sich des jungen Mannes bemächtigt haben , weil man wußte , daß er direct aus Ihrer Kanzlei kam . Er leiht vielleicht nur den Namen her zu einem Angriff , der von ganz anderer Seite ausgeht . “ Raven schüttelte finster den Kopf . „ Der ist kein Werkzeug in fremden Händen ; der handelt aus eigenem Antriebe ; auch kann die Schrift nicht erst in den wenigen Wochen entstanden sein , die seit seiner Entfernung verstrichen sind . Sie ist das Resultat von Monaten , von Jahren vielleicht . Hier in meiner Kanzlei , fast unter meinen Augen , ist der Anschlag geplant und entworfen worden . Jedes Wort zeigt , daß er lange und sorgfältig vorbereitet wurde . “ „ Und der Assessor hat sich niemals Ihnen oder Anderen gegenüber verrathen ? “ fragte Wilten . „ Er muß doch Umgang , muß doch Vertraute gehabt haben . “ Die Lippen des Freiherrn zuckten , und sein Blick heftete sich auf die Fensternische , aus der ihm gestern Gabriele entgegengetreten war . „ Einen seiner Vertrauten wenigstens kenne ich , “ sagte er dumpf , „ und der soll mir Rede stehen . Was ihn selbst betrifft – nun , das wird sich finden . Zwischen uns beiden kann nur von einer Auseinandersetzung die Rede sein , für den Augenblick aber habe ich mit anderen Feinden abzurechnen . Es kommt wenig darauf an , ob ein Assessor Winterfeld in tugendhafter Entrüstung mich für einen Tyrannen und meine Amtsführung für ein Unglück erachtet ; das haben Andere auch gethan . Aber daß er es wagen darf , das in alle Welt hinauszuschreien , und daß dieses Wagniß geduldet , vielleicht sogar begünstigt wird – das ist es , was der Sache Ernst und Bedeutung giebt . Ich werde unverzüglich die vollste Genugthuung von der Regierung verlangen , die mit mir und in mir angegriffen ist , und wenn man Miene machen sollte , sie zu verweigern , so werde ich sie mir zu erzwingen wissen . Es ist nicht das erste Mal , daß ich genöthigt bin , mit den Herren in der Residenz die Sprache des Entweder – Oder zu reden . Ich habe mir schon öfter gewaltsam Luft schaffen müssen , wenn die Intriguen von dort mich auf ’ s Aeußerste brachten . “ „ Sie nehmen die Angelegenheit zu ernst , “ beruhigte der Oberst . „ Sie setzten ja sonst allen Angriffen eine unerschütterliche Ruhe und Gelassenheit entgegen . Warum lassen Sie sich diesmal durch Lügen und Verleumdungen aus der Fassung bringen ? “ Der Freiherr richtete sich mit seinem ganzen Stolze auf . „ Wer sagt denn , daß es Lügen sind ? Die Schrift strotzt von Feindseligkeit , Unwahrheiten aber enthält sie nicht , und ich denke nicht daran , auch nur eine der darin behauptete Thatsachen in Abrede zu stellen . Was ich gethan habe , werde ich zu vertreten wissen , aber nur denen gegenüber , denen es zusteht . Rechenschaft von mir zu verlangen , nicht gegen den ersten Besten , dem es einfällt , sich zu meinem Richter aufzuwerfen . Ihm und seinen Genossen werde ich allein die Antwort geben , die sie verdienen . “ Das Gespräch wurde hier unterbrochen ; man überbrachte dem Gouverneur eine Meldung , die der Polizeidirector soeben aus der Stadt heraufschickte . Oberst Wilten stand auf . „ Ich gehe jetzt , die verabredete Maßregeln zu treffen . – Die Frau Baronin ist doch glücklich angelangt ? Sie kam mit uns zur Stadt , wollte aber meine fernere Begleitung bis zum Schlosse nicht annehmen . Und wie geht es Fräulein von Harder ? Sie hat ja die ganze gestrige Unruhe mit durchmachen müssen . “ „ Ich weiß es nicht , “ sagte Raven kurz , beinahe rauh . „ Ich habe sie heut ’ noch nicht gesehen und war auch zu beschäftigt , um meine Schwägerin empfangen zu können . Ich werde später hinübergehen . “ Er reichte dem Oberst die Hand , und dieser entfernte sich , während der Freiherr an seinen Schreibtisch zurückkehrte , auf dem noch die gestrige Depesche lagen , um sofort einen Brief an den Minister zu beginnen . Die Baronin Harder war in der That vor einigen Stunden angelangt , aber nur von ihrer Tochter empfangen worden , was die Dame sehr übel vermerkte . Sie fand es äußerst rücksichtslos von ihrem Schwager , daß er sich nicht wenigstens einige Minuten von den Geschäften losriß , um sie zu begrüßen . Im Uebrigen war die Erkältung , an der Frau von Harder bereits seit einigen Tagen litt , durch die heutige Fahrt noch verschlimmert worden ; sie erklärte sich für sehr leidend und angegriffen und zog sich [ 372 ] sobald wie möglich in ihr Schlafzimmer zurück , um die ungestörteste Ruhe zu genießen , zur großen Erleichterung ihrer Tochter , die sich nun wieder selber überlassen blieb . Gabriele hatte es wirklich kaum vermocht , ihre Aufregung und Unruhe vor der Mutter zu verbergen . Der Freiherr war heute vollständig unsichtbar für sie geblieben und hatte sich sogar beim Frühstück entschuldigen lassen . Sie wußte freilich , daß er in Folge der gestrigen Ereignisse vom frühen Morgen an von allen Seiten in Anspruch genommen war , daß sich die Meldungen , Audienzen und Conferenzen in seinem Arbeitszimmer drängten , aber sie wußte auch , daß er trotz alledem Zeit finden würde , Zeit finden mußte , um zu ihr zu kommen , wenn auch nur auf Minuten . „ Bis morgen ! “ Das Wort mit seiner leidenschaftlichen Zärtlichkeit klang noch in ihrer Seele wieder . Der Morgen , der Vormittag waren gekommen und gegangen – Raven kam nicht , sandte auch kein Wort , keine Zeile , und es lag wie Bergeslast auf der Brust des jungen Mädchens . Was war geschehen ? Es war inzwischen Mittag geworden . Gabriele befand sich allein in dem kleinen Salon ihrer Mutter – da endlich vernahm sie