treu Ihr Gedächtniß ist , Egon ! Sie müssen diese Blätter oft lesen ! Ja , Pauline , sagte Egon gerührt , ich lese sie oft , sie sind ein Gedicht . Sie sind die Bekenntnisse einer wirklich schönen Seele . Ein junges , unerzogenes Mädchen , dumpf hinlebend , verheirathet , weil sie schön war , ohne Vermögen , ohne viel Bildung , ohne viel Lebensansprüche , nun gequält und die Qual ihres Looses für das allgemeine Frauenloos nehmend ... Da endlich jene Reise nach Landeck ! Die Stelle , wo die Mutter mir schreibt , daß sie von Heinrich Rodewald zum ersten Male auf den Schlag der Nachtigall wäre aufmerksam gemacht worden , les ' ich täglich ; denn ich kann sie auswendig . » Philomele scheidet nun , sagte Heinrich und auch wir werden uns trennen ! Unbekanntes Land , das uns die Sängerin des Haines birgt , bis sie wiederkehrt ! Ach , wir kennen unsre Heimat , wir kennen das Land unsres Winters , aber wir werden uns nicht wiedersehen . « Pauline , diese Denkwürdigkeiten ... ich lese sie oft ; sie stärken , sie erheben mich . Ich begreife jetzt , warum sich meine Mutter zuletzt in die Fluten einer ungewöhnlichen Andacht warf . Sie wollte nicht blos die Sünde , sie wollte auch das nur einmal blühende Lebensglück vergessen . Sie wollte vergessen , wie die Erde so schön ist ! Und gestehen Sie , waren Sie nicht erstaunt , daß ich nicht beschämt sage , als Sie auch nicht ein Wort der Anklage , nicht eines des vernichtenden Vorwurfes für Sie in jenen Papieren entdeckten ? Pauline schwieg finster ; denn fremde Güte drückt ... Über die Lösung des Knotens , fuhr Egon fort , fand ich nichts als die Worte : » Pauline erkrankte aufs Neue . In dem Glauben , sie würde ihrem Übel erliegen , in der Voraussetzung , mein Geliebtester würde schonungsvoll und edel meine Schwäche verzeihen und sich zu mir , der Treulosen , die dem Reichthum und Glanz ihres Kindes zu Liebe ihren Schwur brach und Alle , Alle betrog , in Vergebung zurückkehren , gewann sie eine junge , liebenswürdige , kindliche Anverwandte und bestimmte sie zu Rodewald ' s künftiger Gattin . Ich habe nichts mehr von Beiden , die sich wirklich verheiratheten und diese Länder verließen , gehört , nichts mehr hören mögen , ich wandte mich bald , da ich an dem Fürsten den gehofften Halt verlor , zu dem einzigen Hort des Lebens , dem Tröster aller Leiden , unserm Herrn und Heiland , der mir Gnade widerfahren ließ , aber auch stündlich zuruft : Demuth und Kreuz auf Erden ist allein Erhöhung zum Himmel ! « Pauline runzelte die düstren Augenbrauen . Dies ernste Gespräch kam ihr zu unerwartet . Es weckte zuviel der schmerzlichsten Erinnerungen aus vergangnen Tagen . Sie wollte der Gegenwart leben , den Augenblick genießen . Sie haßte alle Rück- und alle Vorblicke , sie floh die Reflexion und behauptete , Egon hätte eine verdrießliche Erfahrung gehabt und wäre nicht aufrichtig gegen sie . Sie haben ein Rencontre mit dem Herrn Voland gehabt , sagte sie . Ich weiß es , daß Sie ihn ungern in den » kleinen Cirkeln « sehen und ihm nicht verzeihen können , daß er das von Ihnen ihm dargebotene Portefeuille ausschlug . Die Beamten intriguiren ? Die Provinzialpräfekten ? Nicht ? Egon schwieg . Er wollte nicht antworten . Er weilte in den Erinnerungen seiner Mutter . Man brachte ihm hierher Briefe , Zeitungen . Er sah sie noch nicht an . Pauline kannte seine ernste Natur und mußte ihn schonen , um ihn nicht zu erzürnen . Sie las in den Blättern . Dann und wann ließ sie eine Bemerkung fallen , eine Notiz laut werden . Egon antwortete einsylbig . Erst als Pauline leise ging , aus einem Kästchen an ihrem Schreibtisch eine Cigarre mit Grazie hervorzog , sie über dem Cylinder der Lampe behutsam anzündete und mit wirklicher Anmuth sie dem Träumenden entgegenhielt , lächelte er , stand auf , nahm die dargebotene Licenz , sich es hier so bequem wie in seinem Hause zu machen , entgegen und wurde mit der ersten Wolke , die er hinausblies in das erwärmte , behagliche stille Gemach von dem Drucke , der auf seinem Herzen lastete , befreit . Was bringen die Blätter ? sagte er . Was fragten Sie mich vorhin über General Voland ? Oder von Rochus vom Westen , dem Gesandten ? Oder dem Präsidenten von Flottwitz ? Sprachen Sie nicht ? Er war zur Gegenwart zurückgekehrt . Fünftes Capitel Die Hintertreppen Die Geheimräthin fragte zuvörderst , wie der berühmte General sich zu ihm stelle . Egon antwortete : Ich weiß jetzt , warum General Voland von der Hahnenfeder sich scheute , in mein Ministerium einzutreten . Ich habe Entdeckungen gemacht , die mich bestimmen werden , den Hof vor diesem unklaren Charakter zu warnen . Entsinnen Sie sich jenes Professors Rafflard , der sich an Helenen so geflissentlich anschloß ? Die Geheimräthin bemerkte , daß sie von Helenen selbst erfahren hätte , dieser Rafflard wäre ein Jesuit . Helene , sagte Egon , war leichtgläubig , ein Spielball jeder Schmeichelei . Sie hatte von Rafflard Beweise seiner Intriguen genugsam in Paris erfahren . Sie wußte , daß ich alle Ursache zu haben glaubte , mich von ihm gehaßt zu wissen . Dennoch nahm sie ihn auf . Und warum ? Weil er ihr sagte , sie hätte die zartesten Hände und das weichste Herz . Helene ist das Opfer dieser Unfähigkeit , irgend einem freundlichen Worte zu widerstehen . Ich finde Das unter allen Umständen liebenswürdig , aber nicht unter jedem Umstande charakterfest . Rafflard soll in Verzweiflung über Helenen ' s Abreise sein , bemerkte Pauline . Der gute d ' Azimont schrieb mir , daß seine Mutter dem Jesuiten den Auftrag gegeben hätte , zu Gunsten seines Vermögens , das der Mutter