me-dar-dus ! « - Ein Eisstrom goß sich mir durch die Glieder ! Ich ermannte mich und rief » Wer da ! Wer ist da ? « - Lauter lachte es nun und stöhnte und ächzte und klopfte und stammelte heiser : » Me-dar-dus ... Me-dar-dus ! « - Ich raffte mich auf vom Lager . » Wer du auch bist , der du hier tollen Spuk treibst , stell ' dich her sichtbarlich vor meine Augen , daß ich dich schauen mag , oder höre auf mit deinem wüsten Lachen und Klopfen ! « - So rief ich in die dicke Finsternis hinein , aber recht unter meinen Füßen klopfte es stärker und stammelte : » Hihihi ... hihihi ... Brü-der-lein ... Brü-der-lein ... Me-dar-dus ... ich bin da ... bin da ... ma-mach auf ... auf ... wir wollen in den Wa-Wald gehn ... Wald gehn ! « - Jetzt tönte die Stimme dunkel in meinem Innern wie bekannt ; ich hatte sie schon sonst gehört , doch nicht , wie mich es dünkte , so abgebrochen und so stammelnd . Ja , mit Entsetzen glaubte ich meinen eignen Sprachton zu vernehmen . Unwillkürlich , als wollte ich versuchen , ob es dem so sei , stammelte ich nach : » Me-dar-dus ... Me-dar-dus ! « Da lachte es wieder , aber höhnisch und grimmig und rief : » Brü-der-lein ... Brü-der-lein , hast ... du , du mi-mich erkannt ... erkannt ? ... ma-mach auf wir wo-wollen in den Wa-Wald ... in den Wald ! « - » Armer Wahnsinniger , « so sprach es dumpf und schauerlich aus mir heraus , » armer Wahnsinniger , nicht aufmachen kann ich dir , nicht heraus mit dir in den schönen Wald , in die herrliche freie Frühlingsluft , die