schiene . Ach , sagte Egon , welch ' ein drückendes Gefühl bleibt es doch , so an sich selbst nicht mehr glauben zu dürfen und sich als ein Andrer zu wissen , als der man von den Menschen genommen wird ! Seit ich die Denkwürdigkeiten meiner Mutter las , ist mein Innerstes zerstört . Diese verblendete , von der Leidenschaft der Wahrheit bis zur Grausamkeit hingerissene Frau ! Um Buße zu thun , um ihre Reue zu bekennen , um ihren Sohn zur Nachfolge Christi , zur Demuth zu bewegen , muthet sie ihm für sein ganzes Leben eine Lüge zu , einen Betrug gegen sich selbst und die Welt ! Man brachte den Kaffee . Pauline winkte den Bedienten , die an rasches Serviren gewöhnt waren , sich zu entfernen . Lassen Sie diese Erinnerungen ! sagte die nächst der Ludmer einzige Mitwisserin des Geheimnisses , daß Egon nicht der Sohn des Feldmarschalls von Hohenberg war . Es gibt nur ein Wesen , das in die Geschichte der Verirrungen Ihrer Mutter eingeweiht ist - Verirrungen ! griff Egon träumerisch das Wort auf . Als ich die Denkwürdigkeiten meiner Mutter las , fühlt ' ich , sie kommen , so grausam sie für mich sind , doch von einer andern Welt als der , wo wir irren . Pauline , ich hätte Sie damals tödten können , weil Sie sich mit so verschlagner List diesen Besitz aneigneten - Erlaubte Selbsthülfe , Prinz ! Nein , fuhr Egon gesteigerter fort , ich segnete Sie schon nachher selbst in meinem Schmerz . Ich war zu Thränen gerührt , als Blatt für Blatt diese Geständnisse aufflogen und ich in den Grund eines das Unmögliche suchenden , verzweifelnd ringenden Herzens blickte . Ach , als ich heute die Altenwyl in bequemer Behaglichkeit so albern religiös sich gebehrden sah , so sicher in ihrem Christenthum , wie eine Predigthörerin im bequemen Kirchenstuhl , als man mir zumuthete , die Erbschaft der Johanniter getrost der Stadt zu überlassen und den vom vorigen Ministerium begonnenen Prozeß zu Gunsten einer pietistisch-jesuitischen Coterie - die ich klar durchschaue - fallen zu lassen , wie ging mir da beim Anhören dieses Nebelns und Schwebelns kindisch bornirter Gemüthsgründe das Bild meiner Mutter auf ! Wer ist unter Euch , der mich einer Sünde ziehe , so konnte sie sagen solchen absolut Tugendhaften gegenüber ! Sie , die sich , um sich ganz verachtet zu machen , sich ganz zu entkleiden , ganz zu stäupen und zu demüthigen , selbst anklagte , sie , die keine gleißnerische Falte in ihrem Leben dulden wollte und in mir dieselbe Demuth , dieselbe Entsagung und Gottergebung durch irgend einen großen Entschluß wirken wollte ! Ich hatte sie gekränkt von Kindesbeinen an ... Aber , Egon ! So entschuldigen Sie diese Mutter ? rief Pauline . Sie konnte Jedem ihren Fehltritt , der mich damals namenlos unglücklich machte , beichten , warum Ihnen ? Sie hat Ihre Ruhe vergiftet , sie hat Ihnen den Glauben an sich selbst genommen ... Denken Sie sich in diese Verirrung nicht hinein ! unterbrach Egon . Sie verstehen diesen Trieb nach Wahrheit und diese Auffoderung zur Demuth nicht ! Ich finde in der Manie der Wahrheit keine Tugend mehr . Sie wollte mit keiner Lüge aus der Welt gehen ! Sie wollte ganz zerknirscht sein , ganz gedemüthigt vor den Menschen und vor mir , dem sie die Grenze des Selbstgefühls wies ! Einmal flammte noch die Angst in ihr auf . Sie schrieb an Rudhard , er sollte ihre Geständnisse prüfen ... Ihren Namen , den Namen Ihres Vaters schänden ! Nein ! Nein ! Pauline ! Wenn die Todte Das sähe ! Ich sitze auf den schwellenden Polstern ihrer Feindin ! Was ist Ihnen , Prinz ? Als ich diese Denkwürdigkeiten , die unter Thränen geschrieben wurden , las , dankte ich dem Zufall , daß sie Rudhard , der Ansprüche darauf machte , nicht erst gelesen . Sie allein kennen sie . Sie allein , Pauline , wissen , daß die junge Gräfin Hohenberg ihre erste Freiheit von einem brutalen , rohen , sinnlichen , gewöhnlichen Gatten , dem berühmten Krieger , zu einer Badereise benutzt und in dem Jubel einer endlich einmal erlösten Existenz , in dieser Freiheit von vier Wochen so schwach war , den Schmeicheleien eines liebenswürdigen jungen Mannes nachzugeben , den auch eine Kette band , auch ein Schicksal drückte ... Sie sind so grausam wie Ihre Mutter ! Vergeben Sie , Pauline , ich muß es mir oft vorführen , um es von einer Mutter verstehen zu können . Ich möchte von Heinrich Rodewald , meinem wahren Vater , eine gute Vorstellung haben . Die Mutter schildert ihn wie einen Gott . Aber die Erinnerung mag verschönert haben . Ist es doch ein Frühlingshauch , der über diesen Blättern weht ! Welche Seligkeit , wie sie ihre Freiheit in der Landecker Badereise schildert ! Die erste Freiheit ! Der erste Strahl des erwachenden Selbstbewußtseins ! Sonst Nacht , sonst Nebel , Qual täglich , Pflicht stündlich , nur Sklaverei ! Und nun dieser erste Lichtstrahl ! Und wen verklärt er ? Einen Rodewald ! Sagen Sie , verdiente er dies Entzücken ? Sie sind sein Ebenbild ! Besaß er seltnen Geist ? Mehr den Geist der Entwickelung als den der Synthese . Mehr Denker also als dichterisch . Die Frauen lieben die Analyse . Ach , ich sehe Das ! Pauline von Ried ist krank , elend , sie badet , um zu genesen . Ihr Freund und Verehrer begleitet indessen stündlich Paulinen ' s Jugendfreundin , findet Gefallen an der reizenden jungen Frau , die in Wonne schwelgt über einen Kieselstein aus dem Bache , über eine Blume , einen Käfer . Sie denkt , das Alles wäre der Zauber einer Badereise ; da müsse man einsaugen für das ganze Leben , jeden Grashalm genießen , jedes Vögelchen bewundern , aus allen Schnüren und Bändern die trunkene Seele erlösen .