schwieg sofort , als Gisela neben die Frau trat . Die junge Dame sah mit angstvollen Augen auf die Bewußtlose und nahm bebend die kalten , schlaffen Hände zwischen die ihrigen ... Hier sollte und mußte sie Hilfe schaffen – aber wie ? ... Da stand kein vielseitiger , gewandter Lakai in der Nähe , der pflichtschuldigst in allen möglichen Lagen Rat wissen mußte : Weit und breit war keine menschliche Stimme , kein Fußtritt zu hören , keine stärkende Essenz , nicht einmal ein Glas frischen Wassers stand der ratlosen jungen Dame zu Gebote . Dabei befand sie sich auf völlig fremdem Gebiete – ihre eigenmächtigen , einsamen Waldwanderungen hatten immer nur den See zum Ziel gehabt . Es half nicht , sie mußte nach der weitentlegenen Waldwiese zurücklaufen . In demselben Augenblick war es ihr , als höre sie das Plätschern eines Brunnens . Sie schritt sofort den Holzweg entlang und kam dem Geräusch immer näher . Rechts zweigte sich ein schmaler Weg durch das Unterholz ab ; sie betrat ihn ohne Zögern , er führte sicher in Menschennähe . Hinter ihr schrie das Kind jäh auf , als sie seinen Augen entschwunden war ; sie beschleunigte angstvoll ihre Schritte und stand plötzlich der hochaufspringenden Fontäne des Waldhauses gegenüber . Sie fuhr heftig zusammen und trat unwillkürlich ins Gebüsch zurück . In diesem grünumsponnenen , altertümlichen , grauen Hause , » halb der Wohnsitz eines Märchenprinzen und halb der eines nordischen Barbaren « , wie sich die schöne Stiefmutter ausgedrückt hatte , wohnte der Portugiese – er konnte jeden Augenblick dort in die weit offene Tür treten ... Um alles mochte sie den zwei Augen nicht wieder begegnen , die vorgestern so finster und kalt strafend auf ihr geruht und heute wieder scheu , in Abneigung sich von ihr gewendet hatten ... Dort quoll das belebende Naß , das sie so angstvoll suchte , aber aus dem Murmeln und Plätschern schollen ihr dunkle , strenge , zurückschweifende Stimmen entgegen – jeder der funkelnden Tropfen schien kältend auf ihr Herz zu fallen . Sie schauerte in sich zusammen , und dennoch mußte sie das schützende Dickicht verlassen ; das ferne klägliche Weinen des Kindes trieb sie unwiderstehlich vorwärts . Sie verließ den Waldboden und erschrak aufs neue über den Kies , der unter ihren leichten Tritten knirschte ... Totenstille herrschte um das Haus . Auf den Spiegelscheiben glitzerte die höher emporsteigende Sonne , und die losen Ranken der Aristolochia bewegten sich leise hin und her im schwachen Windhauch – kein Menschenantlitz ließ sich hinter dem Fenster sehen . Vielleicht war der Herr des Hauses in Neuenfeld – er sollte ja unermüdlich tätig sein . Irgendeiner von der Dienerschaft aber verstand sich ganz gewiß dazu , sie zu begleiten und dem armen Weibe beizustehen . Ermutigt schritt sie bis an den Fuß der Treppe , die auf die Terrasse führte , doch mit einem leisen Aufschrei fuhr sie zurück ; der Papagei , der sich bis dahin mäuschenstill verhalten hatte , stieß ein mißtönendes Krächzen aus , und der kleine Affe sprang zähnefletschend mit einem ungeheuren Satz von seinem Lieblingsplatz herab – es wurde unheimlich lebendig um das junge Mädchen her . Ihr Schrei mußte im Hause gehört worden sein , ein alter Mann trat mit forschenden Augen aus der Halle , blieb aber bei Giselas Anblick , als sähe er ein Gespenst , wie festgewurzelt auf der Terrasse stehen . Die junge Dame hatte wenig Gelegenheit gehabt , physiognomische Studien zu machen , allein das wußte sie sofort , der Mann dort stand ihr gegenüber wie ein ergrimmter Feind . Haß und schreckhafte Überraschung spiegelten sich auf dem dunkeln , harten Gesicht . Er streckte ihr abwehrend die großen , knochigen Hände entgegen und rief rauh hinab : » Was wollen Sie ? ... In dem Hause hier haben Sie gar nichts zu suchen ! Es hat mit den Zweiflingen und dem Fleury nichts mehr zu schaffen ! « – Er zeigte nach einem der schmalen Waldpfade zur linken Hand . » Dorthin führt der Weg ins Arnsberger Holz ! « fügte er hinzu , als gehe er von dem Wahn aus , sie habe sich verirrt . Wie zu Stein erstarrt , blickte das junge Mädchen mit entsetzten Augen zu dem unheimlichen Mann auf . Eine dunkle Erinnerung aus ihrer Kinderzeit stieg in ihr empor – sie wurde in diesem Augenblick zum zweitenmal von der Schwelle des Waldhauses fortgewiesen ... Eine unsägliche Furcht überschlich ihr Herz , aber das stolze Blut der Reichsgrafen Sturm und Völdern kreiste nicht umsonst in ihren Adern , es schoß ihr siedend nach dem Kopfe , und wenn sie auch am liebsten spornstreichs in den schützenden Wald zurückgeflüchtet wäre , so fand sie doch den Mut , die äußere Ruhe zu behaupten . Sie maß den alten Mann mit einem stolzen Blick , und ihre Mundwinkel senkten sich genau in jener hochmütig verächtlichen Weise , mit der einst die Gräfin Völdern manchem Herzen den Todesstoß versetzt hatte . » Ich habe nicht daran gedacht , dieses Haus zu betreten ! « sagte sie schneidend und wandte ihm den Rücken . Sie wollte sich langsam entfernen – aber durfte sie gehen , ohne Hilfe mitzubringen ... Es kostete sie eine unsägliche Überwindung , noch einmal zurück in das Gesicht des schrecklichen Mannes zu sehen . Aber sie tat es – die Lehre von der Liebe , die sie heute in ihr Herz aufgenommen hatte , ließ sich nicht wieder verlöschen . » Ich lasse Ihre Herrschaft um ein Glas bitten , damit ich dort Wasser schöpfen kann ! « sagte sie in demselben gebieterischen Ton , mit dem sie im weißen Schlosse zu befehlen gewohnt war , und deutete nach dem Springbrunnen . » Holla , Frau Berger ! « rief der Mann in das Haus zurück , ohne jedoch seine Stellung im mindesten zu verändern – er stand dort , als gelte es , die Schwelle mit dem feurigen Schwert zu hüten .