Helfer und Helfershelfer nicht zu wissen braucht - - ... Das war die Lehre der Kirche , die ihr immer so wohlgethan ... Die gab ihr jenen Muth und jenes Talent , eine » Beate « scheinen zu können ... Was auch an Angst über diese Verbrechen in ihrer Seele lebte , sie warf alles auf Bonaventura ... Seiner Vermittelung der grauenhaften und für ihren Ruf , ihre Freiheit so gefährlichen Vorgänge vertraute sie - seiner » vielleicht noch für sie erwachenden « Liebe - seiner Furcht auch vor ihrem zweiten » Geheimniß « - über ihn selbst ... Zu Enthüllungen über die Ursachen der Flucht Lucindens aus dem Nück ' schen Hause blieb die Zeit nicht gegeben ... Den Ton der tiefsten Entfremdung gegen sie , einen Ton aus dem Urgrund der Seele , den Bonaventura nicht überwinden konnte , milderten die priesterlichen Formen ... Da erklang der sanfte Ton der Güte , da das stille Murmeln des Gebetes , da die ernste Ermahnung ... Furcht über ihre Mitwissenschaft an seinem eigenen tiefen Lebensunglück beherrschte ihn nicht ... Schon beim ersten Nennen Bickert ' s unterbrach er sie mit den Worten : Jener Verbrecher , dessen Reue Sie immer noch unvollständig machen durch das Zurückbehalten seines Raubes ! Warum erhielt ich nie , was Sie von ihm besitzen ? Ist Ihr Bedürfniß , sich an mir zu rächen , noch so lebhaft ? Warum sagen Sie mir nicht , was ich aus dem beraubten Sarge von Ihnen zu fürchten habe ? ... Alle diese Fragen ließ Lucinde ohne Antwort und ihn selbst verhinderte sein Stolz , verhinderte sein Schmerz um seines Vaters so schwer bedrohtes Schicksal anzudeuten , daß er den Inhalt der Leo Perl ' schen Schrift kannte ... Vollends mahnte die nächste Gefahr , die vom Grafen Hugo mit Erneuerung des Processes drohte , zu dringend ... Zu dringend sogar die Möglichkeit , daß Lucinde ihrer Freiheit beraubt werden und die Beschlagnahme ihrer Papiere gewärtigen konnte ... Nachdem Lucinde in Bonaventura ' s Ohr geflüstert hatte , was sie vom Brand in Westerhof und aus Nück ' s Mittheilungen über Hammaker ' s Vorhaben wußte , verlebte sie Stunden der höchsten Angst ... Sie durfte irgend eine Unternehmung , irgend eine Berührung mit dem Grafen Hugo erwarten ... Es wurden aber Tage daraus - zuletzt Wochen ... Niemand mehr erkundigte sich nach ihr ... Weder der Graf , noch Bonaventura ... Hatte dieser den Grafen so vollständig beruhigt , so ganz die von ihr eingestandene Fälschung der Urkunde verschleiert ? ... Sie hörte Bonaventura ' s italienische Predigt ; sie theilte die Bewunderung der Hörer sowol über den Inhalt , wie über die Form ; sie frischte selbst ihre alte Kenntniß des Italienischen auf und nahm Unterricht darin ... Kein Wort aber kam vom Grafen , kein Lebenszeichen von Bonaventura , der inzwischen nach Italien abgereist war - ohne von ihr irgend einen Abschied gekommen zu haben ... Anfangs sandte sie ihm einen zornigen Fluch nach , dann erstickte der Schmerz in Schadenfreude ... Graf Hugo war denn also wirklich nach Schloß Westerhof gereist und alle Welt erklärte die Heirath zwischen dem Grafen und Comtesse Paula für so gut wie geschlossen ... Paula vermählte sich ! ... Es war das Gespräch der ganzen Stadt ... Inzwischen fing sie an bittre Noth zu leiden ... Ihre Geldmittel waren erschöpft ... Was sollte sie beginnen ? Welchen Weg einschlagen , um sich in dieser so schwierigen Stellung eines alleinwohnenden Mädchens zu behaupten ? ... Durfte sie es ein Glück nennen , wenn sie hier plötzlich - Madame Serlo und ihren Töchtern wieder begegnete ? ... Wol durfte die theaterlustige Stadt beide alte Gegnerinnen zusammenführen . Serlo ' s Kinder waren schnell herangewachsen und gefällige Tänzerinnen geworden . Sie protegirten Lucinden , die sie herabgekommen , eingeschüchtert , in schon schwindender Jugend sahen . Sie boten ihr nicht nur ihren eigenen Beistand , sondern auch den - ihrer Beschützer . Die Kinder waren leichtsinnig . Die Mutter » genoß « nun , wie sie sagte , ihr Leben nach langer Entbehrung ; sie genoß es auch im Behagen , prahlen zu können ; ja - » Herz « zeigen zu können , gewährte ihr , ganz nach Serlo ' s Theorie , eine eigene Genugthuung ... Frau Serlo - das war ein elektrischer Leiter für die ganze begrabene Vergangenheit Lucindens ... Sie erzählte jedem , was sie von Lucinden und Klingsohr , von Jérôme von Wittekind , vom Kronsyndikus wußte ... Daß Dr. Klingsohr in Rom gefangen saß , war allgemein bekannt ; oft genug wurde Lucinde in die Lage gebracht , über diese Beziehungen Rede zu stehen ... Sie wohnte in der ärmlichsten Vorstadt ... Empfehlungen von Beda Hunnius und Joseph Niggl öffneten ihr wol manches fromme Haus ; die Gewohnheiten einer Convertitin behielt sie bei ; sie blieb eine der eifrigsten Besucherinnen der Kirchen und Andachten ; aber ihre Lage wollte sich nicht dadurch bessern ... Von Nück wollte sie nichts begehren ... In ihrer steigenden Noth dachte sie : Du schreibst an den Dechanten , wie ihr damals Bonaventura durch Veilchen hatte rathen lassen ... Sie unterließ es ... » Wenn es nicht die Asselyns wären ! « ... Nun suchte sie selbst Stunden zu geben ... Ihre Musik suchte sie hervor ... Sie versuchte sich sogar in dem ihr gänzlich versagten Gesange ... Dies Letztere , um zugleich in der italienischen Sprache sich zu vervollkommnen und sich rüsten zu können zu ihrer letzten » Pilgerfahrt nach Rom « - » vor ' m Zusammenbrechen « ... Sie nahm Singstunden bei Professor Luigi Biancchi ... Sie waren bei diesem gesuchten Maestro theuer ... Aber für jede Stunde , die sie in der Currentgasse nahm , gab sie eine in der Weihburggasse , wo Serlo ' s Kinder wohnten ... Diese wollten den Cavalieren gegenüber , die die Tänzerinnen des Kärnthnerthors auszeichneten , ihre vernachlässigte Bildung nachholen ... Eine Weile ging das alles leidlich ... Aber wie viel