Fragen wissen sie , daß ich ihr Bestes will . Aber die Andern ! Die Sitte ? bemerkte Pauline lächelnd und befahl den Bedienten , jetzt schon den Champagner zu öffnen . Als eingeschenkt war und die Diener sich entfernt hatten , sagte Egon : Warum zweifeln Sie an meiner Sittlichkeit ? Pauline schwieg , warf ungläubig die Lippen auf , Egon aber fuhr fort : Ist Das unsittlich , daß ich hier Ihnen gegenüber mein Mittagsmahl nehme und mich glücklich fühle , irgendwo einen Ort zu haben , wo ich mich ausruhen darf und wo man mir die Ruhe gönnt ? Pauline reichte ihm fast gerührt die Hand über den Tisch ... Geben Sie mir nicht die Hand , Pauline ! sagte Egon , sie sanft zurücklehnend . Ich verdiene es vielleicht nicht um Sie , denn gestern Abend , als in den kleinen Cirkeln von Ihnen die Rede war - Von mir ? Und nicht in den freundlichsten Andeutungen - In der That ? Was erwarteten Sie wol von mir ? Daß Sie mich vertheidigten . Ich that es , aber mit Waffen , die Sie vielleicht misbilligen . Nennen Sie sie ! Ich nehme Anstand ... Ich muß Alles hören , was man in den kleinen Cirkeln von mir gesprochen hat . Also ? Nun denn , Pauline ! Ich nannte Sie alt . Ich sagte ferner , Sie hätten das edle Bedürfniß , sich mit dem Sohne einer Mutter , mit der Sie verfeindet waren , auszusöhnen und ich schätzte an Ihnen diese Reue und liebte , da ich keine Mutter mehr besäße , Sie als die Stellvertreterin derselben . Nicht wahr , Das war eine sehr liebevolle Impertinenz ? Paulinen zuckten in der That die Nerven . Sie war denn doch von einer so heroischen Aufrichtigkeit zu sehr überrascht . Sie stand allerdings schon an dem Scheidewege , sich eine Matrone zu nennen . Aber hindrängen mußte man sie darauf so schroff nicht , so jäh und abschüssig nicht . Sind Sie mir böse ? fragte Egon . Die Geheimräthin faßte sich erst allmälig , biß sich die Lippen und sagte dann lächelnd : Warum sollt ' ich ? Sie haben Recht , ich bin alt . Im Übrigen glaub ' ich , daß Sie ganz gut thun , den Jargon dieser kleinen Cirkel zu sprechen , wenn Sie doch einmal an ihnen Theil nehmen müssen und Jemanden dort nützen wollen . Ich muß , um Doppelpolitik zu hintertreiben . Dann wünscht ' ich aber doch , fuhr Pauline noch etwas gereizt fort , die Gräfin Altenwyl käme einmal auf Melanie Schlurck zu sprechen und früge den tugendhaften jungen Premier , den Abgott aller pietistischen Hofdamen , wie er verantworte , seit dem Tage , wo er eine berühmte junge Kokette auf dem Wege nach Solitüde zu Pferde gesehen , sich sogleich in sie zu verlieben und bei der chère Maman Pauline von Harder , täglich nach einem Rendezvous , nach einem Tête-à-Tête mit ihr zu schmachten ? Die Bedienten brachten eben ein aus den vollendetsten Herbstfrüchten bestehendes Dessert . Als sie fort waren , sagte Egon , eine Melone pfeffernd : Bitt ' re Wahrheit ! Unser Magen verdaut das Süßeste nicht , wenn wir es nicht durch die Vernunft unterstützen . Ich gebe Ihnen das heilige Versprechen , daß ich auch in Betreff Melanie ' s auf jenem Tugendpfade bleiben werde , den Sie belächeln , Freundin ! Der Verhältnisse , Sie wissen , was das Wort bezeichnet , bin ich überdrüssig . Ich habe mit einer Grisette wie in der Ehe gelebt und habe Lust , Liebe , Leid im reichsten Maaße genossen . Ich hatte dann eine zweite Ehe . Ich bedarf , ich seh ' es wohl , der Frauen ... Pauline drohte ihm schalkhaft ; denn Egon that , als wäre sie seine dritte Ehe . In der That , fuhr er fort , wenn ich meinen kleinen Roman mit Melanie fortsetzen sollte , würd ' ich in die Lage kommen können , sie zu heirathen - Prinz , welche Thorheit ! rief Pauline und sprang auf . Fürst Egon von Hohenberg wird Melanie Schlurck , die Tochter eines in seinen Vermögensverhältnissen , wie es scheint , zerrütteten Advokaten , die ehemalige Verlobte eines Stallmeisters nicht zur Fürstin erheben ! Fürst von Hohenberg ! sagte Egon bitter . Wiederholen Sie dies Wort , seit wir die Denkwürdigkeiten meiner Mutter lasen , noch mit so würdevollem Nachdruck ? Welche Sorge ! entgegnete Pauline mit einem eignen Anflug von triumphirender Überlegenheit . Sie sind trotz der puritanischen Buße , die sich Ihre Mutter glaubte auferlegen zu müssen , der Sohn des Fürsten Waldemar von Hohenberg und werden den Glanz Ihres Namens nicht erlöschen lassen - Doch ! Doch ! Pauline ! erwiderte Egon sehr ernst und trübe . Wenn ich Minister bleibe und mir Melanie sich als Bedürfniß so erhält , wie sie es zu meinem Entsetzen schon geworden ist , so werd ' ich sie heirathen müssen . Unglaublich ! Dann gut ! Ich will Melanie nicht mehr sehen , nur Sie , Pauline , nur mit Ihnen will ich reden , mit Ihnen debattiren , diniren ; aber diese jungen Schönheiten , die Sie um sich versammeln , diese reizenden Gestalten entfernen Sie ! Ich kann mich nicht mehr an diese vorübergehenden Irrthümer , an die eitlen Naivetäten , an die sentimentalen Koketterieen preisgeben oder ich wähle ein Weib und Sie haben Recht , ich habe allerdings Ursache , eine aus den höchsten Ständen zu suchen . Man räumte die Tische hinweg . Egon nahm auf dem Sopha Platz und stützte das Haupt auf . Sie sind heute wieder einmal ein Grillenfänger , begann Pauline von Harder und fuhr dem jungen Fürsten durch die Locken , von denen sie bemerkte , sie würden ihm immer lichter werden , wenn er so seinem Trübsinn nachgäbe und dem Beispiele einer Mutter folge , die ihm ihr selbstquälerisches Temperament vererbt zu haben