dem vergangenen so , und nirgends auffallender als im Garten , wie Vergängliches und Dauerndes ineinandergreift . Und doch ist nichts so flüchtig , das nicht eine Spur , das nicht seinesgleichen zurücklasse . Man läßt sich den Winter auch gefallen . Man glaubt sich freier auszubreiten , wenn die Bäume so geisterhaft , so durchsichtig vor uns stehen . Sie sind nichts , aber sie decken auch nichts zu . Wie aber einmal Knospen und Blüten kommen , dann wird man ungeduldig , bis das volle Laub hervortritt , bis die Landschaft sich verkörpert und der Baum sich als eine Gestalt uns entgegendrängt . Alles Vollkommene in seiner Art muß über seine Art hinausgehen , es muß etwas anderes , Unvergleichbares werden . In manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel ; dann steigt sie über ihre Klasse hinüber und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen , was eigentlich singen heiße . Ein Leben ohne Liebe , ohne die Nähe des Geliebten ist nur eine » Comédie à tiroir « , ein schlechtes Schubladenstück . Man schiebt eine nach der andern heraus und wieder hinein und eilt zur folgenden . Alles , was auch Gutes und Bedeutendes vorkommt , hängt nur kümmerlich zusammen . Man muß überall von vorn anfangen und möchte überall enden . Zehntes Kapitel Charlotte von ihrer Seite befindet sich munter und wohl . Sie freut sich an dem tüchtigen Knaben , dessen vielversprechende Gestalt ihr Auge und Gemüt stündlich beschäftigt . Sie erhält durch ihn einen neuen Bezug auf die Welt und auf den Besitz . Ihre alte Tätigkeit regt sich wieder ; sie erblickt , wo sie auch hinsieht , im vergangenen Jahre vieles getan und empfindet Freude am Getanen . Von einem eigenen Gefühl belebt , steigt sie zur Mooshütte mit Ottilien und dem Kinde ; und indem sie dieses auf den kleinen Tisch als auf einen häuslichen Altar niederlegt und noch zwei Plätze leer sieht , gedenkt sie der vorigen Zeiten , und eine neue Hoffnung für sie und Ottilien dringt hervor . Junge Frauenzimmer sehen sich bescheiden vielleicht nach diesem oder jenem Jüngling um , mit stiller Prüfung , ob sie ihn wohl zum Gatten wünschten ; wer aber für eine Tochter oder einen weiblichen Zögling zu sorgen hat , schaut in einem weitern Kreis umher . So ging es auch in diesem Augenblick Charlotten , der eine Verbindung des Hauptmanns mit Ottilien nicht unmöglich schien , wie sie doch auch schon ehemals in dieser Hütte nebeneinander gesessen hatten . Ihr war nicht unbekannt geblieben , daß jene Aussicht auf eine vorteilhafte Heirat wieder verschwunden sei . Charlotte stieg weiter , und Ottilie trug das Kind . Jene überließ sich mancherlei Betrachtungen . Auch auf dem festen Lande gibt es wohl Schiffbruch ; sich davon auf das schnellste zu erholen und herzustellen , ist schön und preiswürdig . Ist doch das Leben nur auf Gewinn und Verlust berechnet ! Wer macht nicht irgendeine Anlage und wird darin gestört ! Wie oft schlägt man einen Weg ein und wird davon abgeleitet ! Wie oft werden wir von einem scharf ins Auge gefaßten Ziel abgelenkt , um ein höheres zu erreichen ! Der Reisende bricht unterwegs zu seinem höchsten Verdruß ein Rad und gelangt durch diesen unangenehmen Zufall zu den erfreulichsten Bekanntschaften und Verbindungen , die auf sein ganzes Leben Einfluß haben . Das Schicksal gewährt uns unsre Wünsche , aber auf seine Weise , um uns etwas über unsere Wünsche geben zu können . Diese und ähnliche Betrachtungen waren es , unter denen Charlotte zum neuen Gebäude auf der Höhe gelangte , wo sie vollkommen bestätigt wurden . Denn die Umgebung war viel schöner , als man sichs hatte denken können . Alles störende Kleinliche war ringsumher entfernt , alles Gute der Landschaft , was die Natur , was die Zeit daran getan hatte , trat reinlich hervor und fiel ins Auge , und schon grünten die jungen Pflanzungen , die bestimmt waren , einige Lücken auszufüllen und die abgesonderten Teile angenehm zu verbinden . Das Haus selbst war nahezu bewohnbar , die Aussicht , besonders aus den obern Zimmern , höchst mannigfaltig . Je länger man sich umsah , desto mehr Schönes entdeckte man . Was mußten nicht hier die verschiedenen Tagszeiten , was Mond und Sonne für Wirkungen hervorbringen ! Hier zu verweilen war höchst wünschenswert , und wie schnell ward die Lust zu bauen und zu schaffen in Charlotten wieder erweckt , da sie alle grobe Arbeit getan fand ! Ein Tischer , ein Tapezier , ein Maler , der mit Patronen und leichter Vergoldung sich zu helfen wußte , nur dieser bedurfte man , und in kurzer Zeit war das Gebäude im Stande . Keller und Küche wurden schnell eingerichtet ; denn in der Entfernung vom Schlosse mußte man alle Bedürfnisse um sich versammeln . So wohnten die Frauenzimmer mit dem Kinde nun oben , und von diesem Aufenthalt , als von einem neuen Mittelpunkt , eröffneten sich ihnen unerwartete Spaziergänge . Sie genossen vergnüglich in einer höheren Region der freien , frischen Luft bei dem schönsten Wetter . Ottiliens liebster Weg , teils allein , teils mit dem Kinde , ging herunter nach den Platanen auf einem bequemen Fußsteig , der sodann zu dem Punkte leitete , wo einer der Kähne angebunden war , mit denen man überzufahren pflegte . Sie erfreute sich manchmal einer Wasserfahrt , allein ohne das Kind , weil Charlotte deshalb einige Besorgnis zeigte . Doch verfehlte sie nicht , täglich den Gärtner im Schloßgarten zu besuchen und an seiner Sorgfalt für die vielen Pflanzenzöglinge , die nun alle der freien Luft genossen , freundlich teilzunehmen . In dieser schönen Zeit kam Charlotten der Besuch eines Engländers sehr gelegen , der Eduarden auf Reisen kennengelernt , einigemal getroffen hatte und nunmehr neugierig war , die schönen Anlagen zu sehen , von denen er soviel Gutes erzählen hörte . Er brachte ein Empfehlungsschreiben vom Grafen mit und stellte zugleich einen stillen , aber sehr