auf ihrem Weihnachtswunschzettel setzte . Welche mochten die interessantesten sein ? Welche zu kennen die notwendigsten ? Eigentlich war ' s ein Lotteriespiel . Nun — auf jeden Fall würde sie sich zum Geburtstag wieder ein Buch wünschen und dann immer so weiter . Sie war schon so alt , sie mußte sich wahrhaftig eilen , um nur noch einen Teil des gewaltigen Wissensschatzes sich zu eigen zu machen ! Das hätte sie nicht haben können — dazu hätte sie nicht Zeit gefunden , wenn sie verheiratet gewesen wäre . Endlich schien es doch zu etwas gut , daß sie alte Jungfer geworden war ! — Ob Papa ihr wohl die drei Bücher schenken würde ? Oder nur zwei ? Er war so entsetzlich erstaunt gewesen , als sie ihm ihren Wunschzettel überreichte . “ Du willst ja gewaltig hoch hinaus , ” hatte er lächelnd gesagt . “ Was willst Du Dir denn für unverständliches Zeug in Dein kleines Köpfchen packen ? ” “ Ach Papa — ich muß mich ein bißchen bilden ! ” “ Nun ja — dagegen bin ich durchaus nicht . ” “ Die natürliche Schöpfungsgeschichte habe ich ganz gut verstanden . ” “ So — die hast Du also gelesen ? Das war recht überflüssig . Ein andermal fragst Du mich , ehe Du Dir etwas aus meinem Bücherschrank holst . Verstanden ? Junge Mädchen fassen dergleichen Werke oft ganz falsch auf . ” “ Das Buch mit den schrecklichen Illustrationen ? ” fragte Frau Heidling . “ Aber Agathe , so etwas möchte ich doch nicht lesen . ” “ Mama , es ist wirklich sehr interessant . — Und wenn — wenn man nicht heiratet , muß man doch irgend etwas haben , was einem Spaß macht . ” Agathe schämte sich über die kindische Art , in der sie von einer Frage redete , die wahrhaftig schwer und ernst genug war . Aber sie konnte nichts dafür — es kam ihr geziert vor , zu sprechen , wie es ihr eigentlich ums Herz war . “ Na — wir wollen einmal sehen , ” sagte der Regierungsrat . Sie fiel ihrem Vater um den Hals und küßte ihn stürmisch . “ Du Wirbelwind , ” bemerkte er zärtlich , ihr die Wangen klopfend . “ Und das nennt sich alte Jungfer ! ” Agathe hatte die schönsten Erwartungen . Nein — so grausam — so grausam konnten die Eltern nicht sein . . . . sie würden ihr schon den Wunsch erfüllen ! — — Auf ihrem Weihnachtstisch fand sie ein reizendes Jabot aus rosa Krepp — sie hatte es einmal in einem Schaufenster bewundert — und einen Prachtband mit bunten Bildern : die Flora von Mitteldeutschland , zum Gebrauch für unsere Töchter , — daneben eine geschnitzte Blumenpresse . “ Siehst Du , liebes Kind , ” sagte ihr Vater freundlich , “ hier habe ich ein sehr hübsches Werk gefunden , das besser für Dich paßt , als die Bücher , die Du da aufgeschrieben hast . Ich blätterte in den Sachen — sie wollten mir gar nicht für mein Töchterchen gefallen . Hier findest Du eine Anweisung , wie man Blumen trocknet — daraus fabriziert Ihr ja jetzt allerliebste Lichtschirme ! Das wird Dir auch Spaß machen ! ” Agathe sah stumm vor sich nieder . Sie mußte an den Herwegh denken , den man ihr einst gegen die fromme Minne eingetauscht . . Wiederholte sich denn jedes Ereignis immer aufs neue in ihrem Leben ? Und würde sich ' s nach zehn Jahren ebenso wiederholen ? Entwickelten sich denn alle Wesen in dieser Welt zu höheren Daseinsformen und nur sie und ihresgleichen blieben davon ausgeschlossen ? Sie war “ das junge Mädchen ” — und mußte es bleiben , bis man sie welk und vertrocknet , mit grauen Haaren und eingeschrumpftem Hirn in den Sarg legte — ? Wußte denn keiner , daß es grausam war , eine Blume , die nach Entfaltung strebte , durch ein seidenes Band zu umschnüren , damit sie Knospe bleiben sollte . Wußte keiner , daß sie dann im Innern des Kelches verrottete und faulte ? — — Jedesmal , wenn Agathe durch ihres Vaters Zimmer ging und ihr Blick den Bücherschrank streifte , der nun verschlossen war , stieg heißer Zorn gegen ihren Vater in ihr auf . Er wußte ja nicht , was er that , dachte sie , um ihn gegen sich selbst zu verteidigen . Täglich nahm er sie in den Arm und küßte sie , des Morgens und des Abends — aber was sie ihr Leben lang empfunden und durchgerungen , davon ahnte er nichts . Wie zart und geübt , wie gütig und geschickt hätte die Hand sein müssen , der es gelungen wäre , die dunklen Instinkte , die gährenden Gewalten , die in verschwiegenem Kampf sie zerwühlten , bis in die Form des Wortes herauszulocken . Onkel Gustav war gestorben . Mama hatte ihn heute morgen tot im Bett gefunden — fast in derselben Stellung , in der sie ihn am Abend zum Schlaf zurechtgelegt hatte . Er war sehr leidend gewesen in der letzten Zeit , aber der Arzt versicherte stets , er könne bei der guten Pflege noch Monate , ja noch Jahre leben . Mama und Agathe saßen still zusammen und flochten an einer Guirlande . Frau Heidling reichte ihrer Tochter kleine Sträuße von Grün und Blumen , aber sie machte es oft ganz verkehrt . Beide sahen müde und abgezehrt aus — besonders Mama konnte sich kaum noch aufrecht halten . Ihre Kräfte waren durch die Anforderungen des Kranken bis auf den letzten Rest verzehrt . Was sie und Agathe sich auch ausdachten an guten stärkenden Bissen — nichts hatte ihm geschmeckt . Verdrießlich schob er den Teller zurück und erzählte von diesem oder jenem Hotelkoch , der gerade das eine Gericht so wunderbar schön zu bereiten verstand . Beständig wollte er unterhalten sein und unterbrach doch meistens die