ganz in jenem Schweigen , das die Sammlung unterstützen konnte ... Lucinde kniete und träumte ... Graf Sarzana fehlte ... Er hatte sich in aller Frühe schon wegen seines Ausbleibens entschuldigen lassen - Im Duft des Weihrauchs sammelte sie sich ... Secreta - Canon - » Wandlung « - sie unterließ kein Kreuzeszeichen und dachte an die noch schlummernden jungen Ehegatten - an die Morgengeschenke , die Ceccone schon in aller Frühe für das junge Paar geschickt hatte - auch für sie lag eine kostbare Broche , Venetianer Arbeit , dabei - An Graf Sarzana ' s Schnurrbart und unheimliche Augen - An die schlaflose Nacht ihrer Feindin , der Herzogin von Amarillas - An Hubertus und seine Vertrautheit mit der ältesten Geschichte des Kronsyndikus - An Klingsohr ' s möglichen Tod - An Bonaventura ... Dann sang der Priester : Ite Missa est ! ... Mit gestärkter Kraft schritt Lucinde über die bunte Marmormosaik des Fußbodens dahin ... Sie trat aus den Reihen der großen Porphyrsäulen hinaus auf den Platz der » heiligen Treppe « und ließ sich von ihrem Bedienten in den Wagen helfen ... Der Bediente erzählte , der ganze Weg bis zu Castel Gandolfo , wohin Se . Heiligkeit heute frühe hinausgefahren , wäre des Räuberüberfalls von gestern wegen mit Carabiniers besetzt und würde eben noch von einzelnen Trupps der Leibwache bestrichen , unter denen sich auch Graf Sarzana befunden hätte ... Deshalb hatte er bei der Messe fehlen müssen ... Lucinde konnte erwarten , daß Se . Heiligkeit selbst sie nächstens beriefen und ihr persönlich seinen Glückwunsch abstatteten ... Daß die Regierung hier über den Tod Grizzifalcone ' s anders dachte , als jeder gewöhnliche Freund der Ordnung , wußte sie schon ... Besonders sollte der alte Fürst Rucca daran auf verdrießliche Art betheiligt gewesen sein ... Er hatte ihr kaum einen guten Morgen ! gewünscht , als er ihr auf der Marmortreppe seines Palazzo bei ihrer Ausfahrt begegnete und murmelnd in die Bureaux seines Parterre schlich ... Die Fahrt zur Villa Rucca dauerte nur wenige Minuten ... Aber der Ueberblick einer Welt konnte sich für ein Wesen wie Lucinde in sie zusammendrängen .... Das Nächste : Sollte Klingsohr die Nacht über gestorben sein ? war schon abgethan ... Vor einigen Jahren hätte Lucinde darin eine Gunst des Zufalls gefunden ... Auf ihrer jetzigen Höhe war ihr ein in Clausur eines strengen Klosters lebender ehemaliger Verlobter kein zu gefährliches Schreckbild mehr ... Sie hätte ja lieber mit Klingsohr und Hubertus mehr verhandelt ... Sie mußte es auf alle Fälle ... Der Herzogin von Amarillas wegen , die sie » unschädlich « machen wollte ... Wie stand sie überhaupt jetzt zu dieser » Posse des Lebens ? « ... Sie lehnte in ihrem offnen Wagen , die Hände ineinandergeschlagen und auf ihren weißseidnen Polstern ausgestreckt , wie eine Fürstin ... Das also bot ihr denn doch in der That Rom ! ... Sehet her , so lohnte sich jener Gang zu dem Bischof , bei dem sie einst ihre » hessische Dorfreligion « , das Lutherthum , abgeschworen hatte ... Der » Augenblick « , der goldene » Augenblick « , wie er jetzt dem auf dem goldenen Kreuz über der Kapelle » zur heiligen Treppe « blitzenden Sonnenschein glich , gehörte ihr , ihr , der » vom Leben Erzogenen « , mit » Thränen Getauften « - - wie sie im Beichtstuhl zu Maria Schnee in Wien , anzüglich genug für - den ungetauften Bonaventura , gesprochen hatte . Sie wollte diesen Augenblick ihr Eigenthum nennen ; sie wollte ihn sobald nicht wieder fahren lassen ... Sie wußte , daß sie hinuntersteigen würde ... O , das kannte sie schon als ihr altes Lebensloos ... Aber bei einem Sturz kommt es auf die Höhe an , von wo herab ! ... Die Bedingungen des künftigen Elends , das sie vollkommen voraussah , richteten sich nach der Lage , die sie verließ ... So dachte sie : Jetzt oder nie ! ... Was ist das mit dem Grafen Sarzana ? ... Warum will mich die Herzogin von Amarillas nicht bei sich behalten ? ... Warum flüstert der Cardinal so lächelnd mit dem interessanten , geistvollen Offizier , der mir offenbar den Hof macht und doch - ... Warum lächelten beide so zweideutig ? ... Seitdem Lucinde damals vor Nück zu Veilchen Igelsheimer entflohen war , hatte sie für die Verwickelungen des Lebens Gigantenmuth bekommen ... Sie hatte auch den Muth , vor nichts mehr - zu erröthen ... Sie ahnte , was zwischen Ceccone und dem Grafen Sarzana vor sich ging ... Daß sie nicht um Kleines zu erobern war , hatte sie wol schon gezeigt ... Ja - haßte sie nicht eher die Männer überhaupt ? ... In » Maria Schnee « hatte sie nicht Zeit gefunden , Folgendes zu beichten : Sie hatte das Kattendyk ' sche Haus um den Thiebold ' schen Streit über die Kreuzessplitter verlassen ... Sie war zur Frau Oberprocurator Nück gezogen , die sich schon längst ihre wärmste Freundin und Bewundrerin nannte ... » Jede kluge Frau « - stand in Serlo ' s Denkwürdigkeiten - » macht die zu ihrer Freundin , die ihrem Platz bei ihrem Manne gefährlich zu werden droht . Kühlt sich durch eine nähere Bekanntschaft dann nicht an sich schon die Glut des Interesses beim einen oder andern ab , so hat die Frau den Vortheil , der Welt die böse Nachrede zu verderben ... « So dachte freilich die Oberprocuratorin nicht , aber die Wirkung blieb dieselbe ... Lucinde war bei den täglichen , mit Frau Dr. Nück gepflogenen Erörterungen über Kleiderstoffe , Farbenzusammenstellungen und die Echauffements ihres Gesichts nirgends vor ihrem Mann sicherer , als in seinem eignen Hause ... Dennoch verließ sie es , als sie eine grauenhafte Sage , die über Nück im Munde des Volkes ging , bestätigt fand . Er selbst hatte es ihr einst gesagt , daß sich ihm zuweilen eine Binde vor die Augen legte